Skip to main content

Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

See other formats


3/96 (Nr.59) 17.Jg. 8.-DM E9860F 

CHWARZER 




Vierleijahresschrift für Lust und Freiheit 
















Inhaltsverzeichnis 

Editorial. 

Aktuelle Themen: 

Michael Wilk: .. .aus dem Innern des Sparpakets 
Macht und Herrschaft Teil III 

Dorothea Schütze: Die Deutschen sind gefährlich, so gefährlich 
wie Kimsmann als Fußballspieler 
Bericht eines illegalisierten Flüchtlings 

Termine. 


Mtl. Dauerspenden für die 
Verbreitung anarchistischen 
.S. 4 Gedankenguts: 

N.H., Nürnberg 25.-; M.R., Frankfurt 
25.-; T .S. .Detmold 5.-; A.R., Paderborn 
10.-; F.-J. M., Dortmund 10.-; V.S., 
.S 5 Groß-Umstadt20.-;U.S.,Thedinghau¬ 
sen 15.-; R.G., Anröchte 15.-; 
Gesamtstand (September: 125.-) 

.S. 13 

Titelfoto: R. Maro/Version 
Legaler Hanfanbau (ohne THC) in 
... S.23 Brandenburg 


Internationales: 



Boris ScharlowsH: “Wir werden zu Sklaven dieser Firma” 

Der Babynahrungshersteller Hipp und nachhaltige. 

Bananenproduktion in Costa Rica K 




liü 


Sub. Marcos: Kommuniqu6 zur Staatsreform 


Jürgen Knisch: BUKO 20. 

Kongreßbericht 


Diskussion 


Hauke Benner: Der Derivatehandel. 

Die virtuelle Ökonomie des Finanzlai] 

Rezensionen:. 

C. Höbermann: Helden der Revolution 

D. V. Jost: Selbstbefreiung von der Dominanz 
B. Hüttner: 20 Jahre Radikal 

M. Droschke: Ulrike Meinhof 
G. Grüneklee: Edelweisspiraten 
Knobi: “Die Stimmung ist gut...” 

B.Petz: Wo Leben und Politik zusammenfallen 


Nachruf: Albert Meitzer. 


Geschichte 


Dieter Neiles: Die anarchistische Jugend in Wuppe 
Britta Gröndahl: Bellmansgatan 12- Die Geschieht« 
Ideologiekurses 


Projekt DadA. 

Leserbriefe/ Kleinanzeigen 


Redaktions - und Anzeigenschluß Nr.60: 7 . 1 ] % 
Aufufzum Wiederverkauf 

Wir suchen verstärkt Wiederverkäuferinnen überall t 
Bereits ab 2 Exemplaren geben wir 30% Rabatt. 

















Impressum: 

Redaktions- & ABOadresse: 
Schwarzer Faden, PF 1159 
D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 

Einzelpreis: 8.-DM 
| ABO (5 Nrn.): 35.-DM 
Postgiro Stuttgart: Kto. W. Haug, 
Ktonr* 57463-703, BLZ 600 100 70 

Erscheinungsweise: 5 x jährlich 
Auflage: 2500 

Herausgeber: 

Trotzdem-Verlag/W. Haug, Grafenau 
ISSN: 0722-8988, ZLS-Nr. 701 
Postzeitungsdienstar. E 9860 F 

NamentlichgekennzeichneteBeiträge stehen 
unter der Verantwortlichkeit der Verfasser¬ 
innen und geben nicht die Meinung des 
Herausgebers oder des presserechtlich Ver¬ 
antwortlichen wieder. 

Verlag, Satz& Vertrieb: Trotzdem-Verlag, 
Grafenau 

Druck & Weiterverarbeitung: Druck- 
cooperative, Karlsruhe 

Das Redaktionskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der Zeitschrift. Ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei. 
anti-Copyright: Nachdruck von Texten ist 
unter Angabe der Quelle und Zusendung 
eines Belegexemplars ausdrücklich er¬ 
wünscht. 

Redaktion dieser Ausgabe: 

Wolfgang Haug, Andreas Ries, Harald Ro¬ 
macker, Herby Sachs (V.i.S.d.P.), Boris 
Scharlowski, Dieter Schmidt 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen, Inter¬ 
nationalismus, Aktualisierung libertärer 
Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher Ge¬ 
schichte und einer Kultur- und Medienkritik 
von unten. Eingesandte Artikel, Photos, Gra¬ 
phiken etc. sind erwünscht! 

Technologie: Wir wünschen uns die Artikel 
auf 31/2-Zoll-Disketten. Am besten im Text- 
verarbeitungsprogramm Word od. Word- 
Windows auf MAC- oder DOS-Basis. 
Auslieferung an den Buchhandel: 

BRD: Rotation, Berlin; 

Österreich: Buchhandl. Stonehenge, Wien; 
Schweiz: Anares, Bern 

Anzeigenpreise (zzgl. 15% MWST): 
Kleinanzeige: 20.- DM 

halbe Spalte (5,4x 13,5cm): 150.- DM 

ganze Spalte (5,4x27 cm): 300.- DM 

1/4-Seite (8,5x 13 cm): 250.- DM 

l/2-A-4-Seite: 450.- DM 

1 A-4-Seite: 1000.- DM 

Dauerkunden erhalten 30% Rabatt! 


Spenden für den Pressefonds 
des Schwarzen Fadens: 

Hamburg 35.- (sorry!); B.R. 
Holzbunge 15.-; H.S., Stuttgart 15.-: 
H-G.H., Reutlingen 15.-; R.B., CH- 
Hremgarten 25.-; C.B., Wien 5.-; J.M. 
Tübingen 15.-; P.G., Heilbronn 6.-: 
O-K., Idar-Oberstein 100.- 

Gesamt: 231.- 


Jochen Knoblauch (Hg.): 

SF-Regisfer 

Aufgenommen wurden alle Beiträge von 
Nr.0-Nr.50, incl. Sondernummern. 10.- 
DM; auch als DOS-Diskette (Word- 
Datei) erhältlich. 


SF - Alte Nummern 

Die SF-Pakete für nur 10.-DM zzgl, 
Portokosten sind weiterhin erhältlich: 
Paket 1 (Nr.24-31) 

Paket 2 (Nr.32-39) 

Paket 3 (Nr.40-48), (ohne Nr. 44) 
Paket 4 (Nr.49-54) 














Was hat Belgien mit 
Barschei und was hat 
Barschei mit Lübeck 

zu tun? 


Diebelgische Bevölkerung, so die bun- 
desdeucschen Medien, erlebt derzeit ihr 
politisches Trauma. 

Personelle Querverbindungen zwi¬ 
schen Politikund Verbrechen, zwischen 
Kindesmißbrauch und Politikennord, 
gedeckt und mitausgeführt von Poli¬ 
zistenoder tunesischen Auftragskillem, 
- gedungen und bezahlt von Ex-Mini¬ 
stem und heutigen Parlamentariern. 

Mißbraucht und ermordet wurden 
Kinder, ermordet auch der Sozialist 
Andre Cools als er dabei war Korruption 
und politische Machenschaften u.a. im 
Zusammenhang mit dem Augusta-Mili- 
tärhubschrauber der Öffentlichkeit 
preiszugeben. 

Danach: jahrelanges Schweigen und 
Vertuschen. Die Assoziation der Ver¬ 
strickung von Politik und Mafia, sprich 


"Geldmachen um jeden Preis" zerstört 
das Selbstbildnis einer Bevölkerung, 
die sich in einem Staat wähnte, den sie 
demokratisch legitimiert und kontrol¬ 
liert und der so gamichts mit den soge¬ 
nannten "Bananenrepubliken" zu tun 
haben konnte. 

Wielange hat es gedauert, bis zumin¬ 
dest die Möglichkeit des Mordes an 
Uwe Barschei eingeräumt wurde? Und 
gaben nicht illegale Waffengeschäfte 
Anlaß zur Spekulation? 

Wielange werden wir noch darauf 
warten müssen, bis deutlich wird, in 
welche dubiosen Geschäfte Barschei 
wirklich verstrickt war, warum sein Tod 
notwendig war und welche Verbindun¬ 
gen zwischen Politik und Verbrechen 
er hätte (gewollt oder ungewollt) ver- 
raten können? 

Interessanterweise hatnun ausgerech¬ 
net der Chef der Lübecker Staatsan¬ 
waltschaft Heinrich Wille, seines Zei¬ 
chens ‘'Ermittler'’ im Fall Barschei, 
seinen kritisierten Kollegen, die die 
Lübecker Brandnacht "bearbeiten", 
Rückendeckung verschafft. In den 
Lübecker Nachrichten vom 26.Juli 
nahm er ausgiebig, aber verdächtig un¬ 
konkret Stellung zur Kritik um die 
Ermittlungen. Der Staatsanwaltschaft 
seien keine Ermittlungsfehler unter¬ 


laufen. Warum ist dann aber die 
Bodenplatte, an der das Feuer 
ausgebrochen sein soll, auf den Müll 
geworfen worden? Warum wurden die 
vier tatverdächtigen Nazis erst Monate 
nach dem Brandanschlag zu ihren Ver¬ 
engungen befragt? Und weshalb sind 
die Widersprüche, in die sie sich inzwi¬ 
schen verwickelten, unerheblich? An 
was starb der Hausbewohner Sylvio A., 
nachdem deutlich wurde, daß er nicht 
an Rauchgas erstickt ist? 

Kntikwirdabgewiesen. Andererseits 
konzentrieren sich die Ermittlungen 
nach wie vor einseitig auf den Mitbe¬ 
troffenen Safwan Eid, und es hat auch 
nicht lange auf sich warten lassen, daß 
das Lübecker Bündnisgegen Rassismus 
für seine kritische Öffenlichkeitsarbeit 
gegen einen der ermittelnden Staatsan¬ 
wälte strafrechtlich verfolgt wurde. In 
dieses Bild paßt, daß auch die in den 
neuen Bundesländern meistens völlig 
überlastete Polizei, die 200 Demon¬ 
stranten in Grevesmühlen mit| 700 
Beamten sofort einkesselte. 

An der Wahrheit über die Nacht, in 
der 10 Menschen starben, scheint es 
jedenfalls kein politisches Interesse zu 
geben. Stattdessen wird die Abschie¬ 
bung der Überlebenden betrieben. 

wh 


Foto: S. Adorf/Version 








mSm 

Hfl f - % 

mm 


Für die Bedingungen emanzipativer Prozesse und den so¬ 
zial-ökonomischen Boden auf dem sie sich entwickeln, ist 
das Verhältnis der Menschen zu Obrigkeit und Staat von 
erheblicher Bedeutung. Die momentanen sozial-ökonomi¬ 
schen Verschärfungen treffen die Menschen in einer Phase 
der (Noch?) Anbindung ans System, basierend auf einer 
Ebenegrundsätzlicher Identifizierung, die zwar immer wieder 
durch bestimmtegesellschaftlichePhänomene und Ereignisse 
irritiert, aber doch selten grundsätzlich in Frage gestellt 
wurde. Es bedarf unter diesem Aspekt genauer Beobachtung 
und Analyse, wie weit ein Umbau der Gesellschaft und des 
Staates unter Ausnutzung alter (?) Einbindungsmechanismen 
reicht, und in wie weit dadurch neue Qualitäten im Verhältnis 
Mensch, Staat und Gesellschaft entstehen. Ein Wandel 
staatlicher Wirkmechanismen - gemeint ist hier speziell die 
Rolle als Versorgungsstaat mit ökonomisch/sozialer Garan- 
tenstellung, brächte veränderte Rahmenbedingungen eman- 
zipaliver Prozesse und ein verändertes Mensch /Staat - 
Verhältnis mit sich. 


Ein Einstieg.... 

“DeutscheBank. AG, Frankfurt. Auch die Deutsche Bank hat 
in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr verdient als 
in der gleichen Zeit des Vorjahres. Der Gewinn vor Steu-ern 
stieg im Konzern um gut 24 Prozent auf 2,246 Milliarden 
DM, der 152 Millionen DM oder knapp 15 Prozent h~her ist 
als im ersten Halbjahr 1995."(FAZ 27.7. 96) 

Die Aktionäre der D-Bank können sich glücklich schätzen, 
dürfte sich doch der positive Trend noch verstärken, sollte 
das Sparpaket der Bundesregierung (nach geringfügigen 
Änderungen) Wirklichkeit werden. Zu gleicher Zeit steigen 
Arbeitslosenzahlen auf Höchstniveau (ca. 4 Millionen offi¬ 
ziell, 6 Millionen seien arbeitssuchend). Massenarbeitslo¬ 
sigkeit, als Ergebnis stetig vorangetriebener Rationalisie¬ 
rungsprozesse, neuer Fertigungstechniken und der Verlage¬ 
rung von Produktionsstätten ins Ausland, wirdals Druckmittel 

zurDurchsetzung weitreichender staatlicher Deregulierungs¬ 
maßnahmen eingesetzt. 

Vordergründig basierend auf dem Argument die leeren 
Bonner (Sozial) Kassen entlasten zu m üssen, verschaffen die 
geplanten Änderungen im Bereich Arbeitsrechl, Rentenver¬ 
sicherung und Krankenversicherung der Kapital/Arbeitge- 


SF 3/96 [ 5 ] 












berseite ein erhebliches Plus und belasten auf der anderen 
Seite Arbeitnehmer und Sozialleistungsbezieher im Milliar¬ 
denrahmen (ca.3,6 pro Anno). 

Zu betonen ist, daß es sich bei dem sogenannten “Bonner 
Sparpaket” nur um den Einstieg in einen seit geraumer Zeit 
geplanten und massenmedial vorbereiteten Destabilisie¬ 
rungsprozess handelt, der unter dem Motto “Standortsich¬ 
erung Deutschland” weitreichende Eingriffe in die bisherige 
Tarif und Sozialpolitik der BRD beinhaltet. 

Diez.Z. indenBonnerGremien in Abwicklung befindlichen 
Inhalte sind relativ kurzfristige und im Rahmen gesetzlicher 
Regelungen liegende Möglichkeiten, auf die sozialpoliti¬ 
schen/ökonomischen Gegebenheiten Einfluß nehmen zu 
können. Im Gegensatz zu direkten Lohnsenkungen, dem na¬ 
türlichsten Instrument der Profitmaximierung, unterliegen 
die genannten Pläne der Regierung nicht der Tarifautonomie, 
sind jedoch nichtsdestotrotz, nicht nur probates Mittel zur 
Senkung der Lohnnebenkosten (z.B. Einsparungen der 
gesetzlichen Krankenversicherungen, die durch erhöhte Ei¬ 
genanteile der Versicherten ausgeglichen werden), sondern 
ebenso ein direkter Schritt in Richtung eines “Hire and Fire” 
Arbeitsverhältnisses (kein Kündigungsschutz mehr in Be¬ 
trieben bis zu 10 Beschäftigten). Rund einem Drittel aller 
Beschäftigten wird damit der Kündigungsschutz entzogen. 
“Endgarantierung der Arbeit” als Gesamtkonzept, wird so an 
diesem Punkt, durch eine gesetzliche Maßnahme umgesetzt. 

Eine der einschneidensten Maßnahmen im Rahmen des 
Sparpakets betrifft die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 
"Dem/der Durchschnittsverdienerin im Westen mit rund 
4300 DM Bruttoeinkommen könnten künftig alleine bei der 
Lohnfortzahlung in den ersten sechs Wochen zusammen 
rund 1200 Mark gestrichen werden. Beim Urlaubs- und 
Weihnachtsgeldentgingen ihmlihr zudempro Krankheitstag 
mehr als 50 Mark; bei sechswöchiger Krankheit kommen da 

schnell über 1600 Mark zusammen." (J.Steffen,Referent b d 

Arbeiterkammer Bremen) 

Die geplante Entgeldfortzahlung von 100 auf 80 % entlastet 
die Arbeitgeber um ca. 1,9 Milliarden DM/Jahr. Auch die an¬ 
schließenden Leistungen der Krankenkassen sollen von 80 
auf 70 % Krankengeld zusammengestrichen werden. Die 
Palette der Maßnahmen ist breit angelegt, sie reicht von der 
Anhebung der Altersgrenze auf 65 Jahre (wenn also eine 
Frau wie bisher mit 60 in Rente gehen will, muß sie dauerhafte 
Abschläge von bis zu 18 % in Kauf nehmen, westliche Stan¬ 
dartrente z.Z. ca. 2080 DM- entspr. 375 DM weniger!), über 
Kürzung der Dauer der Kuren (und höhere Eigenbeteiligung, 

12 auf 25 DM/Tag), über die Beseitigung des Rechtsanspruchs 
auf Rehabilitationsmaßnahmen (Berufsfördemde Maßnah¬ 
men werden zur reinen “Kann-Leistung”),bis hin zur höheren 
Zuzahlung von Arzneien. 


Die ebenso geplante Einschränkung von Berufs- und 
Erwerbsunfähigkeitsrente zeigen deutlich wohin der Trend 
geht; in Zusammenhang mit der Reduzierung von Reha- 
Möglichkeiten treffen die Sparpläne an diesem Punkt einmal 
mehr die ohnehin benachteiligte Gruppe der Behinderten, 
die fürderhin auf wesentlich direkterem Wege in die Arbeits¬ 
losen- und/oder Sozialhilfe abgeschoben werden. Und auch 
da sind einschneidende Kürzungen in Vorbereitung, bis zum 
Jahr 2000 sollen insgesamt 19,3 Milliarden Mark bei ABM, 
Fortbildung und Umschulung eingespart werden, z.B. der 
Abbau beschäfligungsfördemder Maßnahmen in den “neuen 


Bundesländern”, die nach Schätzungen (J.Steffen) rund 
200000 neue Arbeitslose zur Folge haben werden. 

Eine immer wieder in die Diskussion gebrachte Kürzung 
der Sozialhilfe täte ein Übriges, um ganz im Sinne des so¬ 
genannten Abstandsgebots, Arbeitslosigkeit oder die Not¬ 
wendigkeit auf Sozialhilfe angewiesen sein zu müssen, als 
eine Drohung erscheinen zu lassen, dauerhaft auf ein wesent¬ 
lich niedrigeres materiell und soziales Niveau herabgestuft 
zu werden. 

<c Wenn im Arsch der Unternehmer kein Platz 
mehr ist, gehen die Gewerkschaften auf die 
Straße”(ein ÖTV Mitglied anläßlich der Bonner 
Demo v. 15.6.96) 

Opposition” und vor allem die Gewerkschaftsführung hat¬ 
ten mit dem “Bündnis für Arbeit” nicht nur auf die alte und 
überholte Sozialpartnerschaftliche Schiene gesetzt und unter 
dem proklamierten Ziel die Arbeitslosenzahl halbieren zu 
wollen leider übersehen”, daß die Kapitalseite an einer 
Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit in der momentanen 
ökonomischen S ituation postfordistischen Umbaus keinerlei 
Interesse hat. Durch das beschworene Bündnis wurde nicht 
nur auf ein überholtes Weltbild gebaut, sondern im gleichen 
Zug demobilisierend mit denen kooperiert, die Monate spä¬ 
ter die soziale Demontage mit dem “Programm für mehr 
Wachstum und Beschäftigung” vom 25. April und dessen 
Gesetzentwürfe voran trieben. Die vordergründig aufgeregte 
Behauptung der Gewerkschaftsführung Kapital und Kabinett 
seien mit diesem Programm aus dem Bündnis ausgestiegen, 
trifft höchstens an den Punkten Lohnfortzahlung und Kündi¬ 
gungsschutz zu. Was die (im B ündnis) ebenfalls beabsichtigte 
Senkung der als zu hoch befundenen Staatsquote (Steuern 
und Beiträge, sowie Gesamtsozialversicherungsbeitrag) an¬ 
belangt, mußte davon ausgegangen werden, daß die Senkung 
der Sozialabgaben kaum durch Steuern, sondern nur durch 
Abbau der Sozialleistungen umgesetzt werden sollte. Ge¬ 
werkschaften machten sich somit quasi zum Geburtshelfer 
der Sozialkürzungen. Öffentliches Lamento als Auftakt für 
die notwendig gewordene Protestdemonstration in Bonn im 
uni (der DGB sattelte sich auf eine vom “Bündnis gegen 
Sozialabbau” initiierte Demo auf) glichen in diesem Kontext 
dem Motto “haltet den Dieb”. Die 350.000 Menschen in 
Bonn (meine Wenigkeit inklusive) fürdiedie Demonstration 


Neuer Videoverleihkatalog 

mit zahlreichen Neuerscheinungen u.a. zu folgenden 
Themen: 

Antifaschismus 
Migration / Exil 
Arbeit / Betriebe 
Internationalismus... 


Schutzgebühr 10,-DM, 
zzgl. Porto 

Ab sofort erhältlich bei: 
autofocus Videowerkstatt 
Eisenbahnstraße 4 
10997 Berlin 
Tel.: 030/618 80 02 
Fax: 030 / 611 15 83 
e-mail: 

autofocus@ipn*b. 

comlink.apc.org 



[6] SF 3/96 




nicht zuletzt als Ventil des Unmuts angeboten wurde, beka¬ 
men vor allem heiße Luft zu hören. Was auch sonst: Noch am 
23.5. mobilisierte der DGB unter der Parole “InDeutschland 
sind vier Millionen Menschen arbeitslos. Sechs Millionen 
suchen einen Arbeitsplatz . Darum brauchen wir ein Bündnis 
für Arbeit. ” (Intern. Info für die Demo, DGB) 

Diese Mär vom " gemeinsamen Boot in dem wir alle sit¬ 
zen\ pflegt noch immer die Ideologie der Gewerkschaften 
aus der besseren Zeit eines fordistischen Akkumulationsre¬ 
gimes Jener sagenhaften Zeit, in der Produktivitätsfortschritte 

und ökonomisches Wachstum eine Steigerung der Lohnein¬ 
kommen zur Folge hatten, und damit die Grundlage eines 
Massenkonsums schufen. Der Glaube an einen “immer¬ 
währenden Fortschritt undWachstum” mit dem Gesicht eines 
humanen Kapitalismus und einem keynesianischem Staats¬ 
modell, das nicht nur konjunkturstützend -sondern auch 
sozialabfedemd eingreift, verklärt den Blick auf eine sich im 
massiven Umbruch befindliche sozial/ökonomische Realität. 

Das “gemeinsame Boot”- gleicht zunehmend 
einer Galeere auf deren Oberdeck es sich die 
dort Sonnenden bequem machen, während im 
Unterdeck andere das Boot am laufen halten. 

Ende Juli sprichtder designierte ArbeitgeberpräsidentHundt 
offen und desillusionierend (für die die noch welche hatten) 
aus um was es geht und wie wenig sich die Kapitalseite vom 
Massenprotest beeindruckt zeigt: “Eine Stunde mehr Arbeit 
pro Tagsei zumutbar . Wer Löhne nicht senken wolle, müsse 
die Arbeitszeit erhöhen. Andernfalls gingen noch mehr Ar¬ 
beitsplätze verloren. Für Auszubildende forderte er, die Ar¬ 
beitszeit zu verlängern unddie Vergütung zusenken.Dadurch 
könnten die Ausbildungszeiten verkürzt und die Betriebe 
entlastet werden. Das Sparpaket derBundesregierung müsse 
so schnell wie möglich umgesetzt werden, reiche aber nicht 
aus. «Nichtleistung» müsse niedriger entlohnt werden. 
(Reuter ,26.7.96) 

Während Kapitaleigner unverblümt das Paradox Arbeits¬ 
plätze durch Mehrarbeit als Drohung einsetzen und damit 
auch noch Erfolg haben, sollen sich die Gewerkschaftlerinnen 
der glorreichen alten Zeiten erinnern: “1956157 mußten 
Metallerinnen und Metaller für vertragliche Regelungen 
streiken. Der Streik dauerte über das Weihnachtsfest 1956 
bis in das Jahr 1957 hinein. 114 Tage lang streikten die Me¬ 
taller in Schleswig-Holstein. 16 Wochen dauerte dieser Ar¬ 
beitskampf für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für 
gewerbliche Arbeitnehmer und war damit der längste Streik, 
den die IG Metall bisher geführt hat. Am 13. Februar wurde 
der Streik erfolgreichbeendet.Die zentrale Frage der Lohn¬ 
fortzahlung im Krankheitsfall wurde tarifiert. 1969 wurde 
das Lohnfortzahlungsgesetz verabschiedet und trat zum 1. 
Januar 1970inKrafC (Für Arbeit und soziale Gerechtigkeit, 
DGB 96) 

Die Reminiszenz an die Vergangenheit soll Mut machen. 
Erinnert wird an eine Zeit erfolgreicher gewerkschaftlicher 
Aktivität, bei der sogar das Mittel eines breiten und lang 
andauernden Streiks positiv geschildert wird, aber eben nur 
solange es in einem historischen Zusammenhang erscheint. 
Die gegenwärtige Situation stellt sich anders dar. Die man¬ 
gelnde Konfliktbereitschaft ergibt sich nicht nur aus der 


bremsenden Position der Gewerkschaftsführung,, sondern 
ebenso aus der mangelhaften Bereitschaft der sogenannten 
Basis aktiv für weitergehende Maßnahmen einzutreten. Das 
angesichts der massiven und einschneidenden Maßnahmen 
erstaunlich reaktionsträge und phantasielose Verhalten der 
meisten Gewerschaftlerlnnen entspricht erst mal dem der 
allermeisten, nicht gewerkschaftlich organisierten, aber eben¬ 
so betroffenen Menschen. Eine besondere Motivation, aus¬ 
gehend vom Besitz des Gewerkschaftsbuchs ist nicht zu 
erwarten. Ein Gewerkschaftsapparat der seine Mitglieder 
mehr oder weniger verwaltet und sozialpartnerschaftlich 
über Jahrzehnte an Untemehmerinteressen anband, ist 
offensichtlich unfähig, auf die veränderten Bedingungen 
eines Marktes zu reagieren, der zunehmend nicht mehr auf 
einen (gewerkschaftlichen) Mittler zwischen Kapital und 
Arbeit angewiesen ist. Die Rolle eine solchen Katalysators, 
die festgelegt ist auf die Erfüllung von Spielregeln eines So- 



Foto: Jürgen Lichtenberger 


zialstaats (z.B. die Einhaltung des Betriebsverfassungsge¬ 
setzes und das Verbot “politischen” Streiks) verträgt sich 
schlecht mit der steigenden Erfordernis eindeutiger und 
kämpferischer Parteinahme gegen zunehmende neoliberale 
Tendenzen und entgarantierte Arbeitsbedingungen. 

Im exemplarischen Zeitraum eines “keynsianischen 
Staatsmodells”, -dem Deutschland der Nachkriegszeit (und 
dem damit verbundenen Herrschaftskonzepts)-, waren 
Wachstum und Wohlstand zu fix aneinander gekoppelten 
Größen erklärt worden; unter den Bedingungen steigender 
Prosperität war es möglich (wenn auch unter harten Kämpfen) 
gewerkschaftliche Forderungen durchzusetzen, die sich 
wiederum sowohl konsumfördemd und auch als gesell¬ 
schaftsstabilisierend erwiesen. Gewerkschaften wurden somit 
zu einem der wesentlichsten Faktoren sozio-ökonomischer 
Steuerung innerhalb dieser kapitalistischen Gesellschaft. 
“Mit dem Fordismus begann auch die Ära der im weitesten 
Sinne «sozialdemokratisch»orientierten Reformparteien,die 


SF 3/96 [7] 










es sich zumZiel setzten, mittels einer systematischen Wachs¬ 
tums-, Konjunktur- und Sozialpolitik eine allmähliche Ver¬ 
besserung der Lebensverhältnisse breiter Schichten und 
damit eine strukturelle Milderung kapitalistischer Risiken, 
Abhängigkeiten und Ungleichheiten durchzusetzen(Hirsch 
1995,Der nationale Wettbewerbsstaat). Die Etablierung, der 
vorallem sozialdemokratischen Vertreter(innen) der “Arbeit” 
auf gewerkschaftlicher -und auf der Ebene der Parteien, trug 
so nicht nur zum Ende einer “klassenbewußten Orientierung” 
bei, sondern wurde damit zum bezeichnenden Element eines 
reformierbaren und nach demokratischen Spielregeln funk¬ 
tionierenden Gesellschaftsmodels. “Diefordistische Regu¬ 
lationsweise beruhte entscheidend auf der Existenz von 
unpassenden gesellschaftlichen Großorganisationen, einem 
in weite gesellschaftliche Bereiche intervenierenden Staat, 
bürokratischen Massenparteien, Gewerkschaften, Unter¬ 
nehmer-,Bauern-, Ärzte- und sonstigen Interessenverbänden, 
die den Ansprucherhoben, die kapitalistischenMarktprozesse 
ebenso wie die gesellschaftlichen Strukturen und Entwick¬ 
lungen durch zentralisierte Verhandlungssysteme politisch 
zu steuern. Die Legitimation dieses politischen Systems 
beruhte wesentlich auf seiner Fähigkeit, auf der Grundlage 
eines beständigen wirtschaftlichen Wachstums materielle 
Verteilungspolitiken zugunsten fast aller gesellschaftlicher 
Schichten zu betreiben. (...) Charakteristisch für sie ist ein 
hoher Grad an zentralisierter Normierung und Steuerung 
eine fortschreitende «Durchstaatlichung» vieler Lebensbe¬ 
reiche und ein erhebliches Maß an bürokratischer, partei- 
undverbandsmäßiger Kontrolle der Lebensweisen, despoli¬ 
tischem Verhaltens, der Interessenartikulation und der In- 
teressendurchsetzung . ” (ebenda) 

Der wechselseitige Prozeß sozialer Auseinandersetzung 
und politischer scheinbarerVerschmelzung “ehemals” anta¬ 
gonistisch gegenüberstehender Klassenfeinde zu Sozial¬ 
partnern, wurde zudem ideologisch verbrämt, und zum er¬ 
strebenswerten Ziel aller gesellschaftlich tragenden Frak¬ 
tionen erklärt. Die autonom (!) als Arbeitgeberverband und 
Gewerkschaft agierenden Tarifparteien regelten fürderhin 

nichtnurdasEinkommensniveauderabhängigBeschäftigten 

sondern sie bildeten die Basis für die Vorstellung einer 
gemeinsamen Interessenslage, die das Wort vom Klassen¬ 
gegensatz (besonders wichtig in derzeit des “kalten Krieges” 
undderSystemauseinandersetzunge) zum Bestandteil einer 
scheinbar überwundenen, “frühkapitalistischen” Zeit werden 
lassen sollte. 

Die Aufgabedes Staates innerhalb eines “keynesianischen 
Regulationsprinzips” ist es sozial abfedemd zu agieren und 
ökonomisch steuernd einzugreifen, die “soziale Marktwirt¬ 
schaft” mitdem Anspruch eines Wohlstands für allestaatlich 
institutionell abzusichem. 

Der Staat tritt als Garant einer Ordnung auf, die scheinbar 
all denjenigen die in seiner Einflußzone leben Vorteile 
bringt; -steigende Konsummöglichkeit etablieren sich als 
Befindlichkeitsparameter ebenso wie ein Verständnis vom 
fürsorglichen (Wohlfahrts)Staat, der im Zweifel für alles 
sorgt. Das Bild vom Staat, der nicht gegen die Masse seiner 
Bürger agiert und die Interessen weniger vertritt, sondern 
eines neuen (modernen) S taats der dem okratisch reformierbar 
erscheint und die Bedürfnisse aller in sich zu vereinen 
scheint, setzt sich in den Köpfen fest. Der keynesianische 
Staat schafft die ökonomisch-soziale Grundlage dafür, daß 


fürderhin mehr und mehr das Streben nach positiver gesell¬ 
schaftlicher Veränderung an die Vorstellung von der Not¬ 
wendigkeit der Einhaltung demokratisch/staatlicher Spiel¬ 
regeln gebunden wurde. 

Die Erfahrung eines relativen Wohlstands, vor allem in 
Zentraleuropa sozialdemokratisch “erkämpft” und staatlich 
gegen Außen (sowohl konjunkturell als gebietshoheitlich) 
abgesichert, wirkt sowohl systemstabilisierend als auch an- 
tiemanzipativ in dem Mafle, in dem Staat, Parteien, Unter¬ 
nehmerverbände zwangsläufig als Partner intemalisiert 
werden. 

Der Strang an dem alle gemeinsam den Karren aus dem 
Dreck ziehen sollen” - legt sich gleichsam um den Hals all 
derjenigen, die sich auf dem Hintergrund sozialökonomischer 
Verschärfungen eigentlich wehren sollten. 

Die komplexen Ursachen einer seit den siebziger Jahren 
verminderten Kapitalakkumulation und einem Rückgang 
der Profitrate, führten zu einem, wenn auch nach Ländern 
und Sozialstruktur sehr unterschiedlichen Einbruch im System 
sozialstaatlicher Garantien. Das unter dem Aspekt der Herr- 
scHaftssicherung hervorragend bewährte Modell der keyn- 
sianischen Gesellschaftsorganisation gerät in die ökonomi¬ 
sche Krise, zumal die zur Finanzierung staatlicher Subven¬ 
tionsprogramme nötigen Volumina zusätzlich die sich ver¬ 
knappenden Budgets belasten. Die seit dem Ende der siebziger 
begonnene, und über die achtziger Jahre intensivierte Strate¬ 
gie kapitalistischer Deregulierung erlangte mit dem der Zu¬ 
sammenbruch staats-sozialistischer Regime des Ostblocks 
einen weiteren Radikalisierungsschub. Nicht nur der Wegfall 
der Systemkonkurenz im ideologischen Sinne sondern vor 
allem auch der gigantische freiwerdende Absatzmarkt und 
das riesige Angebot an potentiell zur Verfügung stehender 
billiger Arbeitskraft beschleunigten den Einsatz neoliberaler 
Interventionen des Kapitals. Die auch in der BRD seit den 
siebziger Jahren steigende Massenarbeitslosigkeit, steht als 
Indikator für eine sich permanent verschlechternde Situation 
auf dem Arbeitsmarkt, verbunden mit einem schleichenden 
Verlust jener, in der Hochphase sozialstaatlichen Funktio- 
nierens erkämpfter Absicherungen. Noch über die achtziger 
Jahre hinweg (also zu einer Zeit,zu der sich z.B. in England 
schon der Thatcherism austobte) gelang es dem sozial¬ 
ökonomischen System der BRD mit einem auf hohen Niveau 
funktionierenden Wohlfahrtsstaat die steigende Zahl der 
Arbeitslosen mittels staatlicher Maßnahmen wie ABM und 
Förderprogrammen zu teilkaschieren. Die gewerkschaftliche 
Strategie -Arbeitszeitverkürzung gegen Arbeitslosigkeit¬ 
erfolgte voll innerhalb der Logik sozialpartnerschaftlicher 
Denkart. Die in weitestgehend durchgesetzte 38,5 Stunden¬ 
woche kann in diesem Sinne als letztes Zugeständnis der 
Arbeitgeberseite gewertet werden, die jedoch zunehmend 
arbeitsintensive Fertigungsprozesse ins Ausland verlagerte 
and im Inlandsbereich durch intensivierte und rationalisierte 

oduktion kompensierte, ohne nennenswerte Mengen an 
Arbeitsplätzen zu schaffen. Der endgültige Einbruch des 
Arbeitsmarktes und die Gelegenheit zu weitreichenden De¬ 
regulierungsmaßnahmen erfolgte durch den Anschluß der 

R> wo durch die Schließung und Privatisierung ehemals 
staatlicher Betriebe nicht nur schlagartig ein hohes Potential 
an Arbeitskräften freigesetzt wurde, sondern ebenso die 
enorme Belastung der öffenüichen Kassen dazu beiträgt, 

gumentationshilfe staatlicher sozialer Sparmaßnahmen 


[ 8 ] SF 3/96 







zu sein. War die Übernahme der DDR und die Privatisierung 
ihrer Wirtschaft nach außen hin unter der Prämisse erfolgt 
eine möglichst schnelle Anpassung der Löhne und Gehälter 
an Westniveau zu erreichen, so wird nicht nur dieser Anpas¬ 
sungsprozess ständig prolongiert, sondern gleichzeitig das 
staatliche “Abfederungsprogramm” für Arbeitslose und/oder 
auf Sozialhilfe angewiesene massiv ausgedünnt. 

Vorhaben, die den Druck auf den Arbeitsmarkt deutlich 
erhöhen sind in Planung: “Würden sämtliche Förderma߬ 
nahmen -ABM, Fortbildung, Umschulung und die Teilför¬ 
derung über Lohnkostenzuschüsse- auf einen Schlag einge¬ 
stellt (die Regierung plant bis zum Jahre 2000), würde die 
Arbeitslosenquote (allein) in Sachsen von 15,2 auf etwa 22 
Prozent steigen; würden nur ABM gestrichen, wären es gut 
18 Prozent(FAZ) Der auf die Einkommen umgelegte Soli¬ 
daritätsbeitrag und die zunehmende Bereitschaft vieler unter 
Preis” zu arbeiten, fördern zusätzlich die Entsolidarisierung 
der (noch) Beschäftigten. 

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, die ge¬ 
wohnte sozial-ökonomische Struktur eines key- 
nesianischen Systems befindet sich im Umbau, 
der dazugehörige Staat, der integrativ stützend 
und abfedernd die Härten kapitalistischer Re¬ 
alität mildert, wird in weiten Bereichen zum 
aktiven Wegbereiter in der Durchsetzung neuer 
Konzepte. 

Es wäre ein jedoch Fehler vom endgültigen Ende der Versor- 
gungsgesellschaft und des “Wohlfahrtsstaats keynesiani- 
schen Musters zu sprechen. Die Tendenz auf eine ausgedünnte 
Sozialfürsorge zurückzuweichen ist eindeutig und klar er¬ 
kennbar, findet jedoch in unterschiedlicher Ausprägung, 
abhängig vom Hintergrund der jeweiligen gewachsenen so¬ 
zial-ökonomischen Struktur statt. 

DieUS A, wo das Gesetz der Fürsorgereform von Präsident 
Clinton jüngst gebilligt wurde, übertreffen die Maßnahmen 
der BRD bei weitem, wobei das Ausgangslevei der sozialen 
Versorgung im Vergleich zur bundesrepublikanischen be¬ 
kanntermaßen weitaus niedriger anzusetzen ist. Das Gesetz, 
das von seinen zahlreichen Gegnern in der demokratischen 
Partei, den Kirchen und Sozialorganisationen als «unver¬ 
antwortlicher Akt der Grausamkeit gegen die Armen» be¬ 
zeichnet wird, überantwortet die Fürsor ge für die Armen den 
Bundesstaaten. Gleichzeitig schreibt der Bund allerdings 
vor, daß die Fürsorgezahlungen auf höchstens 5 Jahre 
begrenzt werden und daß jeder Fürsorgeempfänger nach 
zwei Jahren eine Arbeit annehmen muß. Die Nahrungs¬ 
mittel hilf en werden deutlich gekürzt. Ohne staatliche Unter¬ 
stützung müssen zukünftig auch die legalen Einwanderer 
aaskommen, die bisher Sozialhilfe und staatlichen Kran¬ 
kenversicherungsschutz in Anspruch nehmen konnten. Aus 
der Bundeskasse werden den Staaten ab dem nächsten 
Haushaltsjahr nur noch stark gekürzte Pauschalbeträge zur 
beliebigen Verwendung überwiesen. Während der nächsten 
fünf Jahre sollen diese Veränderungen den Bundeshaushalt 

amSöMilliardenDollarentlasten.WissenschaftlicheJnstitute 

and Kenner der Fürsorgeproblematik warnen, daß dieReform 
m ehr als eine Million amerikanische Kinder der Armut 



Foto: Herby Sachs/Version 


preisgeben und in den amerikanischen Städten eine Sozial¬ 
krise ungeahnten Ausmaßes auslösen werde.”(FAZ,2.8.96) 
Die neoliberalistisch beeinflußte Politik der USA, die ei¬ 
nerseits den Rückzug des Staates aus dem sozialen Fürsor¬ 
gebereich durchexerziert und andererseits die Schaffung 
einer Klasse von “working poor” gewollt in Kauf nimmt um 
dieÖkonomie zu beleben, steht exemplarisch für die “scharfe” 
Variante im Versuch sozialstaatliche und integrative Modelle 
kapitalistischen Funktionierens, durch Formen enthemmter 
Ausbeutung und sozialer Entgarantierung zu ersetzen. Es ist 
jedoch fraglich, ob sich neoliberale Modelle auf Dauer, aus¬ 
ser in ökonomischen Einzelsektoren, denen niedrigst-schwel- 
lige Entlohnung sowie “hire and fire” Verhältnisse mittel¬ 
fristige Marktvorteile verschaffen, auszahlen. Eine Ver- 

gleichsbilanzierungder verschiedenen neoliberalen Modelle 

der letzten Jahre gegenüber eher sozialstaatlich verfaßter 
Ökonomie ist aufgrund der Verschiedenartigkeit der Akku¬ 
mulationssysteme außerordentlich schwierig. Schon die un¬ 
terschiedlichen Ausgangsverhältnisse diverser Ökonomien 
im Bezug auf die diktatorischen Bedingungen von Weltbank 
und Internationalem Währungsfond (so z.B. das “Chikago 
Boy Modell Chiles”) lassen eine quantitativ vergleichende 
Beurteilung (z.b. mit dem britischen Thatscherism)kaum zu, 
obwohl sich abzuzeichnen scheint, daß sich zwar im Bin- 


SF 3/96 [9] 








nenverhältnis eine Umverteilung zugunsten der Besitzenden, 
jedoch im Außenverhältnis, kaum jener erhoffte ökonomische 
Schub bewirken ließ. Im Gegensatz zu einem, von neoli¬ 
beralen Puristen geforderten “minimal state”, der sich ent¬ 
haltsam in Bezug auf die Steuerung ökonomischer Prozesse 
verhält, sieht die staatliche Strategie (u.a. deshalb) realiter 
anders aus: Der Staat greift sehr wohl ein, er spielt auf der 
Bühne der Umstrukturierung mit die wichtigste Rolle, er 
wird zum Transporteur der Deregulation, er schafft die Ver¬ 
knüpfung zwischen den Bedingungen der Produktion und 
Reproduktion, sowie er maßgeblich Sektoren der Bildung, 
“Gesundheit” und Kultur zu beeinflussen in der Lage ist! 
Globalisierte Ökonomie, verschärfte Konkurrenz der kapi! 
talistischen Zentren, die Herausbildung der Handelszonen 
Nordamerika, Europa und Südostasien bewirken so weniger 
einen Rückzug des Staates aus Gesellschaft und Ökonomie 
(wie es neoliberalistische Theorie eigentlich vorsieht), als 
einen spezifisch anderen Umgang mit ihr. 

Die als durchgängiges Element momentaner Politik er¬ 
kennbare Ausdünnung staatlich -sozialer Garantenstellung, 
folgtderDynamikeinerauf internationale Marktverhältnisse 
basierenden Ökonomie, die zu reagieren gezwungen ist, 
sollten sich die Ausbeutungsbedingungen in anderen ökono-' 
mischen Zentren so verbessern, daß die Attraktivität des 
“eigenen” Standortes gefährdet erscheint.Trotz der In- 
temationalisierung der Wirtschaft sind die Verwertungs¬ 
bedingungen nicht unabhängig von den jeweiligen (national) 
staatlichen Gegebenheiten, wie auch staatliche Steuer- und 
Finanzpolitik niemals unabhängig von Weltmarktentwick¬ 
lungen zu sehen ist. 

Es gibt auf diesen Aspekt bezogen unterschiedlich stark 

ausgeprägte neoliberale Tendenzen,-aber keinedurchgängige 

neoliberale Strategie, die weltweit, im Sinne eines Auto- 
matismusses alle Systeme gleichermaßen trifft. " Die Be¬ 
hauptung, Regierungen hätten in entscheidenden Kragen 
der Wirtschafts,- Sozial- und Umweltpolitik angesichts der 
kapitalistischen Globalisierung überhaupt keine Spielräume 
mehr, konstruiert einen «Sachzwang Weltmarkt», der 
zumindest in dieser Schärf,e nicht vorhanden ist. Wie gezeigt 
ist das Kapital, was die Wahl seiner «Standorte» angeht 
keinesfalls unbeschränkt flexibel. Der Akkumulationsprozeß 
bedarf auch im globalen Mafistab einer lokalen, regionalen 
und nationalstaatlichen politisch-sozialen Einbettung, d h 
einer Krisen- undkonfliktvermeidendenRegulation,politisch 
kalkulierbarer Verhältnisse, komplexen infrastruktureller 
Vorbedingungen, administrativer Organisationspotentiale 
und der -wenn auch unterschiedlich- qualifizierten und 
motivierten Arbeiterinnenschaft" (Hirsch). 

Die eingangs beschriebenen Sparmaßnahmen der Bun¬ 
desregierung stellen somit zwar einen Schritt in Richtung 
einer staatlich forcierten Destabilisierung dar, sollten jedoch 
nicht darüber hinwegtäuschen, daß staatliche Versorgung 
nach wie vor bestimmende Maxime staatlicher Politik ist 
Wenn auch in reduzierter Form, bleibt sie im internationalen 
Vergleich auf relativ hohem Niveau bestehen. Weit davon 
entfemtdamitetwas beschönigen zu wollen (die Maßnahmen 
sind f,r viele die blanke Katastrophe), erfordert die nüchterne 
Betrachtung der von der Regierung projektierten Schritte, 
die Bezeichnung als das was sie sind: Eine massive Aus-' 
dünnung der sozialen und gesundheitlichen Absicherung; 
inwieweit sie jedoch ein reales Ende des Versorgungsstaats 

[10] SF 3/96 


darstellen, ist von weiteren Faktoren abhängig, die neben 
konomischen, auch ,bcr zumindest theoretisch denkbarem 
Widerstand, bis hin zum Faktor einer extrem gut funktionie¬ 
renden Herrschaftsabsicherung, die sich eben auch auf den 
Faktor Vertsorgungsstaat stützt, reichen. “Moderne” Herr¬ 
schaftssicherung, die okkupierend integriert und sich so als 
S taat den Menschen eben nicht entgegenstellt, sondern diese 
einzubeziehen sucht, hat sich in Form des “Sozialstaats” zur 
Herrschaftssicherung nur all zu gut bewährt. Es mag paradox 
anmuten: Gerade das gut funktionierende Herrschaftsmodel 
Sozialstaat” ermöglicht jetzt seine Ausdünnung. Der nur 
marginale Widerstand gegen die zu erwartenden Verschär¬ 
fungen lassen sich nicht zuletzt durch den jetzt effektiv grei¬ 
fenden Faktor Einbindung und Entmündigung erklären. Der/ 
die traditionell obrigkeitshörige Deutsche begegnet den Plä¬ 
nen sozialer Kürzungen und staatlich forcierter ökonomische 
Verschärfung mit jener Ruhe, die gemeinhin als erste Bür¬ 
gerpflicht staatlicherseits schon immer gerühmt wurde, ln 
Frankreich trieben noch vor einem Jahr staatliche Deregulie¬ 
rungsmaßnahmen ähnlicher Art große Teileder Bevölkerung 
auf die Straße und zwangen dieGewerkschaften zu ernsthaften 
Streiks gegen die Sparpläne Juppes. Die dreiwöchigen Ausei¬ 
nandersetzungen und Streiks waren der wohl breiteste und 
spektakulärste Akt des Widerstands gegen die postfordis- 
tischen Produktions- undVergesellschaftsmodelleinEuropa. 

Sie waren der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von 
Kämpfen in den letzten Jahren (erinnert sei an die Unruhen 
im März 94 von vor allem Jugendlichen, die sich einem ge¬ 
planten generellen Anfangsgehalt von 80% des Mindest¬ 
lohnes entgegenstellten). In der BRD reichen die Wider¬ 
standsaktionen in Frankreich immerhin dazu, von Teilen der 
Gewerkschaftsobrigkeitzu bestimmten Anlässen als Drohung 
gegenüber der Regierung hergenommen zu werden. Die Ta¬ 
gespolitik sieht indes anders aus. Der krampfhafte Versuch 
an die alte sozialpartnerschaftliche Ebene anzuknüpfen 
spiegelt sich in einer naiven Erwartungshaltung wieder, wie 
sie im Entwurf des neuen DGB-Grundsatzprogrammes zum 
Ausdruck kommt: "Die Gewerkschaften erwarten auch von 
den Arbeitgebern und den politischen Verantwortlichen, 
daß sie alle Anstrengungen unternehmen, um die Vollbe¬ 
schäftigung wieder herzustellen." Jedoch wird der /die in¬ 
teressierte Leserin an einer anderen Stelle des Textes auf den 
Boden kapitalistischer Wirklichkeit heruntergeholt: "Voll¬ 
beschäftigung kann auf absehbare Zeit nicht bedeuten, daß 
für jede und jeden ein Arbeitsplatz im Sinne eines herkömm¬ 
lichen Normalarbeitsverhältnisses zur Verfügung steht.” 
Das sich der Grundsatzprogramm- Entwurf sich in Dümm- 
lichkeiten ergeht, ( "Die soziale Marktwirtschaft ist besser 
als andere Wirtschaftsordnungen dazu geeignet, die Ziele 
der Gewerkschaften zu erreichen” ), hat letztendiieh wenig 
Relevanz. Wichtiger als die leeren Worthülsen der Gewerk¬ 
schaftsbosse sind die realen Strukturveränderungen denen 
sich die Einzelgewerkschaften und Beschäftigte auf dem 
Tarifsektor ausgeliefert sehen. Das Ausscheren von immer 
mehr Betrieben aus den von Arbeitgeberseite als inflexibel 
bezeichneten Flächentarifverträgen und der Abschluß von 
inzelbetriebsvereinbarungen erfolgt bezeichnender Weise 
gegen den Willen der jeweiligen Gewerkschaften, die ihre 
acht mehr und mehr schwinden sehen, aber, und das wirft 
ein deutliches Bild auf den Widerstandswillen der Betrof¬ 
fenen, immer öfter unter Billigung der Belegschaften, die in 








ihrer Not die Flucht nach vom -in die unabsehbaren Tiefen 
des Anpassungsprozesses angetreten haben. Die eispie e 
machen Schule, eines der bekanntesten ist das sogenannte 
“Burda-Modell”: "Die Betriebsvereinbarung des baden- 

württembergischenDruckereibetriebs des Burda Konzerns, 

von 97 Prozent der Belegschaft unterschrieben und vom 
Betriebsrat gebilligt, sieht neben der Streichung diverser 
Zuschläge die Rückkehr von der 35- zur 39 -Stundendoche 
vor; zwei Stunden werden gratis geleistet. Im egenzug ver 
Pflichtet sich das Unternehmen, die 1200 Arbeitsplätze in 
Offenburg zu halten, statt 400 Stellen zu streichen.Nun klagt 
die IG-Medien gegen die Vereinbarung. (Spiegel,33190) 
Für die BRD bedeutet der vergleichsweise spat, aber jetzt 
am so massiver abzeichnende Einstieg in den i au " 

dem sozialpartnerschaftlichen Modell einen er e ic en 

Schritt in Richtung völlig veränderter Grundlagen im Bereich 

sozial-ökonomischer Regularien. Die eingeleitete Endinsü- 
tutionalisierung auf dem Tarifsektor, be mg . 

Verbandsflucht vor allem großer Firmen aus dem Arbeit¬ 
geberverband, und die damit verbundene Endmachtu g 

desTarifpartnersGewerkschaft,wirftdie Auseinandersetzung 

am Löhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen auf die Ebe- 
ne der einzelnen Betriebe zurück. Belegschaften und e- 


triebsrätlnnen die für eine innerbetriebliche Ausei nanderset- 
zung gut gerüstet wären, dürften mehr als rar sein. Jahrzehn¬ 
telange Austragung der Tarifverhandlungen auf institudo- 
neller Ebene und Streiks die eher von “oben” beschlossen 
wurden haben nicht gerade zur Stärkung von Kampfkraft 
und Selbstbewußtsein geführt. Mangelnde und sich weiter 
verschlechternde Organisierung (Mitgliederschwund der Ge¬ 
werkschaften 2,5 Millionen in den letzten fünf Jahren, nicht 
mal jede/r vierte ist organisiert) läßt die Bedingungen ge¬ 
werkschaftlicher innerbetrieblichen Widerstands, selbst bei 
gutem Willen, als schwierig erscheinen; darüber hinaus gel¬ 
ten trotz veränderter Rahmenbedingungen die Bestimmungen 
des Betriebsverfassungsgesetzes, das z.B. Streikaufrufe ein- 
zelnerBetriebsrätlnnen verbietet. Zynischerweise kann gesagt 
werden, daß die Auseinandersetzungen jetzt da gelandet 
sind, wo sie eigentlich schon seit Jahren hätten geführt wer¬ 
den müssen -innerhalb der Betriebe. Unter den genannten 
Bedingungen jedoch muß vorerst davon ausgegangen werden, 
daß Anpassung an Arbeitgeberforderungen die Regel- und 
Widerstand die Ausnahme sein werden. Das Nachgeben von 
abhängig Beschäftigten gegenüber den massiven Drohungen 
von Arbeitgeberseite (entweder...- oder Entlassung...) ist 
unter dem Aspekt einer um sich greifenden Endsolidarisie- 




SF 3/96 [11] 


■W!ü 








rung, bei der sich jede/r selbst am nächsten steht, zwar 
nachvollziehbar, aber im Sinne einer Kettenreaktion fatal, 
ganz zu schweigen von jenen die sich schon gar nicht mehr 
verkaufen können weil sie schon keinen Arbeitsplatz mehr 
haben. 


Neue Bedingungen im Makrokosmos der 
Machtstrukturen 

Der Faktor einer zunehmenden Entgarantierung von Arbeit 
veränderte Regularien auf dem Arbeitsmarkt, sowie ein 
Staat, der die Tendenz zeigt sich aus der sozialen Garanten¬ 
stellung zurückzuziehen -schaffen neue Bedingungen im 
Makrokosmos der Machtstrukturen. Ebenen der Einbindung 
und Einbeziehung, die dazu führen das (staatliche) Macht 
nicht “auf’, sondern “durch die Menschen hindurch” wirkt, 
werden ausgedünnt, werden zur “privilegierten” Form von 
Herrschaft, die in dem Maße, wie siedie einen einbezieht, die 
anderen ausschließt und hier in ihrerklassischen Struktur der 
Herrschaft von “oben nach unten” in Erscheinung tritt. Die 
qualitative Veränderung staatlicher Herrschaftsstruktur tritt 



SPK 

fiaire de la Maladie 
i une Arme ec* 

fsPK] 

— Tum Illness into 
1 Weapon 


/VßWerscheinu «gen 


Pnlienlcti front 


25 Jahre SPK/PF(H) 

60 Jahre Huber 
10 Jahre Krankheit im Recht 


% 


krrim 

Vtricx f ß r 

Postfach 103464 
* 0-69024 Heidelberg 


► 1995, ISBN 3-926491-23-X 
28 S., DM 2 f - + Porto 

Tonbandkassellen-Beilagc 
auf bes. Anforderung, DM 8,- 

SPK/PF(H) X ^X 

Utopat hiervor weg 

a ) Znliunfferiinsik 
h) Gattunisgdjecnwart 


Über das Anfangs 


Tmc V*q*«clilchtt des 
Soii*ll«ucf«n PaiicntcnkshcktlT (1970) 
•nd d«r Piticnlenfrvnt (1973) 


WM 

0k 

M 

*?ff 

7 WJ 



m der Kmklidt Vtnc WtfTe wurde 


tr c*nto»n B 

w 

inWJMlME wnj 
XTl*iry «nie J«t6. , 
»c w»rro ttoacr | 


SPI 


With a preface by 
Jean-Paul Sartre 
an a preface by 
Buber, SPK/PF(H), 
translated by Huber 
ISBN 3-926491-17-5 
!l993,240 pp, DM 20, 


. Aus der Krankheit 
^velneWaffe 
machen 

ml me 


1996, ISBN 3-926491-27-2 
120 S., DM 15,- 

^ Interview vom 6. 11.92 
mit Huber, WD, SPk/PFfH 
ISBN 3-926491-18-3 
_ 1993,168 S„ DM18, - 

F r evel Blak e- 

SPK 

Krankheit im Recht 

1 SPK/PF{H) 

Socialist Patlents* Colltclive 
Patlents Front 

2 Post-lndustrial Band SPK 




iFranzösische Ausgabe: 
Faire dela Maladie 
une Arme. 

ilSBN 3-926491-22-1 
'1995, 192 pp, DM 19,- 


6: Auflage 1995, 
erweitert um eine 
Zeittafel von den 
Anfängen bis heute 


Edited by KRRIM 


ISBN 3-926491-25-6 ISBN 3-926491-26-4 
DM19,- 160 pp., DM19,- 



auf dem Hintergrund sozial-ökonomischer Verschärfung 
deutlicher den je zu Tage; wie weit im quantitativen Sinne 
die Tendenz zur Entgarantierung reicht, ist noch nicht ab- 
sehbar. In jedem Fall aber führen die beschriebenen Ma߬ 
nahmen zur Zunahme von Bruchlinien an der Oberfläche 
eines im Abbau befindlichen sozial-staatlichen Versorgungs¬ 
systems - mit offenen Konsequenzen. Die augenfällige 
Tendenz vieler Betroffener, mit Angst und Anpassung zu 
reagieren, ist ganz im Sinne derjenigen die davon profitieren, 
nichts desto trotz führen die beschriebenen veränderten 
Herrschaftsregularien zu einer vermehrten “Entkopplung” 
von Staat und Mensch, einem offen in Erscheinung tretenden 
Interessensgegensatz, der von der bisherigen Herrschafts- 
Strategie der Versorgung und Einbindung abweicht. Eine 
Interessensdivergenz ist per se eine der Voraussetzungen 
zum Entstehen eines emanzipativen Prozesses; das sichtbare 
Entgegenstehen staatlicher Maßnahmen gegen Bedürfnisse 
der Bürgerinnen beinhaltet das Risiko eines Widerstands. 
Zumindest theoretisch, denn praktisch ist bis auf vereinzelte 
rudimentäre Bewegung wenig spürbar. Vorerst scheint es zu 
gelingen, die Momente der “Entkopplung” zwischen Kapital 
/Arbeit und zwischen Staat/Bürgerin, durch schüren von 
Angst mehr als kompensieren zu können. Die vorgetragen 
Beschwörungsformeln, sei es die Lüge vom teueren Wirt¬ 
schaftsstandort Deutschland oder das Argument der “Kos¬ 
tenexplosion” im Gesundheitswesen stehen für die propa¬ 
gandistisch umgesetzte Strategie, gemeinsame Ebenen von 
Betroffenheit und Verantwortlichkeit zu intemalisieren. Es 
ist kein Zufall, daß bei der Frage des Wirtschaftsstandorts, 
Löhne und Gehälter, sowie Fehlzeiten in den Mittelpunkt der 
Auseinandersetzung geschoben werden, und nicht, was kor¬ 
rekter wäre, reale Lohnstückkosten im internationalen Ver¬ 
gleich. Hier würde sich zeigen, daß diese " weder übermäßig 
hoch sind, noch daß sie seit 1980 überdurchschnittlich stark 
gestiegen sind. Im Kreis der G5 sind Deutschlands reale 
Lohnstückkosten sogar am niedrigsten, den höchsten Wert 
hat Japan' 1 (FR,,31 .7 .96) Ähnlich verhält es sich mit der 
sogenannten Kostenexplosion im Gesundheitswesen: Der 
Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt ist 
seit 1980 fast konstant geblieben. “Der Anstieg der Bei¬ 
tragssätze ist vielmehr bedingt durch den Rückgang der 
Lohnquote am Volkseinkommen, die 1982 noch 76,9% be¬ 
trug und 1993 auf 72,1% abgesackt ist. Darin spiegeln sich 
das Phänomen der ansteigenden unfreiwilligen Massenar¬ 
beitslosigkeit durch Personalabbau und die Ergebnisse der 
Tarifauseinandersetzungenwieder. Die Finanzierungsbasis 
der GKV ist geschrumpft. Ihr Einnahmepotential ist zurück - 
gegangen, und diejenigen, die noch Einkommen aus Er¬ 
werbsarbeit erzielen, haben diese Ausfälle zu kompensieren. 
Sie müssen also mehr bezahlen. Also steigen die Beitrags- 
sätzef (H.U.Deppe FR 38.7.96) 

Nicht Lohnforderungen oder das Eintreten für soziale 
Rechte sind das Problem, sondern daß der Propaganda von 
Wirtschafts- und Staats Vertretern geglaubt wird, die Betrof¬ 
fenen zu Verantwortlichen erklärt. Das “gemeinsame Boot 
in dem wir alle sitzen” ist immer noch hochwirksam, sitzt 
tief verinnerlicht in den Köpfen fest -trotz zunehmender 
Widersprüche. 


(Fortsetzung folgt) 
















Foto: Wolfgang Müller 

von Dorothea Schutze 

Immer geht’s um Papiere, Zeit nachgedacht, wie ich mir was zu 
befolgende Erzählung ist dasErgeb- p a pj ere essen besorgen kann, oder wie ich mich 

nis von mehreren Gesprächen im auf der Straße bewegen soll. Denn wenn 

Frühjahr und Sommer 1996. David Kofi j c h komme aus Ghana und bin 33 Jahre draußen bist, kann es dir passieren, 
und ich saßen jedes Mal zusammen am ^ Nach Deutschland kam ich im Jahr P°^ ze * kommt und deinen Aus- 

Küchentischin einer Privatwohnung in Okay, ich bin also seit ungefähr weis oder irgendwelche Dokumente se- 

Üarmstadt. Unsere Zusammentreffen y - er j a h ren hier und seit über einem hen will. Da wird es dann ganz schwie- 
dauerten jeweils viele Stunden, da wir j a ^ r legalisiert. Ich bekam damals Früher wohnte ich in einer Asylbe- 

einzelne Themen und Ereignisse disku- e j nen Brief, in dem stand, daß ich zurück werberunterkunft, und sobald klar war, 
tierten, bevor Davids Erzählungen auf mo ’ m L^d müsse, aber ich konnte daß ich nicht mehr in Deutschland 

Fonträger auf genommen wurden . Bei n j c htzurück. Ich habe viel nachgedacht bleiben darf, mußte ich so schnell wie 

unseren Diskussionen ging es neben un( j ^ ann beschlossen, trotzdem in möglich flüchten und einen anderen 

inhaltlichen Fragen auch um die Ent- j) eutsc hland zu bleiben. Obwohl das P | alz zum Wo ^ nen finden. Dann gehen 

Scheidung, welche Geschichten aus tota ] hart ist. Irgendwie kannst du dich die Probleme los. 

Sicherheitsgründen nicht der Öffent - sc hon am Leben halten, aber den ganzen Wenn du eineWohnung finden willst, 

üchkeit zugänglich gemacht werden j a g j n e i nem Zimmer zu sitzen, ist mußt du eine Aufenthaltserlaubnis vor- 

solhen . Da es zwischen den einzelnen überhaupt nicht auszuhalten. Außerdem weisen. Dafür mußt du dann jemanden 

Fhemenblöcken diese Diskussions- und mu ßt du raus, um irgendwie was zu finden, der dir seine Papiere zur Verfü- 

A ufnahmepausen gab , kommen im e$sen zu besorge n. S un S stcllt - Wenn du also einen Platz 

folgenden Text keine Fragen vor. Illegalisierthier zu leben ist wahnsin- gefunden hast, fragen sie dich nach 

(Übersetzung aus dem Englischen) n jg schwierig. Ich habe erstmal lange deinen Papieren. Ich sagedann: »Okay, 

SF 3/96 [13] 
























jemand anderem arbeitest, muß dir klar 
sein, daß der Name auf den Papieren 
nicht dein Name ist. Am Anfang, wenn 
sie dich in der Firma rufen, fällt dir das 
oft nicht schnell genug ein. Erst wenn 
sie vielleicht drei oder viermal gerufen 
haben, merkst du, daß sie dich meinen. 
Dann wird erst klar, die meinen ja mich. 
Ich bin am Anfang jedes Mal total er¬ 
schrocken. Zwei oder drei Monate hat 
es gedauert, bis ich mich an den anderen 
Namen gewöhnen konnte. 


jedenfalls den ganzen Monat auskom- 
men. Das ist in Deutschland natürlich 
nicht gerade viel. Aber irgendwie mußt 
du damit klarkommen. Die Alternative 
wäre nur, zurück in mein Land zu gehen. 
Aber das würde ich nicht überleben. Da 
sind 50 Mark noch besser als zu sterben. 

Bei dieser ersten Arbeitsstelle blieb 
ich etwa acht Monate. Dann fing der 
Lagerchef an, mirProblemezu machen. 
Wenn ich mit dieser Arbeit aufhöre, 
was dann? Ich mußte versuchen, die 


bekommen Sie morgen.« Dann kontak¬ 
tiere ich meinen Freund, leihe mir seine 
Papiere und zeige sie vor. Wenn du 
dann eine Wohnung hast, mußt du sie 
natürlich irgendwie bezahlen, und du 
mußt sehen, wie du dir was zu essen 
besorgen kannst. 

Aber am Anfang steht auf jeden Fall 
die Wohnung. Wenn du nämlich keine 
Wohnung hast,bekommstdu auch keine 
Arbeit. Erst wenn du einen Platz zum 
Schlafen hast, kannst du dich um die 
anderen Dinge kümmern. Also, die 
Wohnung muß bezahlt werden. Bevor 
du die Wohnung kriegst, mußt du na¬ 
türlich auch irgendwiean Geldkommen, 
um die erste Miete und die Kaution zu 
zahlen. Du mußt dann erstmal einen 
Freund finden, einen guten Freund, der 
dir hilft und dir Geld leihen kann. Ich 
habe glücklicherweise so einen Freund 
gehabt, der mir 2.000 Mark geliehen 
hat, mit denen ich dann die Kaution und 
die erste Monatsmiete zahlen konnte. 
Danach mußte ich versuchen, Arbeit zu 
finden, um das Geld zurückzugeben 
und die nächsten Monatsmieten zu 
bezahlen. 

Arbeiten istauch ein großesProblem, 
denn jede Firma, bei der du anfragst, 
willerstmal deine Papiere sehen, immer 
geht’s um Papiere, Papiere. Wieder 
mußte ich einen meiner Freunde bitten, 
mir seine Papiere zu leihen, um sie bei 
einer Arbeitsstelle vorzulegen. Ein 
Freund sagte min »Das geht nicht, denn 
Dein Gesicht ist nicht das gleiche wie 
meines, wir haben verschiedene Ge¬ 
sichter. Wenn Du zu irgendeiner Firma 
kommst, sehen sie gleich, daß Du ein 
Ausländer bist, und wollen sofort Dei¬ 
nen Paß und Deine Arbeitserlaubnis 
prüfen.« Diese Papiere sind also ganz 
entscheidend. Gut, ich habe diesem 
Freund dann gesagt: »Du kannst mir ja 
Deine Arbeitserlaubnis geben, da ist 
kein Foto drauf. Dann gibst Du mir 
einfach nur eine Kopie von Deinem 
Paß.« Auf einer Kopie kann man 
nämlich das Gesicht nicht ganz so gut 
erkennen. Er hat mir dann eine Kopie 
gegeben, und zusammen mit der Ar¬ 
beitserlaubnis ging ich zu einer Firma. 
Ich hatte großes Glück. Gleich die erste 
Firma wollte den Öriginalpaß nicht 
sehen. Denen war die Arbeitserlaubnis 
genug, und ich konnte anfangen zu 
arbeiten. 

Trotzdem bleibtes extrem schwierig. 
Wenn du nämlich mit den Papieren von 


Mit diesem ersten Job hatte ich wirk¬ 
lich viel Glück. Ich hatte keine größeren 
Probleme. Ich mußte natürlich beson¬ 
ders hart arbeiten, schließlich waren es 
nicht meinePapiere. Und wenn du nicht 
hart genug arbeitest und sie dich raus¬ 
schmeißen, kannst du auch der Person, 
die dir am Anfang Geld geliehen hat, 
das Geld nicht zurückbezahlen. Dann 
mußt du noch Miete bezahlen. Und 
wenn der Monat rum ist und ich alles 
bezahlt habe, bleiben mir am Ende ge¬ 
rade mal 50 Mark übrig, das muß dann 
erstmal für’s Essen reichen. Ich kaufe 
mir dann vielleicht ein Hühnchen, ein 
paar Kartoffeln. Mit 50 Mark muß ich 


Situation auszuhalten und weiterzu¬ 
arbeiten. Manchmal wirst du angebrüllh 
als wärst du gar kein Mensch. Aber du 

kannst dich nicht wehren, die deutschen 

Gesetze erlauben es nicht. 


ln Deutschland ist die 
Polizei überall, die sind 
ganz schnell da. 

Ich denke, die Art und Weise, wie ich 
esse, wie ich arbeite, habe ich erstmal 
genug beschrieben. Jetzt können wir 
vielleicht darüber reden, wie ich mich 
sonst in der Öffentlichkeit bewege. Du 



[14] SF 3/96 






kannst ja nicht die ganze Zeit zu Hause 
bleiben. Und nach der Arbeit mußt du 
einkaufen. Das ist auch nicht einfach. 
Wenn du rausgehst, um dir was zu essen 
zu besorgen, kann dir alles Mögliche 
passieren. Das ist so, wie wenn deine 
Mutter im Bett liegt und stirbt. Du bist 
dann wie ein kleiner Junge. Wenn du 
rausgehst, kann dir passieren, daß du 
ins Wasser fällst, und keiner hilft dir. 
Wenn du aber nicht rausgehst, kannst 
du genauso in deinem Käfig sterben. 



Du mußt rausgehen, es bleibt dir gar 
nichts anderes übrig. 

Du gehst also raus in irgendein Ge¬ 
schäft, eine sehr schwierige Sache. Denn 
vielleicht ist da irgendwo ein Polizei- 
Wa gen, und wenn die Polizisten auf¬ 
merksam beobachten, dann wissen sie 
Bescheid. Sie sehen, daß du Probleme 
hast. Denn jedes Mal, wenn du einen 
Polizeiwagen siehst, fängst du an zu 
Eltern. Schließlich kann es passieren, 
daß sie anhalten und dich nach deinem 
Ausweis fragen. Und jedes Mal, wenn 
du einen Polizei wagen sichst, fängst du 
an zu beten, oh Gott, oh Gott, oh Gott, 

Gott. Erst wenn der Wagen weg ist, 
aanst du erleichtert aufatmen. 


Aber wenn du Pech hast, der Wagen 
von hinten kommt und du ihn vorher 
nicht siehst, dann ist er plötzlich da, 
ganz nah. Oh, da kannst du verrückt 
werden. Dein Herz rast, du bist nah an 
einem Herzinfarkt, du zitterst wie wahn¬ 
sinnig, bis der Wagen endlich weg ist. 
Das fängt schon an, wenn ich nur je¬ 
manden sehe, der vielleicht einen grünes 
Hemd trägt und dazu noch eine weiße 
Kappe aufhat. Vielleicht ist das dann 
kein Polizist, aber ich fange trotzdem 
an zu zittern. Das gleiche passiert, wenn 
ich das tatütata von einem Kranken¬ 
wagen höre. Du denkst sofort, es könnte 
Polizei sein. Das ist so schwierig. Ja, du 
kannst irgendwie hierbleiben, hier ex¬ 
istieren, aber du findest nie Ruhe. Bis 
sie dich doch irgendwann kriegen und 
zurück in dein Land schicken. Diese 
Panik ist immer da, du kannst dich nie 
sicher und wohl fühlen. 

Wenn du dich in dieser Situation be¬ 
findest, mußt du auf ganz bestimmte 
Sachen aufpassen. Wenn du zum Bei¬ 
spiel draußen bist und in einen Bus ein¬ 
steigst, mußt du immer eine Fahrkarte 
haben, das ist sehr wichtig. Wenn du 
hier il legalisiert bist, brauchst du immer 
diese Fahrkarte, genauso in der Stras- 
senbahn. Du mußt dich immer absolut 
korrekt verhalten. Wenn nämlich die 
Kontrolle kommt, Kontrolleure deine 
Fahrkarte sehen wollen und du hast 
keine, dann holen sie sofort die Polizei. 
Und das ist natürlich extrem gefährlich. 
Das kann allerdings genauso passieren, 
wenn sie jemand anderen fragen, der 
hat keine Fahrkarte, ermachtProbleme, 
und dann kommt die Polizei. Und wenn 
die Polizei kommt, kontrolliert sie den 
gesamten Bus. Sobald du mitkriegst, 
daß irgendsowas im Bus oder in der 
Straßenbahn passiert, mußt du an der 
nächsten Haltestelle sofort aussteigen. 
Du mußt da raus. Und jedes Mal, wenn 
du in einem dieser öffentlichen Ver¬ 
kehrsmittel sitzt und da auch nur ein 
bißchen Unruhe oder Krach ist, fängst 
du gleich an zu zittern. Denn in Deutsch¬ 
land ist die Polizei überall, die sind 
ganz schnell da. 

Einmal warich inFrankfurtmiteinem 
meiner Freunde. Ich brauchte Papiere 
von meinem Anwalt. Damals hatte mir 
mein Anwalt erzählt, daß er mein Asyl- 
verfahren nicht fortsetzen könne. Des¬ 
wegen wollte ich den Anwalt wechseln 
und meine Papiere abholen, um sie wei¬ 
tergeben zu können, damit der andere 
lut, was nur möglich ist. Ich fuhr also 


nach Frankfurt. Als wir im Zug waren 
und die Abteile langliefen, um einen 
Sitzplatz zu finden, redeten wir immer 
noch darüber. Als wir einen Platz ge¬ 
funden hatten, legte ich die Papiere, die 
ich bei meinem Anwalt abgeholt hatte, 
auf den Sitz. Als ich dann meine Jacke 
aufhängen wollte und mich umdrehte, 
sah ich dort einen Polizisten. Oh nein! 
Ganz nah war er. Er kam in unseren 
Wagen, und ich habe ihn direkt ange¬ 
sprochen. Wo er denn hinfährt und so. 
Er hat sich neben uns gesetzt, war ein 
netter Kerl. Er war auf dem Weg nach 
Heppenheim, fragte mich, wie’s mir 
geht. »Gut«, habe ich geantwortet Und 
ob er denn Englisch spreche. Er sagte, 
nicht besonders gut. Ich spreche aber 
nur ein bißchen Deutsch. So kamen wir 
in’s Gespräch. 

Er fragte mich, woher ich komme. 
Ich sagte: »Aus Ghana«, und so weiter. 
Ich fragte ihn direkt: »Wollen Sie mich 
zurück nach Afrika schicken?« »Oh 
nein«, sagte er, »ich bringe Dich nicht 
zurück nach Afrika. Ich arbeite schon 
seit 15 Jahren bei der Polizei und habe 
noch nie jemanden nach Afrika ge¬ 
schickt. Ich bin selbst schon in mehreren 
Ländern gewesen. Meine Frau ist aus 
Indien. Warum sollte ich Leute nach 
Afrika bringen?« Er erzählte, daß er 
einmal in Tunesien war, und die Leute 
dort seien sehr freundlich. Jeder wollte 
ihm helfen. Und er fühlte sich dort so 
wohl. Deswegen wolle er Ausländem 
keine Probleme machen. Wie er so er¬ 
zählte, da wußte ich, daß es auch 
Polizisten gibt, die echt okay sind, nicht 
alle, aber einige wenige. Der war wirk¬ 
lich nett. Dann wollte er meine Adresse 
und Telefonnummer haben. Ich sagte 
aber: »Tut mir leid, habe ich nicht.« 
Denn Polizisten sind schon gefährlich. 

Diesen einen Polizisten fand ich 
wirklich nett. Trotzdem bereitet mir die 
Erinnerung Schmerz. Die Art, wie er 
auf mich zukam, mit mir geredet hat, 
wie wir zusammen Spaß hatten, im Zug 
gelacht haben. Der Polizist hat mich 
echt interessiert. Aber wegen der deut¬ 
schen Gesetze mußte ich trotzdem Angst 
vor ihm haben. Ich hatte Angst, ihm 
meine Adresse oder sonstwas zu geben. 
Wegen der deutschen Gesetze, deswe¬ 
gen konnte ich ihm nichthundertProzent 
vertrauen. 

Am Anfang, als ich hier war, hatte ich 
dauernd meine Geschichte in Ghana im 
Kopf, den Prozeß. Ich hatte große Pro¬ 
bleme damit, ich fühlte mich überhaupt 


SF 3/96 [15] 











nicht gut. Ich brauchte jemanden, der 
mir hilft. Aberdas ist schwer. Du kannst 
fast niemandem hundert Prozent ver- 
trauen.egal ob Deutscheoder Afrikaner, 
das ist egal. Unter den Deutschen kann 
dir vielleicht schon jemand helfen, aber 
nicht alle. Da gibt es zum Beispiel die 
Kriminalpolizei. Die sind dann sehr 
freundlich, nehmen Kon takt m it dir auf, 
fragen dich aus, und später hast du die 
Probleme. Das kann dir aber auch 
genauso mitLeutenpassieren, die nicht 
von der Polizei sind. 


...manche sind wirklich 
okay 

Klar, da gibt es schon Leute, die dir 
helfen, zum Beispiel, als ich unbedingt 
einen Platz zum Wohnen brauchte. Ich 
habe ein paar Deutsche kennengelemt, 
die haben versucht mir zu helfen, einen 
Schlafplatz zu finden, was zu essen, sie 
haben mir etwas Geld gegeben, um mir 
selbst zu helfen. Ich denke, diese Leute 
sind gut, für mich, denke ich, sind sie 
sehr gut. Oft reden wir über Deutsche, 
die nicht gut sind, aber manche sind 
wirklich okay. 

Einige habe ich kennengelemt, und 
nicht nur eine Person, vielleicht fünf 
oder zehn. Die haben versucht, mir zu 
helfen. Alles haben sie mir gegeben, ihr 
ganzes Herz, ihr ganzes Geld, alles, um 
mir zu helfen. Nicht all ihr Geld, klar, 
einen Teil. Das ist in meinem Land ja 
auch so. Da ist es auch nicht so einfach, 
jemandem das Appartement zu über¬ 
lassen für ein oder zwei Monate, ohne 
daß du irgendwas dafür zahlst. Schlie߬ 
lich bist du ein Ausländer. Jemand kann 
dir helfen, dir einen Schlafplatz anbieten 
und was zu essen. Für mich ist das echt 
okay. Ungefähr acht Monate lang konnte 
ich so leben, weil diese Leute mich un¬ 
terstützt haben. Und das ist wirklich 
gut. 

Diese Leute, die mir helfen, das ist 
wirklich hundertprozentig. Sie haben 
viel ihrer Zeit mit mir verbracht, haben 
mir ihr Auto zur Verfügung gestellt, 
haben dieSpritkosten übernommen, und 
immer haben sie ein offenes Ohr für 
meine Probleme gehabt. Die wollen 
mir wirklich helfen. Aber , wegen der 
deutschen Gesetze können sie das nicht 
bis zum Ende. Trotzdem, sie versuchen 
ihr Bestes. Ich danke Gott und wünsche 
diesen Leuten, daß sie lange leben, daß 


sie noch lange Jahre am Leben bleiben, 
um anderen auch helfen zu können. 

In der Zeit, als ich mit diesen Leute 
lebte, gab es einen, bei dem ich eine 
ganze Weile war. Er war ein guter Mann. 
Er war freundlich, wir haben viel gere¬ 
det, haben Witze gemacht, Spaß gehabt. 
Ich denke, er ist okay. Aber irgendwann 
gab es doch Probleme, lief es nicht 
mehr perfekt. Dieser Mann hat zwei 
Kinder, eine Tochter und einen Sohn. 
Der Sohn mochte mich, aber die Tochter 
hatte Probleme mit mir. Du weißt, daß 
wir Afrikaner nicht so enge Beziehun¬ 
gen zu unseren Kindern haben. Aber 
die Deutschen sind immer sehr eng mit 
ihren Kindern. Und weil die Tochter 
mich nicht mochte, gab es auch Pro¬ 
bleme mit dem Vater. Wegen dem 
Mädchen mußte ich mich nach was 
anderem umsehen. 

Damals habe ich viel zu schnell ge¬ 
urteilt. Schließlich sind sie eine Familie, 
ich kann die Familie nicht zerstören. 
Ich mußte also so früh wie möglich da 
raus. Und der Mann hat mich dabei 

unterstützt,eineneue Wohnmöglichkeit 

zu finden. Anfangs, als klar war, daß 
ich gehen müßte, habe ich mich ziemlich 
über den Mann geärgert. Aber damit 
mußte ich ganz schnell aufhören. Der 
Mann lebtenun mal mit seinen Kindern 
m einer Wohnung, er hat für sich und 
seine Kinder diese Wohnung gemietet, 
nicht für mich. Wahrscheinlich war ihm 
zuvor me in den Sinn gekommen, einen 
Ausländer oder einen Schwarzen wie 
mich aufzunehmen. Das war einfach 
em Notfall, deswegen hat er mich auf¬ 
genommen. So lebten wir eine Weile 
zusammen. 

Vielleicht war ich für das Mädchen 
der erste Schwarze, der mit ihr geredet 
hat. Und wahrscheinlich hat sie auch 
noch nie mit einem Ausländer zusam- 
mengelebt. Das war das große Problem 
für dieses Mädchen, sie ist ungefähr 
neun Jahre alt. Und wegen ihr mußte 
ich gehen. Aber auch die Vermieterin 
von dem Haus, die war so sauer über 
mich. Oder eher gesagt auf den Mann, 
der mich aufgenommen hatte. Die 
Vermieterin kam zu ihm hin und hat ihn 
gefragt: »Was ist mit dem Schwarzen, 
warum ist er hier?« Ihr ging es um die 
Zusatzkosten, um das Wasser, den 
Warmwasserboiler, all das. 

Aber der Mann hat zu mir gehalten 
und sich mit ihr gestritten. »Was geht 
Sie das an? Es ist erlaubt, Besuch zu 
bekommen, bis zu einen Monat lang.« 


Er rief seinen Anwalt an, hat mit ihm 
darüber gesprochen. Und all das hat er 
wegen mir gemacht, hat für mich ge¬ 
kämpft. Und später gab es dann die 

Probleme mit seiner Tochter. Wegen 
all dieser Dinge mußte ich gehen. Aber 
er hat mir bei der Suche nach einem an¬ 
deren Ort geholfen. 



In Afrika gibt es 
Raubvögel 

Jetzt will ich mal direkt die Leute an- 
sprechen, die die Macht in Deutschland 
haben, die die Gesetze für Ausländer 
machen. Ich bitte all diese Leute, macht 
langsamer. Zum Beispiel meine 
Geschichte: Als ich diesen Brief bekam, 
in dem stand, ich müsse zurück in mein 
Land, weil mein Fall in Ghana abge¬ 
schlossen sei, habe ich Kontakt mit 
meinen Eltern aufgenommen. Ich wollt 0 
wissen, ob das stimmt. Meine Elten 1 
erzählten mir, daß mein Fall in Ghana 
überhaupt noch nicht abgeschlossen 


[16] SF 3/96 










war. Die Deutschen meinten aber, der 
Fall wäre vorbei. 

Ich kapiere überhaupt nicht, was das 
soll. Das macht keinen Sinn. Die deut¬ 
schen Behörden kannten meine Adresse, 
sie wußten, wo ich wohne. Und sie 
kannten die Namen von meinen Eltern 
und deren Adresse in Ghana. Sie hätten 
wirklich rausfinden können, ob das 
stimmt. Aber keiner hat sich die Mühe 
gemacht, in Ghana nachzufragen. Sie 


jetzt in Nigeria. Wenn aber alles für ihn 
in Ghana in Ordnung sein soll, warum 
ist er dann wohl nach Nigeria gegangen? 
Ghana ist sein Mutterland, trotzdem ist 
er inNigeria. Und er leidet sehr darunter. 
Er hat mir geschrieben und erzählt, wie 
er dort lebt. Er schläft irgendwo in einer 
Art Kiste, draußen vor einem Kiosk. 
Die Deutschen haben ihn zurück nach 
Ghana geschickt, weil sein Verfahren 
abgeschlossen ist. Die Deutschen haben 



SfltW 


JPP 


111 




:3 


toß 

§ 

,bQ 


1 » 


2 

t2 


hätten meine Eltern fragen können, die 
Polizei in Ghana, meinen Anwalt in 
Ghana. Aber mit denen hat sich nie 
jemand in Verbindung gesetzt. Trotz- 
d e rn sagen die Deutschen einfach: »Der 
Pall ist abgeschlossen.« 

Was wollen die Deutschen von mir? 
Wollen sie, daß ich in Ghana umge¬ 
bracht werde? Das verstehe ich nicht. 
Wenn sie mich zurück nach Ghana 
Sc hicken, und ich gehe hin und sterbe 
^ 0r t, erst dann würden mir die Deut¬ 
schen glauben. 

Vor drei Monaten haben siedrei Leute 
aus Limburg nach Ghana abgeschoben. 
Einer von ihnen ist mein bester Freund, 
hlrei Monate ist das her. Und er lebt 


nichts rausgefunden, sie wissen nichts, 
sagen nur, der Fall ist abgeschlossen. 
Dann schmeißen sie dich raus. 

Leuten wie mir, die in so einer Sitation 
leben, denen stellt sich natürlich die 
Frage: Was ist mit dir, was mit deinen 
Plänen, was mit deiner Zukunft? Für 
mich ist das total schwer. Ich weiß 
nicht, wie mein Leben morgen aussehen 
wird, ich habe keine Zukunftspläne, ich 
kann nicht für mich selbst entscheiden. 
Anfangs hatte ich Pläne und Ziele, aber 
jetzt, seitdem ich in dieser Lage bin, 
kann ich keine Pläne mehr machen. Ich 
weiß überhaupt nicht, wie es weitergeht 
ohne Visum hier in Deutschland. 

Ich schaue auf mein Leben wie ein 


kleines Küken, dessen Mutter gestorben 
ist. Und ich bin als dieses Küken ganz 
allein. Ich habe überhaupt keine 
Kontrolle über mein eigenes Leben. 
Von allen Seiten können Tritte kommen. 
In Afrika gibt es Raubvögel. Und solch 
ein Raubvogel kann sich das Küken 
krallen, jederzeit. Genauso ist es mit 
der deutschen Polizei. Innerhalb von 
wenigen Minuten hast du verloren. 
Innerhalb kürzester Zeit werde ich nach 
Ghana zurückgeschickt. Und was dann? 
Vielleicht werde ich umgebracht oder 
muß mein Leben lang im Gefängnis 
sitzen. Wobei es besser ist zu sterben, 
als ewig im Gefängnis zu sitzen. 

Ihr Leute, die Ihr die Gesetze macht, 
guckt mich an. Ich bin ein Mann, 33 
Jahre alt, gehe auf die vierzig zu und 
habe keine Zukunftspläne. Was ist mit 
meiner Zukunft, waspassiertmitmeiner 
Tochter? Ich weiß nicht, ob ich morgen 
noch hier bin oder nicht. Ich weiß es 
nicht. Wenn ich wüßte, okay, ein oder 
zwei Jahre habe ich noch hier, dann 
könnte ich wenigstens Pläne machen, 
auch für die Zukunft meiner Tochter. 
Aber ich habe keinen einzigen Plan. 
Jeder liebt doch sein Kind. Und ent¬ 
sprechend will jeder für seine Kinder 
Pläne machen. Aber ich habe nichts. 
Wegen der deutschen Gesetze. Bitte, 
Ihr Leute mit Macht in Deutschland, 
wenn auch nicht für mich, zumindest 
dann für die, die noch kommen werden. 
Versucht, etwas von Eurem Herzen zu 
geben. 

Die meisten Deutschen behandeln 
andere Menschen nicht schlecht, nur 
einige wenige tun das. Das läuft fifty- 
fifty. Wenn du einem Deutschen etwas 
gibst, zum Beispiel ein Geschenk, dann 
bekommst du auch eins zurück. Wenn 
du nichts verschenkst, bekommst du 
auch nichts. Das ist fifty-fifty, weder 
gut noch schlecht. Wenn du mit einem 
Deutschen eng befreundet bist, findest 
du heraus, die Person ist echt in Ord¬ 
nung. Aber die Mentalität der Deut¬ 
schen, die ist nicht gut, weil sie nicht 
offen sind, nicht offen gegenüber Aus¬ 
ländem und nicht offen gegenüber sich 
selbst, genausowenig unter sich, unter 
den Deutschen. Es ist sehr schwierig, in 
Kontakt zu kommen, schon allein mit 
jemandem zu sprechen. Vielleicht sagst 
du zu jemandem »Hallo«, und derjenige 
registriert dich gar nicht, er sieht dich 
noch nicht einmal. Es ist ihm egal. Er 
guckt dich nur an, entschuldige, wenn 
ich das sage, aber wie ein Tier, wie eine 


SF 3/96 [17] 













Katze. Da kommt keine Reaktion. 

In Afrika sind wir gewohnt, viel mit¬ 
einander zu sprechen, offen zu sein, 
aufeinander zuzugehen. Und warum die 
Deutschen nicht offen sind, besonders 
gegenüber Ausländem, denke ich, hat 
viel mit der Geschichte zu tun, direkt 
mit den Erfahrungen aus dem Zweiten 
Weltkrieg. Ich glaube, Adolf Hitler 
sagte: »Schwarze sind nicht gut.« In 
dieser Zeit hatte er die Macht. Und die 
Leute waren überzeugt, daß er recht 
hatte, sie folgten ihm. Jeder hatte das so 
im Kopf, daß Schwarze nicht gut sind. 
Genauso haben die Eltern ihren Kindern 
erzählt: »Schwarze sind nicht gut.« Und 
so sind die Kinder aufgewachsen, mit 
diesen Vorstellungen. 

In meinem Land, wenn du da ein 
Kind bist, wird dir auch einiges von 
deinem Vater oder deiner Großmutter 
erzählt. Meine Großmutter sagte zu mir: 
»Wenn Du einen Ausländer siehst, einen 
Weißen, behandle ihn nicht schlecht. 
Wenn jemand von einer anderen Stadt 
oder aus einem anderen Land kommt, 
behandle ihn niemals schlecht. Denke 
immer an die Leute, die nach Amerika 
oder England geschickt worden sind, 
die Schwarzen. Wenn du Ausländer 
hier schlecht behandelst, dann behan¬ 
deln sie diese Leute in ihren Ländern 
auch schlecht.« Das hat mir meine 
Großmutter gesagt, und auch mein 
Vater. Und ich glaube meinem Vater. 
Deswegen versuche ich jedesmal, wenn 
ich einen Ausländer sehe, ihm zu helfen, 
zu gucken, was ich für ihn tun kann. Ich 
helfe den Ausländem in meinem Land, 
damit die Schwarzen in anderen Län¬ 
dern nicht leiden müssen. Aber im 
Grunde ist das alles eine große Lüge. 
Seit ich hier in Deutschland bin, weiß 
ich,daß ich aufgrund meiner Farbe keine 
Chance habe. 


der Job ist für Deutsche 
oder Europäer 

Ich bekomme keine Chance. Das habe 
ich sehr früh gemerkt, als ich anfing bei 
dieser einen Firma in Malchenl zu 
arbeiten. Das war mein erster Job in 
Deutschland. Ich habe dort zwei Jahre 
undsechsMonategearbeitet. Imzweiten 
Monat wurden meine Papiere zum 
Arbeitsamt geschickt, weil meine Ar¬ 
beitserlaubnis an mein Visum geknüpft 
war, und mein Visum war immer nur 
auf sechs Monateausgestellt. Mein Chef 


hat also die Papiere ans Arbeitsamt in 
Darmstadt geschickt. Er sagte dann, ich 
müsse selbst hingehen und mit den 
Leuten im Arbeitsamt reden, damit das 
mit meiner Arbeitserlaubnis schneller 
geht. Er wollte mich ohne Papiere nicht 
einen einzigen Tag arbeiten lassen. 

Ich ging hin und sprach dort mit einer 
Frau. Sie sagte mir: »Geh nach Hause, 
wir schicken die Arbeitserlaubnis direkt 
an die Firma.« Ich erzählte das meinem 
Chef. Er hat das aber nicht verstanden 
und im Arbeitsamt angerufen. Und die 
sagten ihm dann: »Diese Arbeit ist nicht 
für Schwarze.« Du kannst meinen Chef 
fragen. So haben sie es gesagt. Mein 
Chef wollte wissen: »Wieso nicht? Er 
ist ein guter Arbeiter. Und ich möchte, 
daß er weiter für mich arbeitet.« Diese 
Frau sagte aber: »Nein.« Mein Chef hat 
sich total geärgert. Später sind wir 
zusammen zum Arbeitsamt gefahren. 
Und dann haben sie doch die Papiere 
fertiggemacht. Nach ungefähr zwei 
Wochen waren die Papiere da. In der 
Zwischenzeitkonnte ich natürlich nicht 
arbeiten. . 

Aber dann, nach sechs Monaten, 
mußten mein Visum und meine Ar¬ 
beitserlaubnis wieder verlängert wer¬ 
den. Wieder wurden meine Papiere ans 
Arbeitsamt geschickt. Und wieder kam 
die Reaktion von der Frau: »Diese Arbeit 
ist nicht für Schwarze. Ich werde auf 
die Papiere keinen Stempel machen.« 
Und wieder ist mein Chef mit mir 
hingefahren. Und dort sagte die Frau: 
» Wir finden die Papiere nicht mehr, sie 
sind verlorengegangen.« Mein Chef hat 
sich total aufgeregt. Wir haben direkt 
neue Formulare besorgt, sie ausgefülll, 
gleich dort unterschrieben und uns den 
Stempel abgeholt. Aber nach sechs 
Monaten genau die gleiche Geschichte 
wieder. 

Und irgendwann wollte mein Chef 
nicht mehr, er sagte: »Ich habe jetzt ge¬ 
nug davon. Ich hab’ alles versucht, aber 
die beim Arbeitsamt sagen, ‘der Job ist 
für Deutsche oder Europäer’. Tut mir 
leid.« Und so habe ich meinen Job 
verloren. Im Arbeitsamt haben sie mir 
später gesagt: »Es ist besser, wenn Du 
den Job nicht mehr machst und wir Dir 
stattdessen Arbeitslosengeld geben.«In 
Darm stadt war das. Und normalerweise 
verlierst du deinen Job, wenn dein Chef 
dir kündigt, weil es zum Beispiel nicht 
genug Arbeit gibt. Aber den Job mußte 
ich wegen dem Arbeitsamt aufgeben. 
Er hat mir gekündigt, weil das Arbeits¬ 


amt es wollte. 


Wenn es um Geld geht, 
um Einkommen, dann ist 
der Charakter gut, wenn 
es um den Menschen 
geht, dann nicht 

Manchmal triffst du hier in Deutsch¬ 
land Leute, die kommen und sagen: 
»Geh doch zurück in Dein Land.« Das 
habe ich schon oft gehört. »Nigger, geh 
zurück in Dein Land!« Wie kommen 
die Deutschen auf so was? Die Deut¬ 
schen müssen sich das selbstmal fragen. 
Warum wollt ihr die Ausländer raus¬ 
schmeißen? 

1945, als der Krieg zu Ende war, war 
die Situation in Afrika wahrscheinlich 
besser als in Deutschland. Die meisten 
hatten ja nicht mal was zu essen, keine 
Arbeit, nichts. Damals riefen sie Leute 
aus anderen Ländern, um ihnen zu hel¬ 
fen, sie schrien um Hilfe. Viele sind 
auch geflüchtet in andere Länder. Auch 
in Ghana gibt es Deutsche. Niemand 
schmeißt diese Leute raus. Damals wa¬ 
ren die Deutschen arm und brauchten 
Hilfe. Heute sind sie reich und wollen 
die Ausländer loswerden. Aber sic ver¬ 
gessen, daß die Ausländer ihnen gehol¬ 
fen haben, so reich zu werden. Jeder, 
der dieses Buch liest, muß sich selbst 
fragen: »Warum ist das so?« Sie sollen 
mal an ihre Eltern denken, an die Zeit, 
in der die Eltern so leiden mußten und 
Ausländer brauchten. 

Ich denke, die Deutschen haben in 
der Beziehung einen ganz schlechten 
Charakter. DerCharakter der Deutschen 
kann je nach Situation gut oder schlecht 
sein. Wenn es um Geld geht, um Ein¬ 
kommen, dann ist der Charakter gut, 
wenn es um den Menschen geht, dann 
nicht. Zum Beispiel in der einen Firma, 
in der ich gearbeitet habe. Der Chef 
mochte mich sehr wegen meiner Arbeit, 
aber ihm gefiel nicht, daß ich hierbleiben 
möchte, daß ich in Deutschland leben 
möchte. Er mochte, wie ich arbeite, ich 
habe gearbeitet wie ein Sklave. Das 
mochte er, dadurch hat er mehr Geld 
verdient. Aber jeden Monat, wenn er 
mir Geld zahlen mußte, dann hat cs ihm 
wehgetan, einem »Neger« Geld geben 
zu müssen. Das ist schlechter Charakter. 
Guten Charakter hat er, wenn es darum 
geht, daß ich für ihn arbeite, schlechten, 
wenn es darum geht, ob ich hierblciben 


[18] SF 3/96 



Foto: Wolfgang Müller 


soll oder nicht. 

Die meisten Leute haben diese beiden 
Charaktere. Gerade, wenn es um Arbeit 

geht. Dem Deutschen muß ich fünfzehn 

Mark geben, das ist zu viel, dem Schwar¬ 
zen nur zehn Mark. Und der arbeitet 
dann gut. Aber sobald es um den Lohn 
geht, dann kommen die Zweifel: 



f -""'V nimm 


»Warum ist der überhaupt in unserem 
Land?« Und das nur, weil ich ein bi߬ 
chen Geld von ihm bekomme. Die meis¬ 
ten reichen Leute in Deutschland haben 
einen schlcch ten Charakter. Die meisten 
Chefs haben keine Sympathien für Aus¬ 
länder. Sie behandeln dich wie einen 
Kriminellen. Nur einige wenige behan¬ 
deln dich besser. Die meisten nicht, be- 
sonders die Reichen. 


Deutschland? 

Daß ich ausgerechnet hier in Deutsch¬ 
land gelandet bin, das ist schon ein 
Thema. Am Anfang, als ich aus meinem 
Land geflohen bin, da hatte ich gar 
nicht vor, nach Deutschland zu gehen. 
Das war nicht mein Plan. Damals hatte 



ich auch keine Ahnung von den Unter¬ 
schieden zwischen den europäischen 
Ländern. Ich wußte nur, es gibt Italien, 
Frankreich, Großbritannien, Holland, 
Belgien, Portugal, Schweiz, und andere 
Länder. Ich sagte damals nicht, ich will 
nach Deutschland. Aber als ich dann in 
Libyen war, traf ich einen Mann. Und 
der hat mir geholfen und mich auf 


Deutschland gebracht. Er gab mir das 
Ticket und sagte: »Dieses Ticket wird 
Dich nach Deutschland bringen. Dort 
nehmen sieLeuteauf, die aus politischen 
Gründen geflüchtet sind.« 

Ich wußtenicht, wie Deutschland sein 
würde. Wenn ich es vorher gewußt hätte, 
hätte ich ihn gebeten, mich in ein anderes 
Landzu schicken. Er gabmir dasTicket 
und alles andere, was notwendig war. 
Ich flog mit KLM nach Amsterdam. 
Und von dort aus kam ich nach Deutsch¬ 
land, zum Frankfurter Flughafen. Dort 
waren zwei nette Polizisten, die mich 
aus dem Flugzeug holten und mir einen 
Platz zum Schlafen gaben. Damals 
dachte ich: »Die Deutschen, die sind to¬ 
tal in Ordnung.« Erst später, als ich aus 
dem ‘Gefängnis’ im Flughafen kam, 
als ich nach draußen kam, dann erst ha¬ 
be ich die Deutschen kennengelemt. 

Eine Woche war ich am Frankfurter 
Flughafen, danach erst bin ich richtig 
nach Deutschland reingekommen. Von 
den Leuten, die damals am Flughafen 
gearbeitet haben, waren die meisten 
sehr nett. Die Polizisten, die mich aus 
dem Flugzeug geholt haben, waren 
freundlich, haben mit mir gesprochen. 
Aber jetzt weiß ich, daß Polizisten nicht 
gut sind. Die gleichen Polizisten, die 
mich im Flughafen empfangen haben, 
würden mich genauso auch wieder ins 
Flugzeug setzen und mich zurück in 
mein Land schicken. Heute weiß ich, 
daß die deutsche Polizei nicht so freund¬ 
lich ist. In Ghana gibt es sogar Polizisten, 
die dir helfen würden zu fliehen. Aber 
die deutschen Polizisten hier sind glück¬ 
lich über jeden, den sie rausschmeißen 
können. Wahrscheinlich erzählen sie 
abends ihren Ehefrauen: »Heute habe 
ich wieder einen Schwarzen erwischt 
und ihn zurück nach Afrika geschickt.« 

Jetzt bin ich nun mal in Deutschland. 
Und wenn du einmal hier bist, istes sehr 
schwer, in ein anderes Land in Europa 
zu gehen. Wenn ich jetzt ein Ticket in 
der Hand hätte und sagen würde: »Ich 
will zurück nach Ghana«, dann würden 
die Deutschen vor Freude in die Hände 
klatschen. Aber wenn ich zum Beispiel 
nach Großbritannien wollte, da ist die 
Grenze total dicht. Wenn ich die Chance 
gehabt hätte, in ein anderes Land zu 
gehen, hätte ich das längst gemacht. 
Aber keine Chance. Wenn ich nur die 
geringste Möglichkeit hätte, würde ich 
weglaufen. 

Viele Schwarze, die aus Afrika flüch¬ 
ten, kommen nach Europa, aber die 


SF 3/96 [19] 









wenigsten nach Deutschland. Weil es 
hier so schwierig ist. Wenn ich manch¬ 
mal Kontakt habe mit Schwarzen, die 
in einem anderen europäischen Land 
oder auch in den USA leben, wenn wir 
uns schreiben oder telefonieren, dann 
kommt ganz oft die Frage: »Warum 
bleibst Du denn in Deutschland? In 
Deutschland brennt es doch.« Denn 
wenn du Ausländer bist, fühlst du dich 
hierin Deutschland wie in einem großen 
Feuer. 

Wenn du als Deutscher hier lebst, 
deutscher Bürger bist, dann weißt du: 
»Ich lebe hier, ich bin hier geboren, 
wenn ich mich nach den Gesetzen und 
Regeln verhalte, ist alles in Ordnung.« 
Aber wenn du ein Ausländer bist, neh¬ 
men wir mal uns beide. Wenn wir zum 
Beispiel zusammen in der Straßenbahn 
sitzen und eine Kontrolle kommt, was 
meinst Du, was mit mir passiert? Kannst 
Du mir das sagen? Und was passiert mit 
Dir? Nichts! Das ist das Problem. Dich 
würden sie in Ruhe lassen. Und wenn 
sie mich nicht direkt zurück nach Ghana 
schicken, dann bin ich erstmal im Ge¬ 
fängnis. Ich bin ein Mensch wie Du. 
Habe ich was gestohlen? Habe ich je¬ 
manden angegriffen? Nein. Und darum 
geht’s. Deswegen ist Deutschland wie 
ein großes Feuer. Mein Leben kann 
sich innerhalb von wenigen Minuten, 
total verändern. Und die meisten, die 
in anderen Ländern leben und von 
Deutschland gehört haben, wissen das. 

Die Deutschen gehen 
nach Ghana um Geld zu 
verdienen 

Die meisten Deutschen, die in Ghana 
sind, arbeiten dort. Und die arbeiten 
nicht für umsonst. Sie arbeiten, um Geld 
zu verdienen. Viele Deutsche sagen hier: 
»Die Afrikaner kommen nur nach 
Deutschland, um zu arbeiten und Geld 
zu verdienen.« Aber das machen die 
Deutschen in Ghana doch auch, sie 
gehen dahin, um Geld zu verdienen! 
Sie bekommen ihr Geld von Ghana. Es 
gibt viele Deutsche, die ihre Geschäfte 
in Ghana machen, für Geld. Es geht um 
viel Geld. Aber wenn hier ein Ghanaer 
ist, der für Geld arbeitet, dann werden 
sie böse. Ich bin Ghanaer und muß 
deshalb darüber sprechen. 

Wenn jemand hierherkommt, um zu 
arbeiten, dann ist das doch nicht krimi¬ 


nell! Wenn jemand hier mit Drogen 
dealt oder irgendwas anderes Krimi¬ 
nelles macht, dann ist das gegen das 
Gesetz. Aber wenn jemand hier arbeitet, 
für Geld arbeitet, aber arbeitet, das ist 
doch der Punkt, dann ist das nicht kri¬ 
minell. Die meisten Deutschen sind in 
Ghana, um Geld zu verdienen. Und 
niemand würde ihnen sagen: »Warum 
gehtlhr denn nichtzurück nach Deutsch¬ 
land?« Deutschland ist schließlich ein 
gutes Land, ein reiches Land. Dort gibt 
es genug Geld. »Geht doch zurück in 
Euer Land und arbeitet dort.« 

Wenn Deutsche in Ghana sind, dann 
kriegen die Ghanaer eine Mark, und die 
Deutschen bekommen drei Mark. Weil 
sie Ausländer sind. Sie haben keine 
Famlie dort, haben vielleicht keine 
Wohnung,so bekommen siemehrGeld. 
Aber wenn ein Ghanaer hier in Deutsch¬ 
land ist, dann kriegen die Deutschen 
eine Mark und der Ghanaer zehn Pfen¬ 
nig. Wie kann das sein? Aber so sind die 
Deutschen. In meinem Land, in Ghana, 
kenne ich viele Deutsche. Sie haben 
eine große Mercedes-Firma dort. Sie 
sind Ingenieure, Ärzte, Krankenschwes¬ 
tern, sie arbeiten dort und verdienen 
Geld. Und wenn du zu diesem einen 
großen Ort gehst, wo die Goldminen 
sind, dort sind die meisten Deutschen. 
Und warum? Weil sie Gold finden wol¬ 
len. Sie wollen Geld, aber niemand 
sagt: »Hey, Deutscher, geh zurück in 
Dein Land.« Niemand sagt so was. 
Warum ist das so? 

Deutschland ist perfekt. Fahr mal in 
Urlaub nach München, von Darmstadt 
nach München, von Darmstadt nach 
Hamburg, von Hamburg nach München. 
Guck dir Deutschland mal an, das ist 
alles hundertprozentig. Warum geht ihr 
dann nach Afrika, um die Tiere anzu¬ 
gucken? Diese Tiere sind doch eigent¬ 
lich für die Afrikaner da und nicht für 
die Deutschen. Zum Beispiel die Tiere 
in Kenia sind für die Leute aus Kenia. 
Aber die Deutschen gehen dorthin, um 
die Zähne der Tiere zu bekommen. Und 
sie bringen sogar Elefanten nach 
Deutschland. Und niemand macht das 
umsonst, niemand, es geht um’s Geld 
verdienen. 

Ich werde wirklich traurig, wenn ich 
an die Schwarzen denke, die hier arbei¬ 
ten. Wirarbeiten in einer Firma, kriegen 
dauernd Probleme mit dem Chef oder 
dem Vorarbeiter, werden angebrüllt, 
müssen uns Beschimpfungen anhören 
und all das. Und trotzdem sind die 


Deutschen nicht zufrieden. Es ist 
schwierig hier in Deutschland. Und 
würde hier ein Chef einem deutschen 
Mitarbeiter sagen: »Du bist dumm«, 
oder so was? Niemals! Aber ich mußte 
mir so was dauernd anhören. Wir hatten 
fast das gleiche Alter, und trotzdem 
konnte er so mit mir reden: »Du bist 
dumm.« In meinem Land hätte ich ihn 
dafür geohrfeigt. Aber er kann zu mir 
sagen, was er will, weil ich Ausländer 
bin. Das ist nicht fair. 

Wenn jemand so verdreckt ins Flugzeug 
kommt, denkst du, der spinnt! 

Eine Sache ist total schlimm, ühd ich 
denke, damit macht sich Deutschland 
auch einen ganz schlechten Namen. 
Nicht nur, was die Regierung angeht, 
sondern alle Deutschen. Wenn jemand 
zum Beispiel schon seit fünf Jahren hier 
lebt, kann er eines Tages einfach abge¬ 
schoben werden, ohne Gepäck, direkt 
nach Ghana oder in ein anderes Land. 
Was hältst Du davon? Du arbeitest, und 
dann kommt plötzlich die Polizei und 
holt dich direkt von der Arbeit ab und 
setzt dich ins Flugzeug. 


Eine Geschichte kann ich Dir da er- 



£20] SF 3/96 











zählen: Ich kenne einen Mann. Sein auch ein Mensch. Aber sie setzen ihn in 
Asylverfahren war abgeschlossen. Dann seinen dreckigen Arbeitsklamotten ins 
ist er zur Ausländerbehörde gegangen Flugzeug. Im Flugzeug sitzen die rei- 
und hat denen gesagt, daß er zurück chen Leute. Wenn jemandsoverdreckt 
nach Ghana gehen will. Die haben ihm ins Flugzeug kommt, denkst du, der 

ein Papier vorgelegt, und er hat unter- spinnt! Die Person ist nicht normal. Sie 

schrieben. Und sie haben ihm nochmal haben ihn einfach so mitgenommen, 

ein Visum gegeben, für einen Monat Und es hat an dem Tag sogar noch ge- 

oder für zwei Wochen. Er hatte einen regnet. Er war total verdreckt und 
Job in einer Gartenfirma. Er hat viel durchnäßt. 

draußen gearbeitet und hatte entsprech- Das gleiche ist einem anderen Freund 

ende Arbeitskleidung an, Arbeits- von mirpassiert. Irgendwann, mitten in 
schuhe. Und dann kam die Polizei, sagte: der Nacht, es war zwölf oder ein Uhr 

»Guten Tag, Sie sind der und der, nachts. Da klopften sie an der Tür. Er 

kommen Sie bitte mit.« Er ist zu ihnen dachte, es wäre sein Freund, weil der 

ins Auto gestiegen, und sie haben ihn vorher in die Disco gegangen war. Er 

direkt zum Frankfurter Flughafen ge- öffnet und zwei Polizisten stehen vor 

bracht, dann ab nach Ghana. Dabei hatte der Tür. Er wollte laut um Hilfe rufen, 

er vorher angekündigt, daß er frei willig aber sie haben ihm den Mund 

gehen wollte. Da kann man ihn doch zugehalten. »Du mußt jetzt zurück in 

wenigstens informieren und vorher Dein Land.« Aber warum? Er sagte: 

Bescheid sagen, dann und dann muß er »Ich will meinem Freund eine kleine 

gehen. ’ Nachricht hinterlassen, damit er weiß, 

Selbst wenn sie Angst haben, daß er was passiert ist.« Er hat einen kleinen 

wegrennt, dann könnten sie ihn doch Zettel geschrieben, aber einer der Po- 

zumindes't vorher nach Hause bringen, lizisten hat den Zettel genommen und 

damit er sich umziehen und was zu- ihn zerissen. Er hat das wahrscheinlich 

sammenpacken kann. Er ist schließlich gemacht, damit der Freund nichts mit- 



Foto: Wolfgang Müller 


bekommt. Vielleicht könnte sich der 
Freund dann kümmern, oderein Anwalt 
findet was heraus. Sie haben ihn direkt 
um fünf Uhr morgens ins Flugzeug 
gesetzt. 

Diese Behandlung durch die Deut¬ 
schen ist so schlimm. Jeder, der mit 
dem Flugzeug reist, will sich schließlich 
vorbereiten, will gute Kleidung tragen, 
damitalle sehen, daß er auch eine Person 
ist. Aber die Deutschen behandeln uns 
nicht wie normale Menschen und 
schicken uns einfach so zurück in unser 
Land. Und das kann genauso mir pas¬ 
sieren. Das ist total schlimm. 

Ich kenne auch ein paar Leute, die vor 
der Abschiebung im Gefängnis sitzen 
mußten. Sie stecken sie ins Gefängnis, 
weil die Papiere für den Transport noch 
nicht komplett sind. Erst wenn die 
Papiere fertig sind, schicken sie dich 
nach Ghana. Aber das passiert in den 
meisten Fällen nicht. Wenn du nämlich 
im Gefängnis sitzt und dein Anwalt für 
dich kämpft, hast du vielleicht Glück, 
und er kann erreichen, daß du doch 
hierbleiben kannst. Deswegen stehlen 
sie dich lieber und schicken dich direkt 
weg. Dann gibt es nichtdie Möglichkeit, 
daß sich jemand für dich einsetzl. Ich 
glaube, daß das gegen das Gesetz ist, 
einfach jemanden so abzuschieben. 
Aber die haben die Macht, sitzen in 
ihren Büros, unterschreiben irgendein 
Papier, und dann wird’s gemacht. Das 
ist doch auch illegal. Das ist kriminell, 
das ist Deutschland. Manchmal denke 
ich, mit all den jungen Leuten, die 
langsam erwachsen werden, vielleicht 
wird es mit denen anders. Weil manche 
verstehen die Ausländer ein bißchen. 
Vielleicht wird es Veränderung geben, 
aber das wird lange dauern. 

Immer, wenn du draußen 
bist, findest du keine Ruhe 

Das ist schon seltsam hier in Deutsch¬ 
land. Wenn ich mit meinem Land ver¬ 
gleiche oder auch mit anderen, ist es 
hier viel komplizierter. Wenn du hier 
ohne Aufenthaltserlaubnis lebst, hast 
du nie deine Ruhe. Du verläßt dein 
Land, um Ruhe zu finden, kommsthier- 
hcr, und die Probleme gehen weiter. 
Erst wenn die Probleme in deinem ei¬ 
genen Landgelöst sind, dannkehrtRuhe 
ein. Die Probleme hier in Deutschland 
sind zum Teil sogar größer als in deinem 


SF 3/96 [21] 












eigenen Land. Vielleicht wirst du in 
deinem eigenen Land umgebracht, sie 
erwischen dich, und wenn du gestorben 
bist, dann hast du deinen Frieden. Oder 
wenn du weißt, du mußt 20 Jahre lang 
ins Gefängnis, dann ist das wenigstens 
klar, du weißt, nach 20 Jahren ist es 
vorbei. 

In Deutschland wirst du erst aufge¬ 
nommen, sie sagen: »Wir wollen Dir 
helfen. Deine Probleme zu lösen«, und 
dann kannst du vielleicht in dein Land 
zurückkehren. Aber es gibt keine Ver¬ 
sprechen, keine eindeutigen Aussagen, 
zum Beispiel, daß du heute oder morgen 
zurückgehen mußt. Es gibt keine Sicher¬ 
heit, jederzeit kann es passieren, daß du 
gehen mußt, dann, wann sie wollen. 
Dann heißt es einfach: »Los jetzt!«, so 
wie Kiinsmann seine Tore schießt. Du 
kennst doch Kiinsmann, diesen berühm¬ 
ten Fußballspieler. Er spielt, aber es ist 
nicht vorhersehbar, wann er seine Tore 
schießt. Das passiert ganz plötzlich, so 
wie es uns Ausländem passiert. Die 
Deutschen sind gefährlich, so gefährlich 
wie Kiinsmann als Fußballspieler. 
Verstehst Du, was ich meine? Sobald 
Kiinsmann die geringste Chance be¬ 
kommt, schießt er. Genauso ist es mit 
der deutschen Polizei. Wenn die auch 
nur eine Chance sehen, dann bist du 
weg. So ist Deutschland. Es gibt einige 
Deutsche, denen das nicht gefällt. Aber 
sie können nichts dagegen tun. Sie haben 
keine Macht. 

Was ich bei all dem fühle, kann ich 
gar nicht so richtig beschreiben, ich 
glaube nicht so, daß Du es wirklich 
verstehen würdest. Weil das geht direkt 
an’s Herz. Wenn du auch nur für eine 
Stunde glücklich bist, dich dann aber 
wieder an all das erinnerst, dann gehst 
du total kaputt. Manchmal hat mich 
meine Freundin gefragt: »Hey, was ist 
los mit Dir?« Manchmal, wenn du an 
die ganzen Schwierigkeiten denkst, 
kannst du alles andere um dich herum 
vergessen. Du hast kein Visum. Beson¬ 
ders dann, wenn du auf dem Weg nach 
draußen bist, wenn du draußen jeman¬ 
den treffen willst, dann kreisen die ganze 
Zeit diese Gedanken in deinem Him. 
Bis du wieder zu Hause bist. Dann erst 
fühlst du dich besser. 

Immer, wenn du draußen bist, findest 
du keine Ruhe. Alle zwei oder drei 
Stunden muß ich meine Freundin anru- 
fen, ihr sagen, daß alles in Ordnung ist, 
daß ich noch am Leben bin. Verstehst 
Du? Das isteinganz schlimmes Gefühl. 


Nie kannst du dich gut fühlen, nie. Zum 
Beispiel Du, oder auch jede andere Per¬ 
son, wenn Du nicht gerade krank bist, 
wenn Du Spaß mit Deinem Ehemann 
oder Geliebten oder mit Deinem Kind 
hast, das fühlt sich gut an in Deinem 
ganzen Körper. Aber jemand, der ille- 
galisiert hier lebt, kann das gar nicht. 
Du kannst dich nie durchgängig von 
morgens bis abends gut fühlen. Von 24 
Stunden gibt es vielleichteinige wenige, 
die okay sind, der Rest ist schlimm. Du 
bist traurig, nervös, hast Kopfschmer¬ 
zen, bist verwirrt, vergißt dauernd ir¬ 
gendwas. Das passiert dauernd, wenn 
du nachdenken mußt. 

Wenn du rausgehst, willst du diese 
grünen Autos nicht sehen, willst du 
keine grüne Uniform sehen, willst du 
kein tatütata hören. Das macht total 
nervös. Und wenn du in der Straßenbahn 
sitzt und nur »Guten Tag« hörst, zuckst 
du schon zusammen. Vielleicht ist es ja 
der Kontrolleur, oder jemand anderes 
kann dir Probleme machen, jeder kann 
dir gefährlich werden. Du bist die ganze 
Zeit nervös, traurig, vergeßlich, ver¬ 
wirrt. Du kannst einen Bekannten treffen 
und kriegst es gar nicht mit. Du bist 
nicht normal. Wenn du illegalisiert hier 
leben mußt, bist du nicht normal. Du 
bist verrückt. 

Zum Beispiel: wenn ich auf dem Lui¬ 
senplatz bin, habe ich genaue Vor- 
Stellungen, was ich im Notfall mache. 
Du kennst doch diese Unterführung. 
Wenn was passiert, dann springe ich. 
Diese Unterführung neben der Post. 
Wenn die Polizei nach dem Ausweis 
fragt und du dich umdrehst und weg¬ 
rennst, dann verfolgen sie dich. Wenn 
ich da runterspringe, können sie mir 
nicht mehr folgen. Da fahren dauernd 
Autos. Vielleicht habe ich Glück und 
eins erwischt mich. Dann habe ich Ruhe. 

Wenn Du mal davon hören solltest, 
sei nicht traurig, das istTeil des Lebens. 
Siehst Du? Das ist meine Idee, und das 
ist eine gute Idee. Zwei Minuten, bumm, 
und alles ist vorbei. Gute Idee. Immer, 
wenn ich auf dem Luisenplatz bin, habe 

ich das im Kopf. Woanders kannst du 

gar nicht hin. Wenn die Polizei dich mit 
ihren Wagen verfolgt, dann kriegen sie 
dich. Ich bin kein Krimineller, ich habe 
niemanden umgebracht, ich bin kein 
Dealer. Aber ich will nicht zurück in 
mein Land, nicht jetzt. Zumindest nicht 
bis Dezember. Vielleicht verliert die 
jetzige Regierung bei den Wahlen. Dann 
kann ich gehen. Aber von heute bis 


Dezember geht es nicht. 

Wenn Du irgendwann in der Zeitung 
liest oder von anderen Ghanaern hörst, 
ichbin tot, dann weißt Du, wo es passiert 
ist. Das ist meine Idee. Und das ist Teil 
des Lebens. Wenn Du meine Situation 
kennst, dann weißt Du, das ist eine gute 
Idee. Autos sind schnell. 

Als wir uns das letzte Mal getroffen 
haben, habe ich Dir von einem erzählt, 
der aus dem Fenster gesprungen ist und 
beide Beine verloren hat. Das war in 
Heppenheim. Sie wollten ihn kriegen 
und nach Hause schicken. Deswegen 
ist er gesprungen. Aber so leiden will 
ich nicht. Die Unterführung ist ein guter 
Ort. Du brauchst deswegen nichtnervös 
zu werden. Ich bin es auch nicht. Das 
geht ganz schnell. Aber wenn es soweit 
ist, dann sollst Du meine Sachen 
zusammensammeln und alles meiner 
Tochter schicken. Siekenntihren Vater 
gar nicht. Das ist also kein so großes 
Problem. Wenn ich sterbe, wird sie 
nicht allzu traurig sein. Weil sie mich 
sowieso nicht kennt 

Das Interview ist dem gerade er¬ 
schienen Buch: “Ich hatte kein Klein¬ 
geld” von Dorothea Schütze (in ge¬ 
kürzter Form undmit Untertitel ver¬ 
sehen) entnommen. 

In diesem Buch erzählen Flüchtlinge 
und Einwanderinnen von ihren Erfah¬ 
rungen mit alltäglichen Rassismus - 
unkommentiert 

Ihre Erzählungen sind Originaltöne, 
persönliche Wahrnehmungen und Em¬ 
pfindungen - sie sind subjektiv. 

Dabei geht es sowohl um Erlebnisse 
mit offensichtlicher Diskriminierung 
von anders denkenden, anders leben¬ 
den, anders aussehenden Menschen, 
als auch um den subtilen Rassismus, 
der nicht Betroffenen weitgehend ver¬ 
borgen bleibt oder so weit zur gesell¬ 
schaftlichen Normalität gehört, daß er 
nicht wahrgenommen wird. 

“Ich hatte kein Kleingeld 

Erfahrungen mit alltäglichem 
Rassismus 

16 Gesprächemit Flüchtlingen und 
Einwanderinnen, geführt von Doro¬ 
thea Schütze. 

Justus von Liebig Verlag Dann Stadt 
ISBN 3-8739-0120-X, DM 14, 80 

zu bestellen über den Buchhandel 
oder: Version, Vor den Siebenbürgen 
32, 50676 Köln, Tel.: 0221/3100961 


[22] SF 3/96 






Termine 

Schwarze Tage 
- Bielefeld, 4.-5. Oktober 1996 

im Arbeiterjugendzentrum, 

Heeper Str. 132 

Die SCHWARZEN TAGE sind ein liber¬ 
täres Kunst-und Kulturfestival, das alle 
2 Jahre im Bielefelder Arbeiterjugend¬ 
zentrum veranstaltet wird, in diesem 
Jahr das 3.Mal nach 1992 und 1994. Das 
Programm umfaßt Lesungen, Vorträge, 
Konzerte, Ausstellungen, Film, Theater, 
Performance... 

Das vorläufige Programm sieht folgender¬ 
maßen aus: 

Freitag, 4. Oktober 

Beginn: ca. 16.00 Uhr mit Kindertheater; 

“Fabula rasa” (Jonglage) 

17.00 Uhr: Christoph Knüppel (Herford): 
Lesung aus frühen Briefen und Tage¬ 
büchern von Gustav Landauer 
19.00-19.30: Wolfgang Stcmeck (Hanau) 
Vortrag/Workshop (Dias, Tonbeispie¬ 
le): “Der Kampf um die Träume - Musik 
zwischen Rebellion und Vereinnah- 
mung: Punk, Hardcore, Techno 
21.00: F.B. Pichelstein (Münster): “Kanni¬ 
balen *96 - Songs und Stories” 
ab 22.30-23.00: Konzert mit “Guts Pie 
Earshot” (Köln) und 1 -2 weiteren Grup- 
pen 

im Laufe des Abends: Clown “Feurio 
(Jongleur/Feuerspucker) 

Samstag, 5. Oktober 

im Laufe des Nachmittags: Musikthealer 
‘Werkschutz* (Köln); “Die Animais 
(Straßentheater) - ‘Die Hochstapler- 
innen’ (Kabarett/Akrobatik) 

15.00: Wolfgang Eckhardt (Berlin): Den 
Pfiff des Feuers hiren”. Die ‘Ausge¬ 
wählten Schriften* Bakunins - Vor¬ 
stellung einer Neuerscheinung 
17.00: Thorsten Hinz (Algolsheim): Paul 
Feyerabend - Ein Anarchist?” 

19.00: Matthias Ring/Jens Hallmann (HH/ 
Berlin), “Kritik einer Trennung*’ (Titel 
wird noch geändert) - Diavortrag zum 
Thema Kunst und Politik im 20. Jahr¬ 
hundert 

20.00-21.00: Große SOCIAL-BEAT- 
Lesung mit A. Pfeiffer (Wiesbaden), 
Schreibtisch Größenwahn (Münster), 
Kul turvcrcinigung ‘Poworol’ (Leipzig), 
J.-A. Dahlmeyer (‘Der Stirer’, Berlin), 

S.U.B.H. (Braunschweig/Cottbus), 

“Blackbox” (Bielefeld), Büro für 
Lebensfreude - KGB hoch 3 (Günther 
Kahrs, Bremen), P. Schiemann (Düs¬ 
seldorf), Gringo Lahr (Leverkusen) u. a. 
ab22.30-23.00: Konzcrtmit“Die Fremden” 
(Berlin), “Caution Secams” (Münster) 


Sonntag, 6. Oktober: 

ab 11.30: Frühstück für alle Beteiligten im 
Cafe ‘Parlando’ (Wittekindstr. 42) 

Wie gesagt, das Programm ist vorläufig, 
unvollständig und hinsichtlichZeitplan, 
Anfangszeiten usw. ohne Gewähr. Wir 
nehmen einen Eintritt von 15 DM pro 
Tag (der alle Veranstaltungen ein¬ 
schließt). 

Wer an einer Teilnahme oder weiteren In¬ 
formationen interessiert ist, sollte sich 
wenden an: 

Vorbereitungsgruppe Schwarze Tage 
c/o Cafe Parlando 
Wittekindstr. 42 
33615 Bielefeld 

Wir verschicken dann das vollständige und 
offizielle Programm (inkl. Wegbe¬ 
schreibung). Hinweis: Schlafplätze kön¬ 
nen wir nur für diejenigen besorgen 
bzw. garantieren, die sich rechtzeitg an¬ 
melden. 



Foto: Sabine Adorf/Version 


Lange angekündigt - endlich da! 

Erhältlich im linken Buchhandel oder bei Verlagsadres¬ 
se. Erscheint 1/4-jährlich, mit neuer Konzeption und 
132 Seiten im B 5-Buchformat erstmals Mitte Mai 1996. 

Nr. 103 / I ‘96 *16,- DM *17 SFr *125 ÖS 

SPEZIAL 

Zeitschrift gegen Kultur und Politik 



I RETRO _| 

:j: "So weicht die erste Aufwallung inzwischen differen¬ 
zierteren Überlegungen". Wie die Bundesbürger 1986 auf 
den GAU von Tschernobyl reagierten. 

* Die Postmodernität der Postmoderne - Kritiker: 

Günther Jacob kritisiert "Die Offenbarung der Propheten” 
von Thomas Ebermann und Rainer Trampert 

FUTURE 

* Paul Mattick sagte 1973 den tendentiellen Fall der 
Profitrate voraus. 

r\‘ Wolfgang Neuss sagte 1965 die 'Wiedervereinigung* 
voraus. 

Karl Marx sagte 1851 (in ’Reflection') die Wandlung des 
Proleten zum 'König Kunde' voraus. 

N O W 

# Warum man sein Geld ausgeben soll. Baumanns 
Kontroverse mit Offe und Habermas. 

"Kann erstmal rund um die Uhr eingekauft werden^ so 
kann auch rund um die Uhr gearbeitet werden". Regina 
Behrendt über den tendentiellen Fall des Feierabends. 

Jji Cyberspace - Technologie und Weltmarkt. Von Johan¬ 
nes Ehrhardt und Günter Kania. Sowie: 'Datenguerilla'. 
Oliver Marquardt über linke Subversionsversprechen. 

# 100 Jahre Luftgeräusche. Gero Reimann zur Geschichte 
und Aktualität des Radios. 

* Die Kritik von Andrea Bührmann an der Sexualitäts¬ 
debatte der neuen Frauenbewegung seit 1968. 

# Julius Lester / Adolph Rced über die seltsame Begei¬ 
sterung der 'weißen Linken’ für Black Panther - Filme. 

Jk Außerdem: Lübeck, Jugoslawien, Krieg für Profit?, 
Standort Deutschland, Carl Peters & Karl May, Traumberuf 
Pop-Theoretiker, Migranten als Polizistlnncn, und, und, 
und... 


IDO i t i _ 

* "Was tun?" (Lenin) 

SPEZIAL- Zeitschrift gegen Kultur und Politik - sofort be¬ 
stellen (für 16,-DM) oder abonnieren (58.-DM / 4 
Ausgaben) per Brief oder Fax bei: Verlag Andere Seiten 
GmbH, Hintere Schöneworth 11, 30167 Hannover, 
Telefon 0511 / 70 25 26, Fax 0511 / 70 44 83. Abos können 
innerhalb einer Woche schriftlich widerrufen werden. 

SF 3/96 [23] 















' 


I 

r 

f 


' . ■ 


ffiä§3 WyßßftpF 


Boris Schariowski 


• • 




Bananenproduktion in 
Costa Rica 


Seit derRio-Konferenz im Jahre 1992 
ist Nachhaltigkeit ein Dauerthema. Die 
einen verstehen darunter eine Art öko¬ 
logischen Generationenvertrag , der - 
unter Einbeziehung des Südens - das 
Fortbestehen des Planeten garantieren 
soll; die anderen reduzieren das hehre 
Ansinnen schlicht auf eine Form um¬ 
weltgerechten Wirtschaftern, das das 
Fortbestehen des real existierenden Sy¬ 
stems perpetuieren möge. Doch wenn 
in der Sache bislang keine nachhaltige 
Veränderung des Verhältnisses zwi¬ 
schen Nord und Süd spürbar geworden 
ist, so hat zumindest der Begriff unter¬ 
dessen eine internationale Karriere 
hinter sich gebracht. Daß Nachhaltig¬ 
keit 1 alles andere als eine grüngefärbte 
Worthülse sein kann und jenseits des 
Begriffswirrwarrs eine konkrete Alter¬ 
native zur Ausbeutung von Mensch und 
Umwelt sowie brutaler Weltmarktinte¬ 
gration darstellen könnte, machen die 
Anstrengungen einiger indigener Klein¬ 
produzenten in Costa Rica deutlich. 
Ihre ‘nachhaltig erzeugte Banane hat 
offensichtlich nur wenig mit der 


Marktgerechten Bio-Banane gemein, 
die zunehmend unsere Supermärkte er- 
oben. Nach dem Artikel der FAU zu 
fairem’ Bio-Kaffee aus Mexico in der 
letzten Nummer wird im folgenden ein 
jfpdct der Problematik einer anderen 
Kolomalware ausgeleuchtet. 


Jose Gallardo ist Bananenproduzent 
und arbeitet in der costaricanischen 
cgion Talamancafür die Kleinbauern- 
Vereinigung UCANEHU. Er istlndigena 
und gehört dem Volk der Bribri an 
Cileke Comanne und Javier Bogantes 
hingegen vertreten dieFundaciön Güi- 

ÜCANPmf tiftUng unterstü tzt u.a. 

UCANEHU bei der Produktion und der 

A 7lZ rk Tf° r8aniSCherErzeu S^se. 

Ile drei befanden sich soeben auf Ein¬ 
ladung der Bananen-Kampagne und 
BanaFair in Deutschland. 


Faden: Ihr kommt aus Talamanca. 
einer Region Costa Ricas, die nur we¬ 


nige hier kennen dürften. Wie sieht es 
dort aus? 

Gallardo: Talamanca ist im Süden 
Costa Ricas. Die Region liegt an der 
Atlantikküste und gehört zum Departe¬ 
ment von Limön. Sie erstreckt sich vom 
Meer bis in eine Höhe von 3.800 m. Es 
gibt dort einige Nationalparks und ein 
Indigenareservat. In Talamanca leben 
in erster Linie drei Kulturen miteinan¬ 
der. Erstens: die indigene Kultur, die 
sich aus den Bribri- und Cabecar-Völ- 
kem zusammensetzt. Zweitens: die afro- 
karibische Kultur, die vor allem an der 
Küste zu finden ist. Und drittens eine 
Gruppe von campesinos. Diese Gruppe 
kam allerdings erst im Zuge der Bewir¬ 
tschaftung mit Bananen in die Region. 

Und wie leben die Menschen? 

Gallardo: Verglichen mit dem Le¬ 
bensniveau in der Hauptstadt ist unseres 
weitaus geringer. Wir leben entspre¬ 
chend unseren Gebräuchen und brau¬ 
chen wenig. Den größten Reichtum, 


[24] SF 3/96 









den wir besitzen, ist die Natur. Meistens 
werden diejenigen, die viel Geld besit¬ 
zen, als reich bezeichnet. Dabei ist ihr 
Reichtum zerstörerisch. Was uns be¬ 
trifft, sind wir unter finanziellen Ge¬ 
sichtspunkten arm, was aber den Rest 
betrifft, sind wir reich. 

Wem gehört der Boden , den Ihr 
bewirtschaftet? 

Gallardo: Unser Territorium ist im 
Namen der Indfgena-Gemeinde ins 
Grundbuch eingetragen. Der Boden ge¬ 
hört also der Gemeinschaft. Es gibt bei 
uns keine individuellen Landtitel. Er 
gehört der Entwicklungsvereinigung, 
in der sich alle versammeln und die ein 
Leitungsgremium wählt. Allerdings 
kann die Vereinigung den Bauern den 
Boden in Form einer Art Pacht über¬ 
eignen. Die Entwicklungsvereinigung 
vertritt uns zudem im Falle jeglicher 
Streitigkeiten. 

Ihr sprecht von der nachhaltigen Ba¬ 
nanenproduktion. In Europa kann man 
sich schwerlich darunter etwas vorstel- 
len . 

Bogantes: Nicht nur wir sprechen 
davon. Der Begriff der Nachhaltigkeit 
'wird auch seitens derBananenkonzeme 
benutzt. Sie verwenden ihn allerdings 
in einer sehr eigennützlichen Weise. 
Wenn wir hingegen von nachhaltiger 
Bananenproduktion reden,beziehen wir 
uns zunächst auf ein Grundprinzip: die 
Biodiversität. Daneben umfaßt unser 
Konzept die Einlösung sozialer, wirt¬ 
schaftlicher und kultureller Aspekte. 

Einmal konkret. Gibt es einen Unter- 
schied zwischen Eurer 'nachhaltigen 
und einer ‘normalen Bio-Banane? 

Gallardo: Wir praktizieren eine tra¬ 
ditionelle Bewirtschaftung. Seit Anbe¬ 
ginn haben die Indfgenas diese Form 
des Anbaus angewendet. Dabei versu- 
ehen wir, die Gegebenheiten der Natur 
Zu achten. Auf unseren Böden Produ¬ 
kten wir neben Bananen, auch Oran- 
Sen, Avocados und andere Erzeugnisse, 
die in der Region konsumiert werden. 
D abei achtet unsere Anbauform die Na- 
tUr und im besonderen das Wasser. Denn 
für uns bedeutet Wasser nicht nur Trink- 
w asser, sondern stell tauch einen unserer 
nichtigsten Transportwege dar. Die von 


uns nachhaltig erzeugten Bananen 
dienen im besonderen unserer Selbstver¬ 
sorgung. Die Bio-Bananen hingegen 
werden in erster Linie für den Export 
produziert. Dafür müssen z.B. die Kon¬ 
trolle gewährleistet sein sowie bestimm¬ 
te Produktionstechniken angewendet 
werden. 

Comanne: Überhaupt ist der tradi¬ 
tionelle Anbau in ein komplettes Agro- 
ökosystem integriert. Dieses ist in ho¬ 
hem Maße diversifiziert und deshalb 
sehr stabil. Wir legen äußersten Wert 
darauf, daß sich das alte System erhält 
und eine Monokultivierung bei den 
Kleinbauern vermieden wird. 

Wenn ich Euch also recht verstehe , 
ist eine nachhaltige Produktion mit ei¬ 
nem monokulturellen Anbau unverein¬ 
bar? 

Bogantes: Ich möchteeinmal ein Bei¬ 
spiel für den monokulturellen Anbau 
geben. Viele der hochgiftigen Pestizide 
werden von Flugzeugen aus der Luft 
gesprüht. Diese Methode hat schlimm¬ 
ste Folgen für die Menschen auf den 
Plantagen und in ihrer Nachbarschaft 
sowie für das Ökosystem. Sogar die 
Leute, die nicht gewählt haben, in der 
Bananenproduktion zu arbeiten, sind 
davon betroffen. 

Dabei stellen die Pestizide ein sehr 
großes Problem dar, denn es ist schwer 
dagegen vorzugehen. So haben wir z.B. 
die Erfahrung gemacht, daß das Pestizid 
Aldicarp vom Markt zurückgezogen 
wurde und dafür ein anderes, Terbufos, 
empfohlen wurde. Wieso aber wurde es 
verboten? Aldicarp wurde 1988 zurück¬ 
gezogen, weil in Bananen, die in die 
USA exportiert wurden, Rückstände 
nachgewiesen werden konnten. Sofort 
verboten Gesundheitsbeauftragte der 
US Aden Import der belasteten Früchte. 
Nicht etwa die Gesundheit der Arbeiter 
war der Grund für das Verbot, sondern 
die Risiken, die die Konsumenten ein- 
gehen. Im übrigen sind beide genannten 
Pestizide ähnlich gefährlich. 

Kurz: Diese Anbauform funktioniert 
nicht mit, sondern gegen die Natur. Wir 
müssen unsdarüberim Klaren sein,daß 
der konventionelle Bananenanbau in 
keiner Weise nachhaltig ist. Dort werden 
enorme Mengen von z.T. hochgiftigen 
Agrochemikalien benutzt, die Frucht¬ 
barkeit der Böden und die Biodiversität 



KEIN 

SCHEISS! 

ANDRE LÜTZEN: 

Die 5. Jahreszeit 

THE BULK OF GERMANS: 

Germany - Basic Handbook 

HANI BANA PARA: 

Cartel, das Geld und so weiter 

ASYLBEWERBERLEISTUN6S6ESETZ: 

Die phetten Jahre sind vorbei 

DEUTSCHER ORIENTAUSMUS: 

Projektionen, Irritationen, Kamele 

BÄRBEL HÖ6NER: 

Huelga de Dolores 

DIE AUTONOMEN: 

Teil V 

und viel, viel, viel, viel mehr 

Nr. 12 im linken Buchhandel 

oder direkt bestellen bei: S7°€, c/o Buchhand¬ 
lung im Schanzenviertel, Schulterblatt 55, 
20357 HH. Einzelpreis: 7,50 DM + Porto (1,50 
DM), Abos: 4 Nummern: 30,-DM. Förderabos: 
ab 100,- DM. V. Schmidt, Sonderkonto, Kto- 
Nr. 713990-200, Postgiro HH (BLZ 200 100 20) 










unumkehrbar zerstört. Dadurch wird 
die Gesundheit vieler Arbeiter ruiniert. 
Wenn wir also über eine Reform der 
konventionellen monokulturellen 
Anbauform sprechen, müssen wir uns 
klar sein, daß wir auf diese Weise ledig¬ 
lich eine Verringerung der Nebenwir¬ 
kungen erreichen können. 

KönnenMultis überhaupt nachhaltig 
wirtschaften? 

Bogantes: Das Thema der nachhalti¬ 
gen Bananen Wirtschaft impliziert einen 
Gesinnungswechsel. Wir können keine 
nachhaltig erzeugten Produkte mit den 
konventionellen Wertvorstellungen her¬ 
steilen. Das Konzept der Nachhaltigkeit 
verlangt von uns neue Kriterien im Um¬ 
gang zwischen den Menschen und in 
ihren Beziehungen zu Wirtschaft und 
Umwelt. Aberweiche Motive bewegen 
die Multis? In erster Linie sind das die 
Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, 
die Unternehmensexpansion sowie die 
Ausbeutung von Mensch und Natur. Es 
ist sehr naiv zu glauben, daß sie von 
einem Tag auf den anderen diese Werte 
ändern werden. Sie reden davon, doch 
scheint es mir mehr als schwierig, daß 
sie das wirklich umsetzen werden. 

Derzeit werden Eure Bananen zu Pü¬ 
ree für Kindernahrung verarbeitet. Wa¬ 
rum verkauft Ihr keine frischen Früchte 
nach Europa? 

Comanne: Für die Vermarktung von 
frischen Bananen muß man verschie¬ 
dene Erfahrungen besitzen, die wir noch 
nicht haben. Wir haben deshalb vor 
ungefähr eineinhalb Jahren mit dem 
Verkauf von Bananen für die Püreeher¬ 
stellung begonnen. Dem deutschen Un¬ 
ternehmen Milupa mußten wir damals 


garantieren, daß die Bananen organisch 
erzeugt wurden. Um den zweiten Schritt, 
die Vermarktung unserer Bananen in 
Costa Rica, durchzuführen, sind wir 
gerade dabei, einige logistische sowie 
infrastrukturbezogene Probleme in den 
Griff zu bekommen. Gerade die Pro¬ 
duktion und der Handel mit frischen 
Bananen erfordern eine ziemlich kom¬ 
plexe Logistik. In einem dritten Schritt 
wollen wir Frischware nach Europa ex¬ 
portieren. 

Durch diesen Schritt habt Ihr Erfah¬ 
rungen mit multinationalen Konzernen 
sammeln können. Welche Rolle spielt 
für Euch die Integration in die Struk¬ 
turen des Weltmarkts? 

Bogantes: Die Integration in den 
Weltmarkt hat für uns eine große Be¬ 
deutung. Es geht darum, daßauch Klein¬ 
produzenten Zugang zu diesem Markt 
finden und ihre Produkte zu fairen Prei¬ 
sen verkaufen können, um damit Über¬ 
schüsse zu erwirtschaften. Doch muß 
dies gleichzeitig mit einer Politik ver¬ 
bunden werden, die die Prinzipien der 
Selbstversorgung und der Nahrungs¬ 
mittelsicherheit respektiert. 

Und welche Erfahrungen habt Ihr 
mich!? Vermarktungs fi rmen bisher ge- 

Gallardo: Derzeit sind verschiedene 
Unternehmen in Talamanca aktiv. Dazu 
gehören auch das deutsche Unterneh¬ 
men Hipp und deren Tochterfirma Tro- 
banex. Doch Hipp interessiert sich nicht 
dafür, wie unsere Natur, die unseren 
größten Reichtum darstellt, nachhalüg 
geschützt werden kann. Auch wie die 
Lebensbedingungen der Bevölkerung 
verbessert werden können, interessiert 
die Firma nicht. Sie interessiert sich nur 


dafür, ihre Gewinne zu vergrößern. Über 
Einzelverträge werden die Produzenten 
verpflichtet, Erzeugnisse, die seitens 
der Firmen zertifiziert wurden, nur mir 
ihrer Zustimmung an Dritte zu verkau¬ 
fen. Dabei wird aber die Rolle der von 
uns gewählten Entwicklungsver¬ 
einigung, die üblicherweise unsere In¬ 
teressen vertritt, nicht respektiert. Das 
von Hipp eingeführte System wider¬ 
spricht unserer Kultur. Wir werden da¬ 
durch zu Sklaven dieser Firma gemacht. 

Bogantes: Wir können hier keines¬ 
wegs von einem nachhaltigen Wirt¬ 
schaftssystem sprechen. Hippbeutetdie 
traditionelle Bribri-Kultur aus, denkt 
aber nicht daran, die Kenntnisse der 
Bauern über Techniken der organischen 
Produktion zu verbessern. Im Falle von 
Hipp kann man nur feststellen, daß die 
Firma nach kolonialistischen Prinzipien 
handelt. 

Wie organisieren sich die Kleinpro¬ 
duzenten in der Region Talamanca an¬ 
gesichts dieser Situation? 

Bogantes: Im Bananensektor existie¬ 
ren verschiedene Organisationen, in 
denen Kleinproduzenten zusammenge¬ 
schlossen sind. Eine davon istUCANE- 
HU, eine andere heißt UC AB ANO, eine 
weitere APTA. Dies sind Organisatio¬ 
nen, dieauf Gemeindeebene zur Proble¬ 
matik der Banane arbeiten. UC ANEHU 
setzt sich z.B. aus zwei Gruppen zusam¬ 
men: einer indigenen und einer nicht- 
indigenen. Diese beiden Gruppen haben 
sich zusammengefunden, um ihre Ba¬ 
nanen - aber auch andere Feldfrüchte - 
zu vermarkten. 

Gallardo: Was uns Indigenas betrifft, 
wollen wir mithilfe dieser Organisatio¬ 
nen erreichen, daß die Produzenten 
frische Bananen direkt an die Vermark¬ 
tungsgesellschaften verkaufen können. 
Später wollen wir eine Verarbeitungs¬ 
firma aufbauen. Denn wir wollen nicht 
nur Rohstoffe, sondern auch verarbeitete 

Produkte verkaufen können. Dabei geht 
es nicht nur darum, daß die Produzenten 
ihre Arbeitbezahltbekommen, sondern 
daß grundsätzlich das Lebensniveau in 
den Gemeinde verbessert wird. Aus un¬ 
serer Sicht geht es nicht allein darum, 
möglichst viele Bananen zu ernten, son¬ 
dern vor allem gemeinsam voran zu 
gehen. 


[ 26 ] SF 3/96 













Bei den Bio- 
Bauern von 
Talamanca 


Es gibt sie tatsächlich: zertifizierte 
Bio-Bananen in Costa Rica. Sie wer¬ 
den von Kleinbauern in der Tala- 
manca-Region angebaut, im äußer¬ 
sten Südosten Costa Ricas, an der 
Grenze zu Panama. Allerdings verfü¬ 
gen die Bauern (noch) nicht über die 
nötige Logistik für einen Export der 
Früchte, die Ware wird im Inland zu 
Püree zermahlen. Rudi Pfeifer hat 
die Region im Dezember ’95 besucht. 

Vier- bis fünfhundert Familien zwi¬ 
schen Limön, Sixaola und Puerto Viejo 
bauen traditionell und extensiv die 
“bananos criollos” an, die auf dem 
lokalen Markt verkauft werden. Die 
meisten Produzenten allerdings leben 
Im Indfgena-Reservat Talamanca. Es 
ist eine abgeschiedene, schwer zugäng¬ 
liche Bergregion, nur teilweise durch 
Straßen erschlossen. Hinter Bribri muß 
erstmal ein Fluß durchquert werden, 
'veil die einzige Brücke seit langem 
kaputt ist. Nicht nur geografisch besteht 
keinerlei Ähnlichkeit mit den Groß- 
plantagen an der Atlantikküste, auch 
die Produktionsweise ist eine andere. 
Die Bauern haben eigenes Land, von 
e in, zwei Hektar bis zu zwanzig. Hier 
wachsen auf ganz natürliche Weise 
Bananen zwischen Kakao-, Zitronen¬ 
oder Ananaspflanzen. Gerardo Gallardo 
Fafs, der ungefähr 15 ha mit seiner 
Familie bewirtschaftet, erklärt: "Wir 
halten uns an unsere traditionellen 
Anbaumethoden. Wir wollen keine 
Monokulturen. Es wächst und gedeiht 
alles nebeneinander. Erstmal für uns 
se lbst t den Rest verkaufen wir.” Fixt die 
Bananen wird eine Pflanzungsdichte 
v °n höchstens 500 Stauden pro Hektar 
^gehalten. In der agro-industriellen 
Blantagenproduktion sind es oft mehrere 

Tausend. 

Die Bio-Produktion ist begehrt. Ein 
Funktionär von Dole war schon da, um 

fragen, ob die Bauern für ihn produ- 
? doren würden. Das wollten sie aber 
ni oht; wichtiger als Geld ist ihnen, ihre 
Tradition und Kultur zu erhalten. Auch 


auf der jüngsten Bio-Messe in San Jose 
gab es viele Kaufinteressentenaus USA, 
Schweiz und Italien für diese organi¬ 
schen “bananos criollos”, aber die pro¬ 
duzierten Mengen sind zu gering. Und 
auf dem lokalen Markt ist die Konkur¬ 
renz durch den rechazo (Ausschuß) der 
konventionellen Plantagen zu stark, als 
daß die organischen Bananen einen be¬ 
deutenden Markt erobern könnten. So 
bleiben als Abnehmer vorerst weiterhin 
nur die Babybrei-Hersteller. 

Im November 1994 begann Hipp, 
überseinecostaricanischeTochterfirma 
Trobanex, die organischen Bananen an¬ 
zukaufen und in Costa Rica zu Püree zu 
verarbeiten, das dann zur Produktion 
von Babynahrung nach Deutschland ex¬ 
portiert wurde. Schon bald aber gab es 
die ersten Konflikte. Die Bauern 
empörten sich über die Geschäftsprak¬ 
tiken von Hipp/Trobanex und begannen 
im April 1995 an die Firma Gerber in 
San Josö, als lokale Vertretung von 
Milupa, zu verkaufen. Auch der 
ehemalige Hipp/Trobanex-Repräsen- 
tant in Costa Rica trennte sich von diesen 
Unternehmen, wegen deren " neofaschi¬ 
stischen und kolonialen Praktiken ", soll 
er gesagt haben. 

Die Bauern sind gut organisiert. Die 
Produzentenvereinigungen UCABA- 
NO (aus dem küstennahen Gebiet) und 
JENEHU (im oberen Bereich des 
Indigena-Reservates Talamanca) haben 
ihre eigene Vermarktungsfirma: UCA- 
NEHU S.A. Weitere Produzenten sind 
in APPTA (Asociaciön de pequeüos 


Productores de Talamanca) und AB A- 
CO (Asociaciön de Bananeros Costari- 
censes) organisiert. In Fragen der orga¬ 
nischen Landwirtschaft, Ausbildungs¬ 
und Schulungskursen werden sie von 
der Umweltorganisation Fundaciön 
Güilombe beraten und begleitet. Die 
Zertifizierung als anerkannte Bio-Ware 
nimmt die französische Kontrollorgani¬ 
sation Eco-Cert vor. Bei Hone Creek, in 
der flachen Küstenregion, hat UCANE- 
HU eine Sammel-, Sortier- und Wasch¬ 
anlage errichtet. Etwa 90.000 kg mo¬ 
natlich gehen von hier per LKW in die 
Fabrik nach San Jose. Sofern die Nach¬ 
frage da ist. 

Um einen stabileren Absatz zu haben, 
wollen die Bauern einen eigenen Laden 
für ihre Bio-Produkte in San Jose eröff¬ 
nen. Darüberhinaus haben sie den 
Wunsch, ihre Bananen künftig als 
Frischware, als ganze Frucht zu 
exportieren. Aber es gibt noch keine 
Erfahrung damit, sondern nur viele un¬ 
gelöste Fragen bezüglich Qualität, 
Transportfähigkeit und Verhältnis von 
Transportkosten zu Menge. Martin Bio- 
lley, Vorstandsmitglied von UCANE- 
HU, den wir an seiner Arbeitsstelle im 
einzigen Telefon-Posten weit und breit 
antreffen, setztgroße Hoffnung in einen 
möglichen Export: " Aber •/' sagt er," die 
Frage wird sein , inwieweit die Konsu¬ 
menten eine Banane mit Fehlern akzep¬ 
tieren werden.” 


Rudi Pfeifer, BanaFair 


I 


i 

i 


! i 

! jl 

' i j: 




i 

i 


i 


j 












Diesen Text von Sub- Marcos drucken 
wir aus folgenden Gründen ungekürzt 
ab: 

Zum einen, weil Marcos eine sehr poe¬ 
tische und poltische Parabel vom Weg 
ohne Anfang und Ende erzählt; einem 
einzigartigen Weg, den die Zapatistas 
beschritten haben. Diesem Weg, der 
niemals sein Ziel erreicht, doch bei je¬ 
dem weiteren Schritt eine Veränderung 
in sich birgt. Ein mühsamer und end¬ 
loser Weg wie der alte Antonio meint. 
Zum anderen, da der Text ein Resümee 
des vor fast drei Jahren begonnenen 
Auf Stands zieht.Erbenennt nocheinmal 
seine Ursachen, die rassistische und 
soziale Ausgrenzung der Indlgenas. 
Aber er erneuert auch unmißverständ¬ 
lich die Forderungen nach Demokratie, 
Freiheit und Gerechtigkeit, während 
die mexikanische Regierung mit Mili¬ 
tarisierung , weiterer Ausgrenzung und 
Tod antwortet und offensichtlich nur 
auf dem Papier am Verhandlungstisch 
um ein bißchen Freiheit, ein wenig mehr 
Gerechtigkeit oder ein Quäntchen 
Demokratie feilscht. 

Wegen offener Ignoranz der zapatisti- 
schen Vorschläge zur Staatsreform, 
weiterer militärischer Aufrüstung in 
Chiapas und rassistischem Verhalten 
seitens der mexikanischen Regierung 
haben die Zapatistas Anfang September 
die Verhandlungen abgebrochen. 

Die Red. 


Der Text ist aus: Tand und Freiheit”, 
Sonderblätter der Zeitschrift "Die Ak- 
tion”, Edition Nautilus, Am Brink 10, 
21020 Hamburg 


seine Haut vor den Spritzern des schlam¬ 
migen Schmerzes der indigenen Wirk¬ 
lichkeit. Ein in ungleichmäßigen Zügen 
mit blauer Tinte geschriebener Brief 
vermittelt die müde Sorge, daß der ein 
wenig fremde und ein wenig eigene 
Tod die mißtönende Hand des Bruders 
führt, der schreibt, damit das Herz liest. 

„Kalendergeschichten“ von Bertolt 
Brecht. Eine Ausgabe, deren Titelein¬ 
band ein Kalenderblatt darstellt, auf 
dem steht „Mittwoch, 19.“ Im Inneren, 
in einer der „Geschichten vom Herrn 
Keuner“, heißt es „von der Mühsal der 
Besten“: 

„Woran arbeiten Sie?“, wurde Herr 
Keuner gefragt. HerrKeunerantwortete: 

„Ich habe viel Mühe, ich bereite mei¬ 
nen nächsten Irrtum vor.” 

Es zittert das doppelte Herz, das liest, 
es zittert das Herz, das schreibt, es zittert 
der Tod, der zweifelt, ob er es wegr ei ßen 
oder seine unerträglicheRunde fortfüh¬ 
ren soll. Tod und Leben blinzeln, sie 
zwinkern mit Augen und Räumen, der 
eine folgt dem anderen, die Münze hängt 
immer noch in der Schwebe, die cnd- 


Begrüssungs- 

worte 


des Ejercito Zapatista de 
Liberaciön Nacional zur 
Eröffnung des 
Sonderforums für die 
Staatsreform 


San Cristobal de Las 
Casas, Mexiko 
30. Juni 1996 

Aus meiner Stimme spricht die Stimme 
des Ejercito Zapatista de Liberaciön 
Nacional. 

JUNI sinkt mit seiner wässerigen 
Regenmaske auf die Berge herab. Ein 
Mond mit dunklem Regencape schützt 


[28] SF 3/96 










I 



Foto: David Rosales /version 

gültige Entscheidung zwischen Kopf 
u nd Adler, Kopf oder unmöglicher 
Kopf, Adler oder unerwarteter Adler. 
Einige Tropfen trüben die Blätter blau, 
Cs regnet drinnen wie gestern draußen. 
Gestern, 10 Jahre gestern, 120 Monate 
gestern, 3650 Tage gestern. Gestern... 

GESTERN drang der Regen überall 
°in. Die Hütte des Alten Antonio war 
' v *e ein nutzloser Schatten im Sturm, 
m it dem Juni den Mais wiederbelebte, 
der bereits in der harten Erde eines zu 
langen Monats Mai erlosch. Ich wußte 
n icht mehr, ob ich mich in oder vor der 
Hütte befand, ich wurde genauso naß 
vv icohneDach. Ich versuchte, die Waffe 
v °r dem Regen zu schützen, nicht aus 

An g$t, daß sie später nicht funktionieren 

vv ürde, sondern damit sich die mor- 
gendliche Reinigung nicht als nutzlos 
Herausstellen würde. Ein innerer Blitz, 
der Funkcnschlag des Alten Antonio, 
der seine Zigarette anzündete, erinnerte 
ITl >ch daran, daß ich trotz des undichten 
Caches und Hutes in derBudedes Alten 
Antonio war. Mehr als Reflex als aus 
H-nst zu rauchen, versuchte ich, diePfeife 
an? ustcckcn, denn ein fetter Regentro¬ 


pfen hatte den Tabak durchnäßt, der 
gerade im Pfeifenkopf zu dampfen 
begonnen hatte. Der Alte Antonio trö¬ 
stete mich auf die beste Weise, die ihm 
einfiel, und ihm fiel ein, mir zu erzäh¬ 
len... 


DIE GESCHICHTE VOM 
ANFANG UND VOM ENDE 

Es war schon eine ganze Weile vergan¬ 
gen, seitdem das Gestern alt geworden 
war und sich allein in einem Winkel der 
Welt befand. Es war bereits eine Weile 
vergangen, seitdem die größten Götter, 
die die Welt erschaffen hatten, die Er¬ 
sten, eingeschlafen waren. Sie waren 
all des Tanzens und des Wegbereitens 
und Fragestellens sehr müde geworden. 
Deshalb waren die ersten Götter einge¬ 
schlafen. Sie hatten bereits mit den wahr¬ 
haften Männern und Frauen gesprochen 
und sie waren bereits alle darin über¬ 
eingekommen weiterzugehen. Denn nur 
beim Gehen würde man die Welt er¬ 
leben, so sprachen die größten Götter, 
die die Welt erschufen, die Ersten. 

„Bis wann werden wir weitergehen?“ 
fragten sich die Männer und Frauen des 
Mais. 

„Wann fangen wirdenn an?“ erwider¬ 
ten die wahrhaften Männer und Frauen, 
denn so halten sie es von den ersten 
Göttern gelernt, daß man auf eine Frage 
stetsmiteineranderenFrage antwortete. 
Aber die ersten Götter wurden darüber 
wach. Denn die größten Götter, die Er¬ 
schaffer der Welt, können nicht weiter¬ 
schlafen, wenn sie eine Frage hören, 
und so wachten sie auf und fingen an, 
auf der Marimba zu spielen. Und sie 
machten ein Lied aus den Fragen, und 
sie tanzten und sangen: „Bis wann wer¬ 
den wir weitergehen?“ „Wann fangen 
wir denn an?“ Und so würden sie heute 
noch tanzen und singen, wenn nicht die 
wahrhaften Männer und Frauen zornig 
geworden wären und ihnen gesagt 
hätten, daß es nun genug sei mit dem 
ganzen Getanze und Gesinge und daß 
sie die Antworten auf ihre Fragen hören 
wollten. Und da wurden die ersten Göt¬ 
ter ernst und sagten: 

„Die Männer und Frauen, die aus 
Mais wir schufen, haben eine Frage. 
Sehr weise Männer und Frauen sind uns 
nicht dabei entsprungen. Sie suchen die 
Antwort weiter weg, ohne zu merken, 
daß sie sie bereits hinter sich und vor 


sich haben. Nicht sehr weise sind diese j j 

Männer und Frauen, wie junge zarte 1 j 

Maiskolben sind sie“, sagen die ersten j j 

Götter und fangen einfach wieder an zu i ! 

tanzen und zu singen, und die wahrhaf- j ! 

ten Männer und Frauen werden wieder i i • 

wütendundsagen,daßesnungenugsei i Jj 

mitdemSpottundwassiedamitgemeint j |j 

hätten, daß sie die Antwort vor und hin- j 

ter sich hätten, und die ersten Götter I | 

sagen ihnen, daß auf dem Rücken und 
im Blick die Antworten liegen, und die 
Männer und Frauen des Mais schauen j 

sich an und merken, daß sie nichts ver- j 

standen haben, aber sie schweigen, und I 

die größten Götter sagen zu ihnen: | 1 

„Auf dem Rücken entstanden die 
Männer und Frauen des Mais, denn an- 
einandergelehntwurdensiegeborenund j | 

da sie aus Mais sind, erwuchsen sie aus | 

dem Boden. Auf dem Rücken begannen I 

sie zu laufen. Ihr Rücken bleibt immer 
hinter ihrem Schritt oder ihrem Still- j 

stehen zurück. Ihr Rücken ist der An- j j 

fang, das Gestern ihres Schrittes.“ j 

Und die wahrhaften Männer und 
Frauen verstanden das nicht so recht, 
denn der Beginn hatte ja bereits begon¬ 
nen und das Gestern war schon vergan- ! 

gen, deshalb kümmerten sie sich nicht 
darum, und so erwiderten sie: 

„Bis wann werden wir weitergehen?“ 

„Das ist leichterzu verstehen“, sagten 
die Götter, die die Welt erschufen. „Bis ! 

dann, wenn euer Blick eure Schulter 
erblickt. Ihr braucht nur im Kreis zu \ \ 

gehen, bis ihr euren Schritt überrundet 
habt und euch selbst seht. Wenn ihr i 

genug gelaufen seid und euren Rücken ! | 

erkennen könnt, und sei es nur von 
weitem, dann seid ihr angekommen, 1 

Brüderchen und Schwesterchen“, er- | 

klärten die ersten Götter, als sie bereits j 

wieder am Einschlafen waren. j 

Und die wahrhaften Männer und I 

Frauen waren sehr zufrieden, denn nun j ; 

wußten sie, daß sie nur im Kreis gehen j | 

mußten, bis sie ihren Rücken zu sehen j j 

bekamen. Und so verbrachten sie eine I 

ganze Weile damit zu gehen, um ihren j 

Rücken zu erreichen. Irgendwann blie¬ 
ben sie stehen, um darüber nachzuden- i 

ken, warum sie den Weg noch gar nicht 
begonnen hatten und sagten zueinander: I 

„Das ist aber sehr anstrengend, den ! 

Anfang zu erreichen, um ans Ende zu j ; 

gelangen. Dieses Laufen nimmt kein j | 

Ende und es schmerzt, daran zu denken, i 

wann wir denn an den Anfang gelangen j 

werden, um unsere Schritte zu beenden.“ 
UndeinigeverlorendenMutundsetzten ; 


SF 3/96 [29] 






sich hin, wütend darüber, daß der Weg 
zum Anfang, um ans Ende zu gelangen, 
kein Ende nahm. 

Aber andere gingen unverzagt weiter 
und dachten nicht mehr daran, wann sie 
an den Anfang gelangen würden, um 
das Ende zu erreichen, sondern siedach¬ 
ten an den Weg, denn sie gingen, und da 
er im Kreis lief, wollten sie es bei jeder 
Runde besser machen und jede Runde, 
die sie machten, ging besser, und da 
freuten sie sich und es war eine große 
Freude für sie zu gehen, und so gingen 
sie eine ganze Weile, und ohne stehen¬ 
zubleiben, sagten sie sich: 

„Es ist ein lustiger Weg, der wir sind, 
wir gehen, um den Weg besser zu ma¬ 
chen. Wir sind der Weg, damit andere 
von einer Seite auf die andere gehen. 
Für alle gibt es einen Anfang und ein 
Ende auf ihrem Weg, für den Weg nicht, 
für uns nicht. Für alle alles, nichts für 
uns. Wirsindeben der Weg, wir müssen 
weiter.“ 

Und damit sie es auch nicht vergaßen, 
zeichneten sie einen Kreis auf die Erde 
und sogingen und gehen alle wahrhaften 
Männer und Frauen den Kreis entlang. 
Ihr Kampf, den Weg besser zu machen, 
sich besser zu machen, findet kein Ende. 
Deshalb glauben die Menschen, daß 
die Welt rund sei. Aber was soll diese 
Kugel, die die Welt ist, denn anderes 
sein als der Kampf und der Weg der 
wahrhaften Männer und Frauen, die 
immer gehen, die immer wollen, daß 
ihnen der Weg besser gelingt aus den 

NamenEjercitoZapatistadeLiberaciön 

Nacional durch die Welt. Am Ende der 
Stadt, auf der Landstraße nach Tuxtla 
Gutierrez, treffe ich mit dem Offizier 
zusammen, der mit der Verteidigung 
dieser Stellung beauftragt ist. Ich teile 
ihm den Befehl zum Rückzug mit und 
gebe ihm den Treffpunkt bekannt, an 
dem seine Einheit weitere Anweisungen 
erhalten soll. Der Aufständische Infan¬ 
terieleutnant Pegro, dunkles Blut, Indi- 
gener und Chol, nimmt den Befehl in 
Empfang und bietet mir etwas von dem 
Essen an, das einige Zivile ihm ge¬ 
schenkt haben, um Silvester zu feiern. 
Während wir essen, besprechen wir die 
Möglichkeit, den großen, noch nicht 
fertiggestellten Bau des zukünftigen 
Stadttheaters mit Dynamit in die Luft 
zu sprengen. Umgeben von indianischen 
Elendsvierteln, in denen Tod und Er¬ 
niedrigung herrscht, hat die Hochmut 
der Stadt beschlossen, ihre Zukunft an 


die Erste-Welt-Lüge anzuhängen, die 
in Los Pinos (Präsidentenpalast) ihren 
großen Alchimisten sitzen hat. Unfähig, 
das Elend zu verbergen, auf dem ihr 
Reichtum gewachsen ist, versuchte die 
Macht den Blick aller auf eine Zukunft 
auszurichten, die das dunkle Blut, das 
sie ernährt, durch Nichtbeachtung töten 
sollte. Die ärmste Region des ärmsten 
mexikanischen Bundesstaates, die Altos 
de Chiapas, erhielt als Antwort auf ihre 
Forderungen nach besseren Lebensbe¬ 
dingungen die architektonische Verach¬ 
tung eines Kulturprojekts, die sie von 
dem Zeitpunkt an davon ausschloß, ab 
dem das salinistische Morgen keinen 
Ort für die Indigenen vorsah. Wir dach¬ 
ten daran, diesen Raum des Ausschlus¬ 
ses, den die Macht fertigstellen wollte, 
in die Luft zu jagen. Während wir aller¬ 
dings den grotesken Schatten aus Stan¬ 
gen und Beton betrachteten, stecktesich 
der Aufständische Leutnant Pegro eine 
Zigarette an, um die eisige Kälte und 
die Beklemmung zu lindem, die unsere 

Uniformen und Waffen feucht werden 
ließ. 


”-o— TT « w muic jluu' iragte ici 
während ich meine'Pfeife anzündeti 
em bißchen, um Pegro Gesellschaft z 
leisten, und ein vieles, um mich voi 
Gewicht abzulenken, das auf unsert 
einpaar Stunden alten Herausforderun 
lag. 

Pegro schaute sich das Gebäude di 
hemmstehenden Maschinen und di 
Lagersc huppen der B austeile eine ganz 
Weile an. Seine Gedanken währte 
Schritten heraus, die sie machen. Ih 
ständiges Gehen hat keinen Anfang un< 
kein Ende auf ihrem Weg. Und di 
wahrhaften Männer und Frauen dürfei 
auch nicht müde werden. Sie wollei 
immer sich selbst erreichen, sich voi 
hinten überraschen, um den Anfang z, 
finden und so ans Ende ihres Weges zi 
gelangen. Aber sie werden ihn nich 
linden, sie wissen es und es ist ihne. 
bereits egal. Das Einzige, was sie inte 
ressiert, ist ein guter Weg, der imme 
versucht, besser zu werden...“ 

Der Alte Antonio schweigt, aber de 
Regen nicht. Ich wollte ihn fragen, warn 
dieser Regen denn aufhören würde, abe 
es scheint mir, daß es nicht die best. 
Atmosphäre für Fragen über Anfang, 
und Ende ist. Ich verabschiede micl 
vom Alten Antonio. 

Ich trete hinaus in den Regen und di. 
Nacht, obwohl selbst die neuen Bat 



Foto: David Rosales/Version 
terien meiner Taschenlampe den einen 
nicht von der anderen unterscheiden 
können. Der Lärm meiner Stiefel im 
Schlamm verhindert, daß ich die Ab' 
schiedsworte des Alten Antonio höre: 

„Werde nicht müde zu fragen, wann 
dein Weg zu Ende ist. Dort wo sich 
Morgen und Gestern vereinen, da wird 
er enden...“ 

Der Anfang des Weges bereitete mir 
große Mühe. Ich wußte, daß ich im 
Schlamm ausrutschen würde, aber, ob¬ 
wohl ich es wußte, mußte ich diesen 
Fall gehen. Dieser und andere sollten 
folgen. Denn Gehen ist auch Stolpern 
und Fallen. Das hat mich nicht der Alte 
Antonio gelehrt, das haben mich die 
Berge gelehrt, und ihr könnt mir glau¬ 
ben, daß die Prüfung nicht leicht gewe¬ 
sen ist. 

Was ich euch hier erzähle, war ge¬ 
stern. Es regnete wie an einem anderen 

Gestern, wie ein Gestern, das weit hinter 

dem Gestern des Alten Antonio lag- 
Gestern... 


GESTERN, 2. Januar 1994. 

Frühe Morgenstunden. Die aufstän- 


[30] SF 3/96 









dischen Truppen, die die Stadt San 
Cristöbal de Las Casas im südöstlichen 

mexikanischen BundesstaatChiapas im 

Sturm genommen haben, leiten ihren 
Rückzug ein, nachdem siedieehemalige 
chiapanckische Hauptstadt 24 Stunden 
^ng besetzt gehalten haben. Ihr Bild 
und ihr Wort zieht bereits mit dem 

solange wiedie Zigarette,dieerrauchte, 
das heißt eine Ewigkeit. Aber wie jede 
Zigarette hat auch die Ewigkeit ein 
Ende, und als beide dort angelangl 
waren, drehte sich Pegro um und sagte 
zu mir; 

.»Wir jagen es nicht in die Luft. Wir 
haben uns nicht erhoben, um zu zer¬ 
stören. Wir wollen etwas Gutes und wir 
sind im Recht. Es soll stehen bleiben. 
Vielleicht können eines Tages die Indi- 
genen dieses Gebäude als menschliche 
Viesen und nicht als ein zusätzlicher 

Rackstein betreten.“ 

Wir steckten die Dynamitpatronen, 
Zündschnüre und Zündladungcn weg. 
D abei sagte ich zu ihm: „Du hast recht. 
V'*r wäre es, wenn eines Tages sogar 
wir Zapatislen hineingehen könnten? 

».Lebendig? Das glaube ich nicht“, 
er klärt Pegro, während er vor mir her- 
iaufend sich zu seiner Stellung begibt. 


„Aber das ist nicht so wichtig, es geht 
darum, daß diejenigen es besuchen 
können, daß die so sind wie wir. Wir 
haben ein Recht auf dieselben Orte wie 
alle. Wir müssen nicht zerstören, um 
den Platz einzunehmen, auf den wir ein 
Recht haben.“ 

Ich bleibe stehen. Er dreht sich nicht 
einmal um, als er zu mir sagt: 

„Also gut, Sup, wir sehen uns später 
...“, um mitdem denZapatisten eigenen 
Optimismus hinzuzufügen: „... wenn 
wir uns sehen sollten.“ 

Der Nebel ist bereits ein feuchter 
Stein über der Stadt, er verbirgt alles, 
und nur einige wenige Konturen lassen 
sich in der weißen Löchrigkeit ausma¬ 
chen. 

Heute, am 30. Juni 1996,30 Monate 
nach den frühen Morgenstunden, in 
denen die EZLN ihren Vorschlag für 
eine neuen Welt definierte, 912 Tage 
nachdem das „Ya Basta!“ für Millionen 
von Menschen auf der ganzen Welt ein 
Spiegel war und ist, kehren wir Zapa- 
tisten in die Stadt zurück, die uns Tod 
und Vergessen versprochen hatte. 912 
Tage nachdem wir mit Schüssen einen 
Platz in der Welt verlangt haben, treten 
die Indigenen in das Stadttheater ein. 


Und dies weder als Backstein, Zement 
oder Blut. 912 Tage nachdem wir uns 
für das Leben und gegen den Tod ent¬ 
schieden haben, betreten wir Zapaüsten 
lebend das Stadttheater von San Cri¬ 
stöbal de Las Casas. Ein Ort, in dem 
immer noch der Hochmut herrscht. Ein 
Land, in dem die Hoffnung es verdient, 
sich endlich einnisten zu können. 

912 Tage sind wir hier. Und wie vor 
zweieinhalb Jahren sind wir gekommen, 
um zu sprechen, um unsere Forderungen 
zu wiederholen, um zu erklären, daß 
wir Demokratie, Freiheit und Gerech¬ 
tigkeit verdient haben. 

30 Monate danach, 912 Tage danach. 
Werwürdedie Behauptung wagen, daß 
in unserem Land bereits Demokratie, 
Freiheit und Gerechtigkeit herrscht? 
Wer könnte behaupten, daß es nun 
reichen würde, daß wir innehalten 
sollten, daß wir nun ausruhen könnten 
und unser Herz und Gesicht den Toten 
zuwenden, die uns geboren haben? 

GESTERN, in den frühen Morgen¬ 
stunden von 1994, lebte man in Mexiko 
die Lüge eines wirtschaftlichen Wohl¬ 
stands, der jetzt nur noch ein ferner 
Bezugspunkt ist, um die Tiefe des Falls 
zu messen. Eine vermeintliche politi¬ 
sche Stabilität, die von der militärischen 
und finanziellen Machtgetragen wurde, 
beschenkte uns mit den unrechtmäs- 
sigsten Wahlen in der modernen Ge¬ 
schichte dieses Landes. Ein Herr mit 
Vornamen Carlos und Familiennamen 
Salinas de Gortari beschenkte sich selbst 
mit dem Titel „Mann des Jahres“ und 
deklamierte sich als ewiger Gläubiger 
der Dankbarkeit aller Mexikaner. Der 
prophezeite .Zusammenstoß der Züge“ 
fand nicht statt, schlichtweg deshalb, 
weil es im politischen System Mexikos 
keinen anderen Bahnsteig gibt als die 
Macht. 

GESTERN, in den frühen Morgen¬ 
stunden von 1994, waren die mexika¬ 
nischen Indianer Freiwild auf den Jagd¬ 
ausflügen, die die Gouverneure und 
Kaziken, regierende Kaziken und kazi- 
kenhafte Gouverneure, regelmäßig zu 
ihrem Vergnügen veranstalteten. Inden 
chiapanekischen Ländern des mexika¬ 
nischen Südostens regierteeine Person, 
die nicht von den Bewohnern dieser 
Gegend gewählt worden war. 

GESTERN, in den Morgenstunden 
von 1994, war die sogenannte .Zivil¬ 
gesellschaft“ nur dann nicht der Ver¬ 
achtung der Politiker ausgesetzt, wenn 


SF 3/96 [31] 












Foto: David Rosales/Version 



Wer muß um Vergebung bitten und 
wer kann sie gewähren? 

Die, die sieh jahrelang an einen voll' 
gedeckten Tisch gesetzt und sich voll¬ 
gefressen haben, während sich zu uns 
der Tod gesetzt hat, der so alltäglich ist, 
so zu uns gehört, daß wir schließlich die 
Angst vor ihm verloren haben? 

Die, die unsere Taschen und unsere 
Seele mit Erklärungen und Versprech¬ 
ungen gefüllt haben? 

Die Toten, unsere tödlich Toten na¬ 
türlicher Tode, gestorben an Masern, 
Keuchhusten, Denguefieber, Cholera, 
Th>phus,E.B.-Virus,Tetanus,Lungen¬ 
entzündung, Sumpffieber und anderen 
Nettigkeiten in Magen, Darm und Lun¬ 
ge? 

Unsere Toten, unsere so mehrheit¬ 
lichen Toten, so demokratisch leidend 
gestorben, weil niemand etwas gemacht 
hat, denn alle Toten, unsere Toten star¬ 
ben einfach so, ohne daß sie jemand 
gezählt hätte, ohne daß jemand endlich 
dieses „ YA BASTA“ gerufen hätte, das 
diesen Toten ihren Sinn wiedergibt, 
ohne daß dabei irgendjemand von den 
ewigen Toten, unseren Toten, verlangt 
hätte, daß sie zurückkehren^ um noch 
einmal zu sterben, aber diesmal, um zu 
leben? 

Die, die uns das Recht und die Befä¬ 
higung absprachen, uns selbst zu re¬ 
gieren? 

Die, die den Respekt vor unseren Ge¬ 
bräuchen, unserer Farbe, unserer Spra¬ 
che verweigerten? 

Die, die uns wie Ausländer in unserem 
eigenen Land behandeln und von uns 
Papiere verlangen und die Befolgung 
eines Gesetzes, dessen Existenz und 
Gerechtigkeit uns unbekannt ist? 

Die, die uns folterten, gefangen nah¬ 
men, ermordeten und zum Verschwin¬ 
den brachten, weil wir das schwere Ver¬ 
gehen begangen haben, ein Stück Land 
zu wollen, kein großes Stück, nein, nur 
ein kleines Stück, eine Ecke, aus der 
etwas herauszuholen ist, um ein klein 
wenig in den Magen zu bekommen? 

Wer muß um Vergebung bitten und 
wer kann sie gewähren? 

Der Präsident der Republik? Die 
Staatssekretäre? Die Senatoren? Die 
Abgeordneten? Die Gouverneure? Die 
Gemeindevorsteher? Die Polizisten? 
Die Bundesarmee? Die Bankbesitzer, 
die Industriellen, die Handelsherren und 
Landbesitzer? Die politischen Parteien? 
Die Intellektuellen? Galio und Nexos? 


gerade Wahlen bevorstanden. Die wich¬ 
tigen Entscheidungen, die das Schicksal 
der Nation bestimmten, wurden von 
einer auserlesenen Gruppe von Politi¬ 
kern getroffen, die sich vielleicht eines 
Tages dazu herablassen würden, den 
Bürgern den Kurs zu erklären, den sie 
bereits beschlossen und ausgehandelt 
hatten. 

GESTERN, in den frühen Morgen¬ 
stunden von 1994 fragten wir: 

„Wofür müssen wir um Vergebung 
bitten? 

Wofür sollen sie uns vergeben? 

Daß wir nicht vor Hunger sterben? 

Daß wir nicht in unserem Elend 
schweigen? 

Daß wir die gigantische historische 
Bürde der Verachtung und des Verlas- 
sens nicht akzeptiert haben? 


Daß wir uns mit Waffen erhoben ha¬ 
ben , als uns alle anderen Wege versperrt 
worden waren? 

... Daß wir dem Rest des Landes und 
der ganzen Welt gezeigt haben, daß die 
menschliche Würde noch lebendig ist 
und bei den ärmsten Bewohnern behei¬ 
matet ist? 

Daß wir alle Mexikaner sind? 

Daß wir mehrheitlich Indigene sind? 

Daß wir das ganze mexikanische Volk 
aufrufen, auf alle möglichen Weisen 
für das zu kämpfen, was ihm zusteht? 

Daß wir für Freiheit, Demokratie und 
Gerechtigkeit kämpfen? 

Daß wir nicht dem Muster der frühe¬ 
ren Guerilla folgen? 

Daß wir nicht aufgeben? 

Daß wir uns nicht verkaufen? 

Daß wir uns nicht verraten? 


[32] SF 3/96 








Oie Kommunikationsmedien? Die Stu¬ 
denten? Die Lehrer? Die Siedler? Die 
Arbeiter? Die Bauern? Die Indigenen? 
Die Toten nutzloser Tode? 

Wer muß um Vergebung bitten und 
wer kann sie gewähren? 

GESTERN, in den frühen Morgen¬ 
stunden von 1994, kämpfte das Ejörcito 
Zapatista de Liberaciön Nacional und 
Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit. 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
lebt man in Mexiko die Lüge eines ver¬ 
meintlichen Wirtschaftsaufschwungs, 
die nur dazu dient, die Tiefe des Falls zu 
messen. Die vermeintliche politische 
S(abilitätistdergestalt,daßdermögliche 
Rücktritt des Amtsinhabers der Bundes¬ 
exekutive nur dazu dient, den Grad der 
Trägheit der politischen Klasse zu mes¬ 
sen. Der mögliche Rücktritt des Präsi¬ 
denten kümmert niemanden, aus dem 
einfachen Grund, weil niemand einen 
möglichen Wechsel mitbekommen wür¬ 
de. So stabil ist der Kurs Mexikos. Ein 
Herr mit Vornamen Carlos und Fami¬ 
liennamen Salinas de Gortari hat sich 
dazu herabgelassen, den Ruhm mit 
seiner Familie zu teilen, und hat im 
dritten Jahr hintereinander die Aus¬ 
zeichnung der Berühmteste Mann ge¬ 
wonnen. Unsere Dankbarkeit wird 
immer größer, denn seine Karikatur in 
Torrn einer Gesichtsmaske lindert die 
Arbeitslosigkeit in den Straßen von 
Mexiko und die Nachrichten über seine 
Ruchlosigkeiten ergänzen die fehlenden 
Nahrungsmittel an den mexikanischen 
Tischen. Auf dem halbverlassenen 
Rahnsteig der mexikanischen Politik 
wird heute darum gekämpft, auf den 
einzig verfügbaren Zug zu springen, 
Auf den, dessen Zielbahnhof der Ab¬ 
grund ist. 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
s ind die mexikanischen Indianer Frei¬ 
wild auf den Jagdausflügen, die die 
Gouverneure und Kaziken, regierende 
Raziken und kazikenhafte Gouvemeu- 
rc > regelmäßig zu ihrem Vergnügen 
Vc ranstalten. 

ln den chiapanekischen Landesteilen 
dos mexikanischen Südostens regiert 
eine Person, die nicht von den Bewoh- 
nern dieser Region gewählt worden ist. 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
Isl die sogenannte „Zivilgesellschaft“ 
nur dann nicht der Verachtung der Po- 
1 itiker ausgesetzt, wenn gerade Wahlen 
an stchen. Die großen Entscheidungen, 


diedas Schicksal derNation bestimmen, 
werden von einer auserlesenen Gruppe 
von Politikern getroffen, die sich viel¬ 
leicht eines Tages dazu herablassen 
werden, den Bürgern den Kurs zu 
erklären, den sie bereits beschlossen 
und ausgehandelt haben. 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
fragen wir immer noch: 

„Wer muß um Vergebung bitten und 
wer kann sie gewähren?“ 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
kämpft das Ejercito Zapatista de Libe¬ 
raciön Nacional um Demokratie, Frei¬ 
heit und Gerechtigkeit. 

GESTERN UND HEUTE besteht das 
politische System hartnäckig darauf, in 
sich geschlossen und ausschließend zu 
bleiben. Seine Führerbetreiben die „mu¬ 
tige“ Vogel-Strauß-Politik und bauen 
immermehr auf diemilitärischeMacht, 
um eine Gesellschaft zu kontrollieren, 
die anstelle von Panzern und Artil- 
Ieriehubschraubem Räume der politi¬ 
schen Beteiligung verdient hätte. Poli¬ 
zisten und Militärs ertappen sich dabei, 
wie sie, anstelle die Sicherheit oder die 
nationale Souveränität zu beschützen, 
versuchen, die Rebellion der riesigen 
Kette von Sklaven einzudämmen, die 
unsere Regierenden dem heimat- und 
gesetzlosen Geld angeboten hat. Im 
Haus der Spiegel, das die kriminelle 
Komplizität der Machtkreise schafft, 
legalisieren die Institutionen der Repu¬ 
blik die Macht des Drogenhandels und 
die Korruption in den Provinzialver- 
waltungen des Westens und Südostens. 
Einen der wenigen und besten Dienste, 
den die Kommunikationsmedien dem 
nationalen Bewußtsein geleistet haben, 
das audiovisuelle Zeugnis eines Mas¬ 
sakers, zerschellt gemeinsam mit der 
Empörung von Millionen an den Schutz- 
mauem, mit denen die Vetternwirtschaft 
die blutüberströmten Regionen des Sü¬ 
dens überzieht. Tausende von Ein¬ 
heimischen müssen ihre Wohnorte ver¬ 
lassen und an die Schlachtfront in der 
Amerikanische Union ziehen, in einen 
Krieg, in den sie wehrlos gelangen. Die 
nordamerikanische Grenzpolizei und 
die paramilitärischen Gruppen steuern 
das Schießpulver bei, die Mexikaner 
das Blut. Gleichzeitig schlägt die einst 
würdige und mutige mexikanische Aus- 
senpolitik ihre größten Schlachten in 
der Verfolgung von Ausländem im me¬ 
xikanischen Südosten und säubert den 
Auswärtigen Dienst von der Panik und 


Politik und Literatur 



»Vielgestaltige 
aller 
Länder 
vereinigt 
euch. 
Ihr habt 
nichts 
zu verlieren 
als eure 
Form.« 


Sean McGuffin 

DER FETTE BASTARD / ROMAN 

Ein furioser Roman, mir Kopfjägern, Wobblies, 
IRA-Rebellen und anderen Motiven aus dem 
irischen Geistesleben. 

Gebunden mit Schutzumschlag, 320 S., 39,80 DM 



Wiglaf Droste 
& Gerhard 
Henschel 
DER 

BARBIER VON 
BEBRA 

Roman über 
den Untergang der 
Bundesrepublik. 
Gebunden mit 
Schutz Umschlag, 

128 S., 24,80 DM 


Subcomandante Marcos 

BOTSCHAFTEN AUS DEM 
LAKANDONISCHEN URWALD 

Über den zapatistischen Aufstand in Mexiko. 
Politisch-literarische Texte über Freiheit, Würde 
und die Perspektiven sozialer Emanzipation. 
Broschiert, 256 Seiten, 29,80 DM 


Inge Viett 
EINSPRÜCHE! 
BRIEFE AUS 
DEM 

GEFÄNGNIS 

Reflexionen einer 
rebellischen Frau, 
über Illegalität, den 
Alltag, die DDR und 
den bewaffneten 
Kampf. 

Broschiert, 160 S., 
26,- DM 




SF 3/96 [33] 











Schizophrenie, die sie in Los Pinos her- 
vorrufen. Ein Wirtschaftsmodell, das 
der Kriminalität Science-fiction-Dim¬ 
ensionen verleiht und uns mitHilfe von 
Drohungen, Gefängnis und Tod aufge- 
zwungen worden ist, zwingt zu einer 
Machtzunahme der Unterdrückungs¬ 
apparate und macht den Rechtsstaat 
lächerlich, indem es ihn darauf reduziert, 
Mord und Verfolgung einen rechtlichen 
Rahmen zu geben. Das staatliche Vor¬ 
gehen in Wirtschaft und Politik bildet 
die Brutstätte für Kriminalität und Mi߬ 
regierung, aber auch für das Auftauchen 
von bewaffneten politischen Organisa¬ 
tionen. Unter vollkommener Mißach¬ 
tung, daß sein Wirtschaftsmodell und 
politisches System die große Fabrik der 
bewaffneten und klandestinen Dissi- 
denz ist, setzt der mexikanische Staat 
darauf, dieser Dissidenz Militär- und 
Polizeikräfte entgegenzustellen. Das 
Mittel ist nutzlos und verstärkt nur die 
soziale Unzufriedenheit. Politisch und 
wirtschaftlich gesprochen wäre es sehr 
viel gesünder, das wirtschaftliche und 
politische System, das auf der einen 
Seite Multimillionäre und auf der an¬ 
deren Guerilleros hervorbringt, radikal 
zu verändern. Ein offenes, ausgeglich¬ 
enes und rationales politisches System 
mit Chancengleichheit für die politi¬ 
schen Akteure und die, die keine sind, 
wäre billiger, als die modernen Infor¬ 
matikprogramme,diedie mexikanische 
Regierung von den chilenischen Militärs 
kauft und dabei vergißt, daß nach Jahr¬ 
zehnten von computerisierter Repres¬ 
sion mit einem wirtschaftlich ruinierten 
Land und einer tiefen Wunde durch den 
Staatsstreich die heutigen kriegerischen 
Softwareexporteure sich der Tatsache 
beugen mußten, daß ein Land nur dann 
voranschreitet und regierbar ist, wenn 
es über ein offenes und einschließendcs 
politisches System verfügt. 

Wie viele Guerillagruppen müssen 
an welchen Orten in Erscheinung treten, 
bis die Gesellschaft und der Staat aner¬ 
kennen, daß es Bundesstaaten gibt, die 
verwaltet werden wie Haciendas zu 
Zeiten von Porfirio Dfaz. Wieviel poli¬ 
tische und wirtschaftliche Instabilität 
ist notwendig, um daran zu erinnern, 
daß der durch Porfirio Dfaz repräsen¬ 
tierte politische Stumpfsinn zum blu¬ 
tigsten Krieg geführt hat, den die Me¬ 
xikaner jemals erlebt haben? Wie viele 
Tote, wieviel Zerstörung, wie viele Ge¬ 
fängnisse, wieviel Ohnmacht, wie viele 
Präsidentenmorde, wie viele nach Irland 


und Manhattan geflüchtete Kriminelle, 
wieviel wirtschaftliche Unsicherheit, 
wie viele Drogenhändler-Gourvemeure, 
wieviel zerstörtes Land? Was ist alles 
notwendig, damit eingestanden wird, 
daß es im politischen System von Me¬ 
xiko etwas gibt, was nicht funktioniert, 
was am Verfaulen ist, was endgültig 
stirbt? 

Von welchem Land sprechen wir? 
Wo wurde dieses Mexiko ausgebrütet, 
daß uns beschämt und unterdrückt? Was 
ist das für eine Republik, die ihren 
Bewohnern nicht einmal Resignation 
anbietet? Nichts als Verzweiflung und 
die Ohnmacht des „Verdammtwer¬ 
dens“, wenn man auf das Scheitern der 
Wirtschaft hinweist, nichts als die Ver¬ 
unglimpfung als „Propheten der Katas¬ 
trophe“ verdienen wir, die wir leben 
wollen? 

Woher kommt die Gewalt? Wer för¬ 
dert und ermutigt sie? Wo lebt der Kult 
des Todes und der Zerstörung? Das 
politische System Mexikos, der Hohe¬ 
priester und das Pfarrkind der Religion 
des Todes, hat sich endlich etwas de¬ 
mokratisiert. Es bringt nun genauso 
Indigene wie Präsidentschaftskandi¬ 
daten und Parteiführer um. Die Haupt¬ 
exporterzeugnisse sind nichtErdöl, Holz 
oder Kaffee, heute exportieren wir 
Korruption, Drogen und in Blut ge¬ 


waschenes Geld. Der Todesfanatiker 
erneuert ständig seine Fähigkeiten: zu 
töten, um weiterzutöten. Wer eine Per¬ 
son umbringt, ist ein Mörder, wer viele 
umbringt ist ein Massenmörder, wie 
nennt man den, der eine Nation um¬ 
bringt? 

Das politische System Mexikos nennt 
ihn „Rechtsstaat“. 

Und sobald etwas Neues auftaucht, 
so etwas wie die Hoffnung, die aus der 
Suche nach etwas Neuem und Gutem 
erwächst, nicht als Soldaten, nicht als 
Terroristen, sondern als Bürger, revi¬ 
diert die Macht ihre Dekrete, sammelt 
Gewalt und wendet sich gegen alle. S ie 
verfolgt die Rebellen, sie verfolgt die, 
die wie Rebellen aussehen, die, die wie 
Rebellen aussehen könnten, die, die 
eines Tages daran denken könnten, 
Rebellen zu werden, kurz und gut: alle. 
Die Macht, die große Provokateurin 
des Todes, verhält sich geschichtsbe¬ 
wußt und holt ihre Richter, ihre Gesetze, 
ihre Polizisten, ihre Armeen, ihren Tod 
hervor. Welche Hoffnung bietet die 
Macht für die einfachen und gewöhn¬ 
lichen Bürger? Die, sich in einfache 
und gewöhnliche Delinquenten zu ver¬ 
wandeln? 

Die Hoffnung auf Veränderung müs¬ 
sen wir uns selbst geben, der Macht 
zum Trotz und nicht selten auch uns 



[34] SF 3/96 


















zum Trotz. Wir haben das Recht darauf, 
uns die Möglichkeit zum Sprechen und 
Zuhören, zum Dialog zu geben. Der 
Weg, den die von oben uns anbieten, 
uns aufzwingen, ist nicht der einzige. 
Auf jeden Fall haben wir alle das Recht 
darauf herauszufinden, ob ein anderes 
Mexiko möglich ist, eins, das etwas 
weniger zynisch ist, etwas weniger 
kriminell, etwas weniger grausam, ein 
Land, das ein wenig besser ist. 

V ielesprechen, aber nur einer befiehlt. 
Es gibt viele Tische, aber nur für einige 
wenige: die eine politische Partei haben 
und die zu töten noch... problematisch 
wäre. Und die anderen? Wieviel Me¬ 
xikaner sind Mitglied der 4 eingetrage¬ 
nen politischen Parteien und der EZLN? 
5 Organisationen dürfen ihre Meinung 
über die Staatsreform äußern in einem 
Land mit 90 Millionen Mexikanern. 
Natürlich steht noch aus, daß dieses 

Rechtauf Meinungsäußerungauch eine 
reale Veränderung bewirkt. Aber selbst 
wenn es so wäre, was wäre mit den 
anderen Mexikanern? Und mit den 
anderen Organisationen? Warum nicht 
einen Tisch für viele? Wenn die Macht 
nicht bereit ist, sich an diesen Tisch zu 
setzen: Warum wird er dann nicht von 
den vielen errichtet? Vielleicht gibt es 
viele Differenzen zwischen den vielen, 
aber: Warum können wir nicht danach 
suchen, was uns gleich macht, ohne 
dabei das aufzugeben, was uns unter¬ 
scheidet? Das ist schwierig? Schwie¬ 
riger, als den Tod der vielen zu leben, 
die wir sind? Es scheint nicht schwierig 
sein zu sprechen. Sollte es unmöglich 
sein zuzuhören? 

Wir haben in diesen dreißig Monaten 
versucht zuhören zu lernen. Deshalb 
haben wir klar und deutlich gesagt, daß 
wir bereit sind, den Kampf auf politi¬ 
schem Weg fortzusetzen. Wie vor zwei¬ 
einhalb Jahren ist dieser Weg der Mehr¬ 
heit der Mexikaner verschlossen. Wir 
rufen nicht dazu auf, auf den gewalt¬ 
samen Weg zu setzen. Wir rufen dazu 
auf, einen anderen politischen Weg zu 

öffnen. Wenn die Macht den politischen 

Weg verschließt, laßt uns einen anderen 
unter uns öffnen. Laßt uns versuchen, 
einen ganz neuen politischen Weg zu 
Öffnen, einen Weg, der auf die Macht 
als Bezugspunkt, Richter oder Sach¬ 
verständigen verzichtet. Einen politi¬ 
schen Weg, der den Blick auf das Herz 
richtet und sein Trachten auf die Gesell¬ 
schaft. Es ist möglich, daß das Mexiko, 
das die Macht zu monopolisieren ver¬ 


sucht, nichtdas einzig mögliche Mexiko. 
ist. Einen politischen Weg mit vielen 
Kräften und nicht nur den politischen. 
Soziale Kräfte und politische Kräfte, 
die sich dem zuwenden, was sie bildet 
und aufrechterhält. 

HEUTE haben wirZapatisten bereits 
die ersten Schritte getan, um uns in eine 
politische Kraft zu verwandeln. Wir 
haben in unserer IV. Erklärung des 
Lakandonischen Urwalds bereits das 
Profil des Kampfes definiert, den wir 
führen wollen. Wir haben viele Mexi¬ 
kaner und Mexikanerinnen eingeladen, 
gemeinsam mit uns am Aufbau dieser 
neuen politischen Kraft teilzunehmen. 

Überraschenderweise hat diese Ini¬ 
tiative der EZLN die Kräfte des gesam¬ 
ten kümmerlichen politischen Spek¬ 
trums von Mexiko in Angst und Schrek- 
ken versetzt. Indem wir uns geweigert 
haben, wei terh in die Rolle eines Mythos 
zu spielen, eines bequemen Symbols 
oder eines weit entfernten Objekts der 
Solidarität oder des Mitleids, haben wir 
diejenigen beleidigt, die vorziehen, daß 
wir in den Bergen des mexikanischen 
Südostens umzingelt sind, als einen 
Trumpf im Ärmel der Macht für sein 
ewiges Pokerspiel vordem Spiegel oder 
als ein Objekt für Zwischenhändler, 
das für Ruhm und Macht in der jewei¬ 
ligen Parzelle dient. Wir haben beschlos¬ 
sen herauszukommen, die Wege Mexi¬ 
kos zu betreten und herauszufinden, ob 
wir andere wie wir treffen. 

Die Lösung des „Konflikts“, wie die 
Regierung den Krieg gegen die mexi¬ 
kanischen Indigenen bezeichnet, ver¬ 
langt Wille, Intelligenz und Phantasie. 
Wille, Intelligenz und Phantasie, um zu 
einer gerechten und würdigen politi¬ 
schen Lösung zu gelangen, hat die 
EZLN in diesen 912 Tagen gezeigt. 
Läßt sich gleiches von der Regierung 
behaupten? 

Wir haben uns für Demokratie, Frei¬ 
heit und Gerechtigkeit erhoben. Wir 
sind bereit, sie über politische Wege zu 
erreichen. Wir sind zu allem bereit, um 
sie zu erreichen. Wir sind bereit, die 
letzten Konsequenzen dafür auf uns zu 
nehmen. Wie weit ist die Regierung 
bereit zu gehen? Bis wann? Wann läuft 
die Frist ab, um einen gerechten und 
würdigen Frieden zu erreichen? Wel¬ 
cher Terminplan muß eingehalten wer¬ 
den, um zu erreichen, daß das Recht 
akzeptiert wird zu kämpfen, um besser 
zu werden? Sind der Hochmut ihrer 


Verhandlungsbeauftragten und ihre 
Aufstiegspläne die Parameter, um über 
Krieg und Frieden zu entscheiden? Wir 
sind bereit, alles für ein besseres Land 
zu geben. Wieviel ist die Regierung 
bereit zu geben, um das gleiche Ziel zu 
erreichen? 

HEUTE, 1996 und zwei Jahre später, 
befinden wir uns hier auf einem Forum 
über die Staatsreform, aber wer kann 
übersehen, daß eine Reform des mexi¬ 
kanischen Staates nur über die grund¬ 
legenden Forderungen nach Demokra¬ 
tie, Freiheit und Gerechtigkeit gestellt 
werden kann? Dies ist also ein Forum 
über die Demokratie, die Freiheit und 
die Gerechtigkeit. 

Der Weg hierher ist nicht leicht ge¬ 
wesen. Wir kommen nicht wie normale 
B ürger zu diesem Forum .Auf dem W eg 
hierher haben wir uns von den Unsrigen 
verabschiedet, als ob der Tod etwas 
mehr wäre als ein Faktor der Wahr¬ 
scheinlichkeitsrechnung. Wir haben die 
Rangnachfolge festgelegt, die Anwei¬ 
sungen für möglicherweise eintretende 
Ereignisse gegeben. Es ist das küm¬ 
merliche Testament von Männern und 
Frauen, deren einziger Reichtum die 
Hoffnung ist, die ihre verborgenen Ge¬ 
sichter ausdrücken, einige verstreute 
Erinnerungen und immer anhängige 
Aufgaben. Diejenigen von uns, die eine 
Familie haben, haben sich von ihr wie 
jemand verabschiedet, der weiß, daß 
nicht zurückzukehren mehr als eine 
dunkle Furcht ist. Der Schatten des 
Verrats, die Gewißheit einer erneuten 
Bedrohungen auf allen Ebenen, Tod 
und Gefängnis als Bezahlung, das ist 
das mögliche Schicksal der Delegierten. 

Vielleicht hatte deshalb jemand die 
Idee, das Ganze als „Sonderforum“ zu 
bezeichnen. Das Forum, das die Verur¬ 
teilten einberufem haben,dieVerfolgten, 
die, an die sich erinnert wird, wenn 
Adressaten für Schläge gesucht werden, 
die Vergessenen, wenn es sich um 
Anerkennung handelt. 

Dies ist das „Sonderforum über die 
S taatsreform“, zu dem eine Gruppe von 
Mexikanern aufgerufen hat, die ständig 
ihre Identität wechselt. Einmal sind sie 
eine „Gruppe von Einsprachigen“, dann 
wieder „Gesetzesübertreter“, an einem 
anderen Tag steigen sie zur Kategorie 
der „Nichtkonformen“ auf, später sind 
sie „Terroristen“ und „Delinquenten“, 
danach „Bürger, die am nationalen 
Dialog über die S taatsreform teilnehmen 


SF 3/96 [35] 








können“. Heute sind wir also etwas 
„Besonderes”. Und so gehen diese 
Wechsel weiter gemäß des sch wanken¬ 
den politischen Kurses einer Macht, die 
noch nicht einmal dazu bereit ist, die 
Führung eines Landes zu teilen, das auf 
die Zerstörung zusteuert. 

Mit Blut haben wir uns das Recht 
erobert, berücksichtigt zu werden. 
Schmerz und Tod ist der Preis für ein 
Recht gewesen, das jedem gewöhn¬ 
lichen Bürger zustehen sollte. 

Dieses will ein Forum sein, ein Ort 
der Begegnung von Ideen und Vor¬ 
schlägen über Demokratie, Freiheit und 
Gerechtigkeit in Mexiko. Ein Ort der 
Begegnung von Ideen und Vorschlägen, 
und nicht ein Forum, wo nur verschie¬ 
dene Theorien dargelegt oder ausge¬ 
tauscht werden darüber, was die Reform 
des Staates, der Übergang zur Demo¬ 
kratie, die Freiheit und die Gerechtigkeit 
als geforderte und nicht eingelöste Rech¬ 
te ist oder sein soll. 

Wir wollen nicht, daß dies bloß ein 
Forum mehr ist, ein Ort, der kein anderes 
Ergebnis hat als das eines Treffens mit 
guten theoretischen Vorschlägen, aber 
ohne jede politische Wirkung. Ein der¬ 
artiges Forum wäre nur ein Forum ohne 
einen anderen Gesprächspartner als sich 
selbst, wäre eine politische Theorie, die 
sich an sich selbst wendet, ein Spiegel S 
eben. Der Demokrat, der Demokraten *£j 
überzeugt, der progressive, der sich pro- Jj 
gressi v nennt. Die Idee in der bequemen c 

Asepsis des Katheders. Die Theorie, g 
die sich dem Meistbietenden offeriert, & 
sich aber wegen nichtvorhandener Kun- § 

den an den Nächstbesten verschleudert. ^ 
Wir sagen nicht, daß das verwerflich S 
oder unergiebig wäre, aber das ist nicht ^ 
ausreichend, ist zu wenig für das, was 
wir Zapatistas uns für unsere Zukunft 
vorstellen, ist zu wenig für das Land, 
das wir als Teil unserer Zukunft wün¬ 
schen. 

Wir wollen nicht ein Forum, das als 
einzigen Adressaten die Regierung hät¬ 
te, das heißt ein Forum, dessen einzige 
Perspektive die des Regierungstisches 
oder des Kongresses wäre. Aber so ist 
es, nicht nur weil es in dem Regierungs¬ 
chaos sehr schwierig ist, einen Ge¬ 
sprächspartner zu erkennen oderjeman- 
den, mit dem man versuchen könnte, zu 
soliden Übereinkünften zu kommen, so 
ist es, weil die gegenwärtige politische 
Krise nicht nur auf der Regierungsebene 
oderim Bereich derpolitischen Parteien 


gelöst werden kann. Wir wollen damit 
sagen, daß die Krise auch dort gelöst 
wird, aber zur Lösung braucht man noch 
mehr Akteure, neue Subjekte, wie man 
jetzt sagt, und damit beziehen wir uns 
auf die sozialen Organisationen, auf die 
nicht parteigebundenen und nicht re¬ 
gistrierten politischen Organisationen, 
auf Menschen ohneParteizugehörigkeit, 
auf die Zivilgesellschaft eben. Es wäre 
ein Irrtum zu glauben, daß das Forum 
als äußerste Perspektive die Gesprächs¬ 
runde von San Andres hat, aber es ist 

auch nichteinzigundallen die National¬ 
versammlung von Mexiko. Das ist in¬ 
nerhalb der Erwartungen, muß darüber 
hinausgehen. 

Wir wollen auch nicht einen Ort, der 
nur dazu dient, daß Persönlichkeiten 
und Führer von politischen Organisa¬ 
tionen jeglicher Couleur Erklärungen 
oder gute Absichten verbreiten. Wir 
wollen nicht, daß das Forum einzig eine 
Art von multimedialer Verbreitung 
wird, wo Partei- und andere Führer für 
die eine oder andere Sache demon¬ 
strieren. • 

Es ist gut, daß das Forum dazu dient, 
daß man mit dem Aufbau einer breiten 



oppositionellen Front vorankommt, 
aber daß es nicht auf dem Niveau von 

Erklärungen, Fotos oder Gerüchten und 

Palastintrigen stehenbleibt, was übli¬ 
cherweise auf diesen Treffen heraus¬ 
kommt. 

Wir hoffen, daß das Forum ein bi߬ 
chen von all dem bisher Gesagten ist 
und noch etwas mehr, und dieses „etwas 
mehr“ ist das Wichtigste. Das heißt, wir 
wollen ein Forum, auf dem gute theo¬ 
retische Vorschläge zum Übergang zur 
Demokratie dargelegt werden, ein 
Forum, das konkrete Ergebnisse für San 
Andres und die Nationalversammlung 
haben könnte, ein Forum, damit sich all 
diejenigen Kräfte treffen, die dabei sind, 
eine breite oppositionelle Front aufzu¬ 


bauen , ein Forum, das all dies und etwas 
mehr sein soll. Und dieses „etwas mehr“ 
ist ein Forum, dessen Hauptgesprächs¬ 
partner die Gesellschaft ist. Wir sagen 
„Gesprächspartner“ und nicht „Adres¬ 
sat“, ein Gesprächspartner ist jemand, 
von dem man eine Antwort erwartet, 
und nicht jemand, der eine Botschaft 
erhält. 

Entgegen dem, was man glauben 
könnte, ist unsere Antwort nicht bis 
zum Tod oder Sieg. Sie hat eine Frist 
und ein ganz genau definiertes Ziel: 
Wir werden weiterkämpfen für Demo¬ 
kratie, Freiheit und Gerechtigkeit, wir 
werden weiter Zapatistas sein bis zu 
jenem Moment, den man schon dort in 
der Feme sehen kann, der Punkt, wo 
sich die Schienen des Lebens, des 
Kampfes und des Traums vereinen, der 
in den Bergen des mexikanischen Süd¬ 
ostens eine fruchtbare Gestalt gefunden 
hat, die heuteTausende in ganz Mexiko, 
in Amerika und der Welt teilen. Demo¬ 
kratie, Freiheit, Gerechtigkeit. Wir sind 
bereit, bis zum Endezu gelangen. Will¬ 
kommen all jene, die denselben Wunsch 
und den gleichen Starrsinn haben. 

Wir werden weiterkämpfen, weil wie 
wie Herr K, wie der Alte Antonio, wie 
der Bruder glauben, daß man - auch 
wenn man Fehler begeht - hart arbeiten 
und immer in Richtung auf das Morgen 
sehen muß. Nicht mal um uns zu irren, 
dürfen wir stehenbleiben. Es reicht 
völlig zu begreifen, daß im Kampf 
Anfang und ende eine Falle sind, wenn 
man sie getrennt sucht. 

Das ist unsere Idee. Einige nennen sie 
Dummheit. Wir nennen sie Hoffnung 


Vale. Salud, Brüder und Schwestern. 
Willkommen zu dem, was keinen An¬ 
fang hat und was niemals aufhört. Alle 
willkommen zum ewigen Kampf, um 
Bessere zu sein... 

Demokratie! Freiheit! Gerechtigkeit! 

Aus den Bergen des mexikanischen 
Südostens. 

Für das Geheime Revolutionäre Indi- 

gene Komitee-Generalkommandantur 

der Zapatistischen Armee der Natio¬ 
nalen Befreiung. 

Subcomandante Insurgente Marcos. 
Mexiko, im Juni 1996. 


[36] SF 3/96 









Bericht vom 20. 
Bundeskongreß 
entwicklungs- 
politiseher 
Aktionsgruppen 
(BUKO), 
Heidelberg, 
16.-19.Mai 1996 


mim 

r 


Wm 

fffl 


: 

IMilw 


lilllillil 




Das verlängerte Wochenende um 
Himmelfahrt ist für viele Drittweltak- 
tvistlnnen traditionsgemäß mit demNa- 
menBUKO verbunden. BUKO, in voller 
Schreibweise Bundeskongreß ent- 
wicklungspolitischer Aktionsgruppen, 
ist ein Zusammenschluß von rund 200 

Dritte-Welt-Gr uppen, Dritte-Welt-Sol- 

idaritätskomitees sowie entwicklungs¬ 
politischen Basisinitiativen. Der BUKO 
hält jedes Jahr in den Mai-Tagen um 
den Feiertag seinen namensgebenden 
Kongreß ab. Kongreßthema wie -ort 
wechseln dabei von Jahr zu Jahr, der 
diesjährige BUKO fand zu dem Themen 
Nachhaltigkeit undWelthandel vom 16. 
bis 19. Mai in Heidelberg statt (1). 


wohl ergebnislosen Perspektivdiskus¬ 
sionen und zum Teil nervenden Ausein¬ 
andersetzungen zwischen d mTraditio- 
nalistlnnen und den Modernisierlnnen 
beigetragen. Im FORUM entwicklungs» 
politischer Aktionsgruppen, der sieben¬ 
mal im Jahr erscheinenden BUKO-Zeit- 
schrift, werden diese beiden BUKO- 
Ström ungen wie folgt beschrieben: “Die 
erstere” [gemeint sind die Traditiona¬ 
list!nnen] besteht darin, die Utopiefrage 
angesichts der Sozialismus-Krise ‘nach 
‘89’ bewußt offen zu halten, bei der 
Unterstützung von Befreiungsbewegun¬ 
gen inder‘Dritten Welt’ Vorsicht walten 
zu lassen und sich auf die traditionellen 
Themen und Kritikpunkte am herr¬ 
schenden Weltsystem zu konzentrieren, 


Linken überhaupt grundsätzlich zu Ti 
durchleuchten. Diese Politik spiegele 8 
nämlich die gleichen Fortschrittsmy- h 
then, Staatsgläubigkeit, partiarchalen § 
Strukturen etc. wiedieherrschendePoli- X 
tik [wider], gegen die sie sich wendet, g* 
Wer die traditionelle Themen und die § 
alte Kapitalismus-Kritik pflegt, weicht ^ 
folglich der notwendigen Neuorientie- ^ 
rung und Selbsthinterfragung aus” (2). § 

C/5 

Ereignisreiches Vorfeld 

Dem diesjährigen BUKO gingen eini¬ 
ge Ereignisse voraus, die die Frage, wie 
viele Leute den Weg nach Heidelberg 
finden würden, spannend machten: 


In den letzten Jahren war die Zahl die nichts von ihrer Berechtigung verlo- * Der BUKO hatte rasch und massiv 
derer die in ihrem Terminkalender für ren haben: ungerechter Welthandel, auf die im Oktober 1995 veröffenüichte 

den Mai den Vermerk “BUKO” eintru- Konzernpolitik, institutioneile Herr- Studie “Zukunftsfähiges Deutschland” 

gen und diesem Vermerk eine Reise in schaft der nördlichen (bzw. westlichen) reagiert. In einem mit “Technokraten- 

die jeweilige den BUKO austragende Industrieländer. Mitreinen Selbstkritik- märchen” überschriebenen Positions- 

Stadtfolgen ließen geringer geworden. Debatten führe man nur Nabelschau papierkritisiertederBUKOdasLeitbild 

Zu der reduzierten Attraktivität des BU- und rühre im eigenen Sumpf, anstatt der “nachhaltigen Entwicklung” der 

KOs hatten neben allgemeinen Ermü- konkrete Politik zu machen. vom Wuppertal-Institut für Klima, Um¬ 

dungserscheinungen in der Drittwelt- Dem steht l mit den Modermsierln- weit und Energie im Auftrag vom Bund 
szcnc auch die sich auf den letzten «<?«] d ie Haltung gegenüber, die gesamte für Umwelt und Naturschutz 

Kongressen wiederholenden, gleich- bisherige Poliük des BUKO und der Deutschland und Misereor erstellten 


SF 3/96 [37] 



















Foto: Wolfgang Haug 


Studie (3). Die Kritik an der Wuppertal- 
Studie (s. SF 5/95) hatte den BUKO zu 
einigerPublizitätverholfen undverein- 
zeltErinnerungen an die BUKO-Glanz- 
zciten während der IWF-/Weltbank- 
kampagne Ende der 80er Jahre wach¬ 
gerufen.' 

* Unter dem Motto “Herrschende 
Nachhaltigkeit - nachhaltige Herr¬ 
schaft” wurde ein Kongreßprogramm 
erarbeitet, das einerseits Bezug nahm 
auf die aktuelle Diskussion über sustain- 
able development und andererseits ver¬ 
suchte, dem ebenfalls aktuellen, aber 
weniger von den Medien aufgegriffenen 
Thema Welthandel und Welthandels¬ 
organisation (WTO) Raum zu geben. 
Da die Nachhalügkeitsdebatte haupt¬ 
sächlich von den Modemisierlnnen 
geführt wird, während die Auseinan¬ 
dersetzung mit Welthandel und WTO 
ein klassisches Tradiiionalistlnnen- 
Thema ist, konnten sich beide BUKO- 
Strömungen in dem Programm wieder¬ 
finden. 

* Der Heidelberger BUKO war ein 
Jubiläumsereignis, das zur Rückbesin¬ 
nung Anlaß geben konnte: Der BUKO 
fand zum zwanzigsten Mal statt (4). 
Der Heidelberger B UKO war allerdings 
der erste, der eine KA-lose Zeit zu reflek¬ 
tieren hatte. Auf dem letztjährigen BU¬ 
KO in Wuppertal konnte kein Koordi¬ 
nierungsausschuß (KA) gewählt wer¬ 
den, da cs keine Mitgliedsgruppen gab, 
die sich zur Mitarbeit im KA bereit 
erklärten bzw. die dafür notwendigen 
Bedingungen erfüllen konnten. Der KA 
hatte in der Vergangenheit die pol itischc 
Arbeit des BUKO zwischen den be¬ 
schlußfassenden Kongressen geleistet. 

* Am 19. Dezember 1995 wurde nach 
langem Vorgeplänkel und vor allem 
auf Initiative großer Verbände der 
nichtstaatlichen Entwicklungszusam¬ 
menarbeit unter dem Kürzel VENRO 
der Verband Entwicklungspolitik 
Deutscher Nichtrcgicrungsorganisa- 
tionen gebildet. Diese sich als “Dach 
der Dächer” verstehende Mega-Vemct- 
zungsstruktur stellt die Existenzbe¬ 
rechtigung des BUKOs nicht in Frage, 
dafür schielt VENRO zu sehr auf Nähe 
zum und Geld vom Bundesministerium 
für wirtschaftlicheZusammenarbeit und 
Entwicklung. Die VENRO-Gründung 
bietet dem BUKO jedoch auch die Mög¬ 
lichkeit, den eigenen Standort und die 
Aufgaben in einer veränderten entwick- 
lungspolitischcn Szene zu überdenken. 


Bisher hatte der BUKO - auch mangels 
KA - nur in einem süffisanten Artikel 
auf die VENRO-Gründung reagiert (5). 

Von Effizienz und Suffizienz 

Daß sich schließlich rund 300 Men¬ 
schen zum 20. BUKO im Heidelberger 
Kultur- und Eine-Welt-Zentrum Karls¬ 
torbahnhof einfanden, damit hatten 
selbst die größten Optimistinnen nicht 
gerechnet. Mit dieser Teilnehmerin¬ 
nenzahl konnte der BUKO quantitativ 
an alte Zeiten anknüpfen und im Ver¬ 
gleich zum vorjährigen BUKO die Zahl 
der Teilnehmenden nahezu verdoppeln. 
Das Kongreß-Programm (donnerstags: 
Eröffnung, inhaltlicher Einstieg in die 
beiden Themenblöcke; freitags: Ar¬ 
beitsgruppen; samstags: Auswertung 
der AG-Ergebnisse in kommunikativen 
Kleingruppen sowie inhaltliches Ab¬ 
schlußplenum; sonntags: Formal ia wie 
Rechenschaftsberichte, Wahl der poli¬ 
tisch verantwortlichen Gremien, Fest¬ 
legung von -Thema und Ort des BUKO 
21, Festlegung von Seminarthemen so¬ 
wie an den Abenden ein reichhaltiges 
Kulturprogramm) war geprägt durch 
ein überreichhaltiges Angebot an Ar¬ 
beitsgruppen, in denen das Nachhaltig¬ 
keitskonzept aus verschiedenen Blick¬ 
winkeln bzw. einzelne Aspekte des 
Welthandels kritisiert werden sollten. 
Die Mehrzahl der am BUKO 20 Teil¬ 
nehmenden bewies einen geschickten 
Umgang mit dem Kongreßprogramm, 
an dem sie die beiden für die Nach¬ 
haltigkeitsleitbilder bedeutsamen, vom 
BUKO aber gescholtenen Prinzipien 
der “Effizienz” und “Suffizienz” an¬ 
legten. Sie wählten effizient ihre Ar¬ 
beitsgruppen und gestalteten ihre 
Anwesenheit suffizient: Es zeigte sich, 
daß die Mehrzahl der Teilnehmenden 
vor allem wegen der freitäglichen Ar¬ 
beitsgruppen gekommen war und eher 
genügsam mitdem restlichen Kongre߬ 
programm umzugehen wußte. 


Entschleunigte Diskussion 

Auch zur Charakterisierung der auf 
dem Abschlußplcnum am Samstag¬ 
nachmittag geführten Diskussion ist ein 
Begriff aus der Nachhaltigkeitsdiskus¬ 
sion geeignet. Dieses Plenum, sonst der 
Ort intensiver und nervender Auseinan¬ 


dersetzungen, gestaltete sich in Heidel¬ 
berg “entschleunigt”, sprich recht zäh 
und langatmig. Redebeiträge waren eher 
spärlich, interessante rar. Diskussions¬ 
grundlage und als Vorlage für eine Per¬ 
spektivdebatte gedacht war ein viersei¬ 
tiges von den Modemisierlnnen eingc- 
brachtes Papier mit dem Titel “Baustei¬ 
ne für Perspektiven” (6). Das Papier 
enthälifünf eigenständige, von verschie¬ 
denen Personen verfaßte Abschnitte (1. 
Mit den Praktiken der Unterwerfung 
brechen,2. Fragenzum Subsistenz-An¬ 
satz, 3. Abwicklung des Nordens - eine 
programmatische Alternative, 4. 
Ansätze eines neuen Politikverständ¬ 
nisses und 5. Gegenmacht und femini¬ 
stische Autonomie). Das Papier, das 
nicht als “vereinheitlichter Text” ge¬ 
dacht war, sondern Zuspitzungen und 
Pointierungen, die den einzelnen der 
Autorinnen wichtig sind, enthielt, war 
insgesamt zu sperrig, um eine Plenum s- 
d iskussion strukturieren zu können. Die 
Kritik der Traditionalisten an den Bau¬ 
steinen beschränkte sich hauptsächlich 
auf das Aufzeigen von Widersprüchen 
zwischen den unterschiedlichen Ab¬ 
schnitten des Papieres (7). 

Postmoderne Aufstände 
oder Sozialbündnisse? 

Interessant wurde die Diskussion je¬ 
doch vor allem, als es um die Frage der 
Bündnispartnerinnen der als Alterna¬ 
tive zur Modernisierung bzw. Ökolo¬ 
gisierung des Kapitalismus vorgestcll- 
ten Abwicklung des Nordens als Herr¬ 
schafts- und Gesellschaftssystems ging 
(8). Sind es nur die Organisationen, die 
eine “progressive Alternative auch in¬ 
nerhalb ihrer eigenen Bewegung dar¬ 
stellend sind es nur die Trägerinnen 
“postmoderner Aufstände von Chiapas 
bis Nigeria, von Südindien bis zu den 
Periphcricregioncn innerhalb des Nor¬ 
dens”, oder dürfen es auch Organisatio¬ 
nen des alternativen Handels, aus der 
gcwcrkschaftlichenBündnisarbeitodcr 
die in mehreren Städten als Reaktion 
auf die Sparbeschlüsse der Bundesregie¬ 
rung entstanden Sozialbündnisse sein? 

Die Frage nach Bündnispartnerinnen 
wurde am Sonntag beim nur noch spär¬ 
lich besuchten Abschlußplenum anlä߬ 
lich der Diskussion um das Thema des 
nächsten BUKO erneut aufgegriffen. 
Es wurden vier Themenvorschläge für 


[38] SF 3/96 









den BUKO 21 eingebracht, die aus un¬ 
terschiedlichem Blickwinkel die herr¬ 
schenden Machtverhältnisse und die als 
Reaktion darauf entstandenen Bewe¬ 
gungen thematisieren: 1. Wir wollen 
leben - Bewegungen im Norden und 
Süden; 2. Entgrenzung der Dritten Welt 
- Armut und soziale Ausgrenzung in 
Süd und Nord; 3. Ist Deutschland ein 
Entwicklungsland? Entwicklungspo- 
litik: Ausbeutung der Entwicklungs¬ 
länder, Sozialabbau in den Industrielän¬ 
dern; 4. Gegenmacht von unten? Alter¬ 
nativen zum neoliberalen, rassistischen 
und sexistischen Alltag. In der Diskus¬ 
sion konnte Einigung erzielt werden, 
daß die drei erstgenannten Vorschläge 
sich unter der Überschrift des dritten zu 
einem Thema zusammenfassen ließen. 
Verbunden mit dem Vorschlag 3 war 
ein explizites Einbeziehen der neuen 
Bündnisse gegen Sozialabbau. Eine Nä¬ 
he zu oder gar Zusammenarbeit mit 
diesen Bündnissen wurde jedoch von 
einigen der Befürworterinnen des vie¬ 
rten Vorschlages vehement abgelehnt, 
da es diesen Bündnissen nur um das 
Sichern der eigenen Pfründe, nicht aber 
um eine internationalistische Sichtweise 

ginge. 

Die Abstimmung zwischen den 
Vorschlägen drei und vier fiel dann - 
gemessen am Diskussionsverlauf über¬ 
raschend - eindeutig aus: Dank einer 
deutlichen Mehrheit von 15 zu 5 Stim¬ 
men heißt das Thema des BUKO 21 
“Gegenmacht von unten”. Der Vor¬ 
schlag, den 21. BUKO in Dresden aus¬ 
zurichten, fand große Zustimmung. 

Keine Strukturdebatte 

Das Thema “Strukturdebatte”, das in 
der Vergangenheit Anlaß für ebenfalls 
als nervend in Erinnerung gebliebene 
Üiskussionnen war, wurde vom BUKO 
20 ausgeblendet. Die KA-lose Zeit 
zwischen BUKO 19 und BUKO 20 
wurde nur kurz und vor allem aus dem 
B lick winkel der Veränderung der Arbeit 
der BUKO-Geschäftsstelle reflektiert, 
ein neuer Koordinierungsausschuß 
konnte wie im Vorjahr nicht gebildet 
werden. Eine Diskussion über die Erfah¬ 
rungen rnitdem in Wuppertal beschlos¬ 
senen KA-Ersatzmodell, bei dem unter 
bestimmten Voraussetzungen Mit- 
glicdsgruppen zu einzelnen Fragen das 
Politische Mandat erhalten, im Namen 


des BUKOs zu sprechen, fand nicht 
statt. Für eine Diskussion über die Arbeit 
der für das Außenbild des BUKO nicht 
unwichtigen BUKO-Kampagnen (Phar¬ 
ma-, Rüstungsexport- und Agrarkampa¬ 
gne) gab es keinen Raum, die politische 
Entlastung der Kampagnen geriet zur 
reinen Formsache. Die VENRO-Grün- 
dung und mögliche sich daraus für den 
BUKO ergebende Aufgaben einer Ver¬ 
netzung von unten waren in Heidelberg 
keine Diskussionsthemen. 

Milden vom Kongreß beschlossenen, 
vom BUKO zu organisierenden Semi¬ 
naren zu den Themen: Globalisierung 
versus Regionalisierung, Migration und 
Metropolenentwicklung, Aneignung 
ländlicher Räume (Globalisierung und 
Regionalisierung am Beispiel einer 
französischen Weinanbauregion), 
Cyberrevolution (Neue Medien und 
Internationalismus) und Bevölkerungs¬ 
politik und Nachhaltige Entwicklung 
(reines Frauenseminar) wurden Berei¬ 
che aufgegriffen, dieaktuell wie wichtig 
sind und damit interessante Seminare 
erwarten lassen. Durch die Bildung des 
neuen Arbeitsschwerpunktes “Nachhal¬ 
tigkeit und Herrschaft”, auch als 
“Schwertfisch” bezeichnet, wurde si¬ 
chergestellt, daß auch zukünftig vom 
BUKO kritische Äußerungen zum 
Nachhaltigkeitskorizept zu erwarten 
sind. Ob sich der BUKO allerdings 
erlauben kann, weiterhin die Struktur¬ 
debatte nicht oder ergebnislos zu führen, 
wird die Zukunft zeigen. 

Anmerkungen 

(1) Kongreßvorbereitung und -auswertung 
sind wie üblich in zwei Ausgaben der 
BUKO-Zeitschrift FORUM entwick¬ 
lungspolitischer Aktionsgruppen do¬ 
kumentiert. Das Vorbereitungsheft trägt 
die Nummer 202/203 (Mai/Juni 96), 
das Auswertungsheft die Nummer 204/ 
205 (Juli/August 96). Beide Hefte sind 
zum Preis von je 9 DM (plus Versand¬ 
kosten) bei der Redaktion FORUM, 
(Buchtstraße 14-15, 28195 Bremen) 
bzw. bei der BUKO-Geschäftsstelle 
(Nernstweg 32-34,22765 Hamburg) zu 
bestellen. 

(2) Aus: Iris Bockermann & Christoph 
Spehr: BUKO 20 in Heidelberg: “Aber 
geiler wär’s schon”. In: FORUM ent¬ 
wicklungspolitischer Aktionsgruppen 
204/205/96, S. 26-27, 29. 

(3) Zur der von der AG “Danke für den 
Fisch” formulierten Kritik an der Wup¬ 
pertal-Studie siehe: BUKO: Techno¬ 
kratenmärchen. Fit, schlank und mit 


(4) Zum 20. BUKO ist eine Broschüre zur 
BUKO-Geschichte erschienen, die unter 
dem Titel “Die Wüste lebt - 20 Jahre 
Bundeskongreß entwicklungspoliti¬ 
scher Aktionsgruppen” bei der BUKO- 
Geschäftsstelle (Nernstweg 32-34, 
22765 Hamburg) zu beziehen ist. 

(5) Ralf Berger: VENRO gegründet: “Ein 
Beitrag Für mehr Gerechtigkeit in der 
einen Welt”. In: FORUM 200/96, S. 32- 
33. 

(6) Die “Bausteine für Perspektiven” sind 
abgedruckt im FORUM 204/205/96, S. 
33-36. 

(7) Zur Reaktion der Traditionalistlnnen 
auf die Bausteine siehe auch die entspre¬ 
chenden Beiträge im Auswertungsheft: 
Herbert Rehm: Abwicklung des Nordens 
- eine programmatische Alternative. In: 
FORUM 204/205/96, S. 37-40. Und: 
Georg Lutz: Zerbröselnde Bausteine. 
In: FORUM 204/205/96, S. 40-42. 

(8) Das Konzept der Abwicklung des Nor¬ 
dens umfaßt nach dem Bausteine-Papier 
fünf Punkte: 1. Das Unterbinden jedwe¬ 
der Intervention; 2. Das Zurückdrängen 
des globalen Sektors; 3. Entprivilegi- 
sierung der formalen Arbeit; 4. Autono¬ 
me Aneignung von Räumen undZusam- 
menhängen und 5. Maßnahmen zur di¬ 
rekten Überlebenssicherung. 

gutem Gewissen. Das “Wuppertal 
Institut” präsentiert den Kapitalismus 
fürs 21. Jahrhundert. In: FORUM 197/ 
98/95, S: 4-9. Eine ausführliche Kritik 
des Nachhaltigkeits-Ansatzes und eine 
Doku mentation der BUKO-Position und 
der darauf erfolgten Reaktionen liefern: 
Helga Eblinghaus & Armin Stickler 
(Mitherausgeber Informationsbüro 
Nicaragua): Nachhaltigkeit und Macht. 
Zur Kritik von Sustairtable Develop¬ 
ment. Frankfurt am Main: IKO - Verlag 
für Interkulturelle Kommunikation, 
1996. 



SF 3/96 [39] 






SF-Redakteur B kauft einen Options¬ 
schein bei SF-Redakteur A, daß SF-Re¬ 
dakteur G. nicht nur das 13. Monats¬ 
gehalt, sondern auch das 12. gestrichen 
bekommt und beteiligt G. zu 50%. Wie 
hoch ist der reale Verlust? 

Eine kleine Hilfe für die Beantwor¬ 
tung dieser Frage gibt folgender Artikel. 

Der 

Derivalehandel 


Die Virtuelle Ökonomie 
des Finanzkapitals 

von Hauke Benner 

Virtuelle Realitäten sind der letzte Mo¬ 
deschrei. Die künstliche Welt des Cy¬ 
berspace ist jedoch nur ein harmloses 
Spielzeug im Vergleich zu den virtuellen 
Bildern und Realitäten des Fernsehens, 
wie es uns der US-Sender CNN im 
Golfkrieg vorführte. Virtuelle Räume 
spielen auch in der Architektur mehr 
und mehr eine Rolle. Doch noch faszi¬ 
nierender und bedrohlicher sind die neu¬ 
en virtuellen Realitäten der Finanzwelt. 
Wir leben in der “Zeit der finanziellen 
Revolution” meint der Präsident des 
Europäischen Währungsinstituts A. 
Lamfalussy. Chaos und Schrecken jagt 
den Bankern dabei vor allem die explo¬ 
sionsartige Ausweitung des globalen 
Finanzmarktes ein, das dabei ist, alle 
Bezüge zur realen ökonomischen Sphä¬ 
re zu verlieren. 

Wie jede Revolution in derGeschichte 
hatten auch die Umwälzungen im 
Finanzsektor mehrere Ursachen und 
Vorgeschichten: 

Die erste war die Ablösung des Dollar 
vom Goldstandard Anfang der 70er 
Jahre, als die USA den Vietnamkrieg 
mit der Dollamotenpresse finanzierten 
und somit die Goldeintauschgarantie 
für jeden zirkulierenden Dollar nicht 
mehr einhaltenkonnten. Das 1944 durch 
dielnitiativederUSA gegründete Wäh¬ 
rungssystem von Bretton-Woods brach 
1971/72 zusammen. Zwar blieb der 
Dollar die Weltwährung, doch gegen 
seine Schwankungen mußten sich die 
Konzerne und Großbanken bei ihren 
langfristigen Geschäften durch völlig 


neue Formen von Währungsverträgen 
absichem. 

Die zweite wichtige Vorgeschichte 
der Revolution war die Schaffung von 
sogenannten “Freien Bankzonen” (z.B. 
auf den Bahamas, den Caymaninseln 
oder in Luxemburg), wo Tochtergesell¬ 
schaften der großen kapitalistischen 
Bankkonzeme, ohne die z.T. sehr reg¬ 
lementierten Vorschriften der nationa- 


es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten 
noch die relativ durchschaubaren Ter¬ 
mingeschäfte an den Getreidebörsen in 
Chicago oder den verschiedenen Roh¬ 
stoffbörsen und zu Beginn der 80er 
Jahre der aufkommende Handel von 
“Schuldenswaps” an der LondonerBör- 
se (nach Ausbruch der internationalen 
Verschuldungskrise 1982 wurden viele 
Schuldentitel der hochverschuldeten 



len Notenbanken, ihre weltweiten Fi¬ 
nanzgeschäfte mit geringstem eigenem 
Risikokapital ausbauen konnten. Die 
Ausgaben, besonders das Wertpapier¬ 
geschäft und die Kreditvergabe der 
Großbanken, mußten nicht mehr ge¬ 
deckt sein durch entsprechende Gutha¬ 
ben oder andere Sicherheiten der Ban¬ 
ken bei den Zentralbanken. Dieser 
Wegfall der sofortigen Deckung im glo¬ 
balen Finanzgeschäft der internatio¬ 
nalen Großbanken dehnte den unkon¬ 
trollierten spekulativen Geldmarkt in 
den 70er Jahren ungeheuer aus. Waren 


Länder wie Mexiko oder Bolivien mit 
einem Abschlag, “swap”, auf dem inter¬ 
nationalen Kreditmarkt gehandelt) - so 
erfanden mitdem schnell anwachsenden 
Angebot an Spekulationskapital, beson¬ 
ders nach der ersten Ölkrise 1973, die 
Börsenmakler immer neue Anlagefor¬ 
men für dienach einer hohen Verzinsung 
suchenden Dollar-Milliarden. 

Dies war die dritte Vorgeschichte: 
Die sehr hohn Profite der Multis, die 
Millionen aus den schwarzen Kassen 
der Großkonzeme, die Millionen auf 
der Flucht vor den nationalen Finanz- 


[40] SF 3/96 











ämtem und nicht zuletzt die Millionen 
aus dem stark expandierenden Droge¬ 
ngeschäft produzierten einen regel¬ 
rechten Angebotsdruck für die Banker 
in den “Freien Bankzonen” (in denen 
die Anleger im Vergleich zu ihren Hei¬ 
matländern keine oder lächerlich ge¬ 
ringe Steuern zu zahlen haben). Beson¬ 
ders der Termin- und Optionshandel 
aber auch der Währungshandel verviel- 


De visenhändler an der Londoner Börse 
über Satellitenkanäle und einem Gro߬ 
rechner in den Londoner Docklands 
mit allen Börsen und 20.000 Finanz¬ 
instituten (Banken, Versicherungen, 
Fondsverwaltem) auf der Welt gleich¬ 
zeitig verbunden und können sich alle 
daraus einfließenden Daten auf Bild¬ 
schirme holen. (Der Spiegel 7/96) 
Diese vier Faktoren, die Ablösung 


Täglich mehr als 1 Billion 


Der Devisenhandel hat sich in den 
letzten 10 Jahren verzehnfacht. Haupt¬ 
sächlich wird in Zins- und Währungs¬ 
derivaten spekuliert. Heute werden 
allein auf dem internationalen Wäh¬ 
rungsmarkt täglich mehr als 1 Billion 
US-$ umgesetzt. (Keine/r weiß die ge¬ 



fachte sich an den wichtigsten Börsen¬ 
plätzen von Tokio bis New York. 

Last but not least trug die Revolution 
in der weltweiten Datenverarbeitung 
mithilfe des Computers zur Vorge¬ 
schichte der Finanzrevolution bei. Welt¬ 
weit sind die Börsen und Bankplätze 
heute durch Computer vernetzt und 
umfangreiche, für Außenstehendenicht 
durchschaubare Programme lösen Kauf- 
und Verkaufsoptionen aus und entfach¬ 
en damit das Feuer für eine neue Hausse 
°dcr Baisse an den Währungs-, Aktien¬ 
oder Rohstoffbörsen. So sind z.B. die 


des Dollar vom Goldstandard, die Schaf¬ 
fung von “freien Bankenzonen”, das 
durch die Profite der Großkonzeme zur 
Verfügung stehende Überangebot am 
global agierendem Spekulationskapital 
und die vollständige Computerisierung 
des gesamten globalen Finanzmarktes 
führten zu dem “big bang”. 


naue Summe, der Der Spiegel und das 
Handelsblatt nennen diese Zahl, Le 
Monde Diplomatique spricht von 1,5 
Billionen US-$). Eine für uns Laien 
unvorstellbare Summe. Der Großteil 
davon sind reine Devisenspekulationen 
der Finanzjongleure aus den Banken 
oder den Multis, die über Milliarden 
von Spekulationskapital verfügen. So 
hat z.B. der Siemenskonzem über Jahre 
mehr Profit mit seinem liquiden Ver¬ 
mögen von ca. 25 Milliarden DM ge¬ 
macht, als mit seinem in der Produktion 
investierten Kapital. 1988 machte der 


SF 3/96 [41] 


Foto: R. Maro /Version 






japanische Autokonzem Toyota 38% 
seiner Gewinne mit Finanzspekulatio¬ 
nen. Bei Sony betrug der Anteil damals 
sogar 63%. Der US-Währungsexperte 
Gregory Millmann schreibt in seinem 
Buch “Der heimliche Raubzug”, daß 
heute mehr als 3/4 der 500 größten US- 
Multis mit Derivaten spekulieren. 

Die Industriemultis steigen einfach 
deshalb in das Finanzspekulationsge¬ 
schäft ein, weil dort, jedenfalls zeit¬ 
weise, eine höhere Profitrate zu erzielen 
.ist, als mit Investitionen in der indus- 
triellenProduktion, in der unmittelbaren 
Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. 

Die Spekulationsgeschäfte verliefen 
bis zur ersten großen Schuldenkrise 
1982 noch in relativ überschaubaren 
Bahnen. Doch mit den Derivaten, der 
“Revolution der 80er Jahre” (so ein 
deutscher Banker) wurden alle Dimen¬ 
sionen gesprengt. 


Was sind nun Derivate? 

Es sind zum einen die uns bekannten 
Schuldenswaps, die Termingeschäfte 
an den Weltrohstoffbörsen. Es sind aber 
vor allem die Optionsgeschäfte, welche 
die“finanzielleRevolution”eingeleitet 
haben. Mit Optionen kauft sich da der 
Anleger das Recht (oder die Pflicht) zu 
einem festgesetzten Preis und zu einem 
bestimmten Termin eine Aktie, eine 
Währung, ein Rohstoff oder eine 
Anleihe zu kaufen. Eine Abwandlung 
von Optionen sind “Futures”. Dies sind 
an der Börse gehandelte Verträge über 
den Kauf/Verkauf von Wertpapieren, 
Währungen zu einem bestimmten 
Termin und Preis. Zur Veranschaulich¬ 
ung ein Beispiel: “Ein US-amerikani¬ 
scher Pensionfond will einige Dollar¬ 
milliarden auf dem deutschen Aktien¬ 
markt anlegen. Er kann sich für viel 
Geld Siemens-, Daimler- oder 
Hoechstaktien kaufen. Er kann sich aber 
auch preiswerter und viel breiter kurs¬ 
gesichert an den DAX, den Deutschen 
Aktienindex, hängen - mit festen Ver¬ 
trägen, den Futures, oder mit Kauf¬ 
optionen. Steigt der DAX, wird die 
Option wertvoller, sinkt die Stimmung 
an der Börse, verliert die Option - die 
genauso gehandelt wird wie ihre Be¬ 
zugspapiere-an Glanz. Im schlimmsten 
Fall wird sie dann wertlos: das Geld ist 
weg. Verloren ist dann allerdings nicht 
ein Aktienpaket für Millionen, sondern 


nur ein Stapel Derivate für ein paar 
Tausender oder gar nur Hunderter. Das 
tatsächliche Risiko, beruhigen die ein¬ 
schlägigen Händler, werde durch den 
Preis der Option und Futures limitiert. 
Das dahinterstehende, um das Zigfache 
größere Transaktionsvolumen sei nur 
Schein”, (so Der Spiegel 12/94) 

Diese Scheingeschäfte haben aber 
mitüerweile eine Größenordnung an¬ 
genommen, die um ein Vielfaches das 
in der Bilanz ausgewiesene Umsatz¬ 
volumen der internationalen Gro߬ 
banken überschreiten. Die Deutsche 
Bank hat für 1993 einen Umsatz von 
556 Milliarden DM ausgewiesen. Im 
Deri vatenhandel, der nicht in der Bilanz 
ausgewiesen wird, setzte die größte 
deutsche Bank noch mal das 2,5fache 
also 1,3 Billionen DM, um. DB-Vor- 
standsvorsitzender Hilmar Köpper 
versuchte seine Aktionäre mit dem 
Hinweis zu beruhigen, daß die anderen 
intemaüonalen Großbanken, wie z.B. 
die schweizerischen Großbanken das 
7-fache ihres offiziellen Umsatzes im 
Deri vatenhandel machen. Die Deutsche 
Bank ist aber international nur ein relaüv 
kleiner Fisch: Die New York Citi-Bank 
setzte z.B. 1995 weltweit 2,6 Billionen 
US-$ um. 

Zwar sichern sich die Banken beim 
Optionshandel zumeist nach oben und 
nach unten ab. (Wenn sie auf einen 
steigenden Ölpreis spekulieren, spe¬ 
kulieren sie zugleich im sogenannten 
Gegengeschäft” auch auf einen fal¬ 
lenden Ölpreis) Aber nicht immer sind 
die Banker oder Börsenmakler so vor¬ 
sichtig. 


Die neuen Herren der 
Welf? 

Eine erste Vorahnung bekamen diedeut- 
schen Bankenaufseher mitdem geplatz¬ 
ten Olterminhandel der “Deutschen Me¬ 
tallgesellschaf t” zu spüren. Dieser Kon¬ 
zern mit einem Umsatzvolumen von 27 
Milliarden DM stand Anfang 1994 vor 
dem Konkurs, weil er mehr als 2 Mil¬ 
liarden Verluste im Öltermingeschäft 
in den USA zu verzeichnen hatte. Ein 
halbes Jahr später muß dieser Konzern 
seine profitabelsten Produktionszweige 
verkaufen, um die Muttergesellschaft 
vor dem endgültigen Ruin zu retten. 
Der zweite Warnschuß war der Zusam¬ 
menbruch der britischen Barings-Bank 


1995, nachdem (angeblich) ein einzelner 
Broker in Singapur durch Derivatege¬ 
schäfte die renommierte Bank an die 
Wand fuhr. rWF-Präsident Camdessus 
resigniert angesichts dieser Entwick¬ 
lung: “Die Welt ist in den Händen dieser 
Leute”, und er meint (etwas überdra¬ 
matisierend) die selbständigen Broker 
und die im Namen von Großbanken 
agierenden Händler an den Terminbör¬ 
sen des Kasinokapitalismus. 

Mit dem Derivatehandel hat eine 
knallharte Zockermentalität auf dem 
internationalen Börsenparkett Einzug 
gehalten. Die Broker tätigen Geschäfte, 
die mit dem realen Warentausch von 
Produkten oder Dienstleistungen kaum 
mehr was zu tun haben. “DieFinanzwelt 
hat sich von der Realsphäre emanzi¬ 
piert”, sagt der ehemalige Chefderiva¬ 
tehändler der Deutschen Bank, Thomas 
Fischer. Immer weniger zählt im Deri¬ 
vategeschäft dieobjektiveökonomische 
Erwartung über die Entwicklung z.B. 
des Aktienkurses von Siemens aufgrund 
der realen Gewinnentwicklung und der 
allgemeinen wirtschaftspolitischen 
Entwicklung, sondern die Erwartung 
darüber, was die anderen Broker in den 
nächsten Minuten wohl machen werden, 
mit welchen Derivaten sie Kauf- und 
Verkauforders in den Computer geben. 
An den Börsen vor den Computern geht 
es zu wie in der Spielbank. Nahezu 
ohne jeglichen volkswirtschaftlichen 
Sinn für das produzierende, mehrwert¬ 
schöpfende Kapital werden auf Knopf' 
druck Milliarden auf zukünftige Kurs¬ 
gewinne oder -Verluste gesetzt. Die 
Broker spielen Lotto, nur eben nicht 
mit Einsätzen von DM 5, sondern mit 
Millioneneinsätzen. Und dabei geht es 
um Sekundenbruchteile: In dem mil¬ 
liardenschweren Devisenoptionsge¬ 
schäft “können sich die Preise innerhalb 
von Minuten, an hektischen Handels¬ 
tagen sogar in Sekunden um mehrere 
Prozent verändern.” (Wirtschaftswoche 
9/96 ) 

Aufgrund von massiven Devisenspe¬ 
kulationen wurde 1992 durch den Spe¬ 
kulanten George Sores das englische 
Pfund aus dem europäischen Währungs¬ 
verbund geboxt. Ein anderes Beispiel 
lieferte 1987 der US-Broker Krieger, 
als er für ein paar Tage die gesamte 
Geldmenge des Staates Neuseeland mit 
einer völlig kreditfinanzierten Speku¬ 
lation aufkaufte, um die neuseeländische 
Regierung zur Veränderung ihrer Lan- 


[42] SF 3/96 




Foto: R. Maro/Version 


deswährung zu zwingen. Zumindest für 
die nationalen Währungen und Ökono¬ 
mien ist dercomputerisierte Währungs¬ 
handel äußerst risikoreich geworden. 
Gerade kleinere Länder wie Neuseeland 
oder Schweden sind der internationalen 
Spekulation bisher recht hilflos ausge- 
setzt.(Gegen die schwedische Krone 
wurde vor 2 Jahren durch die interna¬ 
tionalen Devisenhändler auf Abwertung 
gewettet. Die Kreditzinsen stiegen an 


US-S umgesetzt! Noch einmal zum 
Vergleich: Der internationale Devisen¬ 
markt wurde 1994/95 durch die 
neuerliche Mexikokrise in seine bisher 
größte Krise seit 1945 gestürzt. Der 
IWF und die USA waren nicht mehr 
“Herr der Lage”, weil viele Banken 
außerhalb der USA ihre Unterstützung 
verweigerten. Dabei ging es um die 

vergleichsweise lächerlicheSumme von 

50 Milliarden US-$. 



der Stockholmer Börse für ein paar Ta¬ 
ge auf die aberwitzige Rate von 500%.) 

In den letzten Jahren hat besonders 
der sogenannte OTC-Handel, das di¬ 
rekte Devisengeschäft zwischen zwei 
Vertragspartnern, was nicht über die 
Börse (und damit die Börsenaufsicht 
t>zw. Notenbankaufsichl) läuft, dras¬ 
ch zugenommen: Jährlich werden 
allein im OTC-Geschäft 10 Billionen 


Fassen wir zusammen: Der heutige 
Finanzmarkt entwickelt sich mehr und 
mehr zu einem reinen Spekulations¬ 
markt und wird auf einem sehr hohen 
Seil ohne Sicherungsnetz für den Ab¬ 
sturz ausgeführt. 

Der eigentliche Vorteil des Deriva¬ 
tehandels für die beteiligten Industrie¬ 
firmen und Banken lag ursprünglich in 
der Begrenzung des Risikos. Die hohen 


Schwankungen auf dem Währungs¬ 
markt nach der Freigabe des Dollar An¬ 
fang der 70er Jahre oder die starken 
Schwankungen an den Rohstoffbörsen 
konnten mithilfe des Optionshandels 
vermindert werden. Doch diese Vorteile 
und Voraussetzungen für die Globali¬ 
sierung des Weltmarktes treten an¬ 
gesichts der aktuellen Entwicklung 
immer mehr in den Hintergrund. 


Das “fiktive” Geld 

Die Schere zwischen den real produ¬ 
zierten Warenwerten und dem weltweit 
zirkulierenden Finanzkapital geht im¬ 
mer weiter auseinander. Die Entwick¬ 
lung auf dem Finanzsektor koppelt sich 
zusehends von der Realökonomie ab. 
Die weltweit gehandelten Staats- und 
Privatkredite übersteigen um ein Viel¬ 
faches die Kapitalakkumulation in der 
unmittelbaren Mehrwertproduktion. 
Der Kredithandel ist der eigentliche 
Motor der Spekulation geworden. Die 
Zinsderivate der verschiedensten Form 
machen den Großteil des Handels mit 
Derivaten aus. So wurden im letzten 
Jahr Milliarden von Dollar verzockt, 
als sehr viele Broker auf weiter fallende 
US-Zinsen spekulierten und weltweit 
die internationalen Anleihen an Kurs¬ 
wert verloren, weil die US-Zinsrate 
konstant blieb. 

Das Geld hat einfach keinen substan¬ 
tiellen Gegenwert mehr in der Produk¬ 
tion von Waren und Dienstleistungen. 
Es ist nur noch fiktives Geld, wie es 
Robert Kurz und Emst Lohoff in der 
Zeitschrift Krisis 16/17 ausdrücken: 
“Seit den 70er Jahren beginnt das Primat 
des Kredits die Vorherrschaft der Real¬ 
wirtschaft abzulösen. War die Akku¬ 
mulation von Geldkapital vom Beginn 
der industriellen Revolution bis in die 
fordistische Boomphase hinein eine 
Funktion der industriellen Akkumula¬ 
tion gewesen, so sank die Realakkumu¬ 
lation nun umgekehrt zum bloßen An¬ 
hängsel der Anhäufung fiktiven Kapitals 
herab.” (ebd., S. 115) 

Angesichts dieser Entwicklung re¬ 
signiert der Chefredakteur der Zeitschrift 
Finanztesi Hubertus Primus: “In dem 
heutigen Markt steht hinter vielen 
Transaktionen keine Absicherung realer 
Warengeschäfte mehr. Heute könnte 
man auch auf das Wetter oder auf 
Fußballergebnisse Derivateausstellen.” 
(FAZ, 21. Mai 1996) 


SF 3/96 [43] 










Das “Cyberspace der 
Geofinanz” 

Heute bestimmen hauptsächlich die 
Interessen der Broker und Banker den, 
hochkomplizierten und variantenrei¬ 
chen Derivatehandel, (Längst schon 
existiert z. B. der Handel von Optionen 
auf die Option) Die Interessen der Bro¬ 
ker haben nur noch sehr wenig mit der 
realen Warenökonomie und dem glo¬ 
balen Handel zu tun. So betrug das 
(geschätzte) Gesamtvolumen des welt¬ 
weiten Finanzhandels das 43fache des 
Gesamtvolumens des Welthandels im 
Jahr 1994! (Blätter für deutsche und 
internationale Politik, 8/95) 

Die Welt der Broker ist mehr und 
mehr eine Welt der Scheinökonomie, 
eine virtuelle Ökonomie, oder wie die 
Le Monde Diplomatique im Mai 1995 
schreibt, “das Cyberspace der Geofi¬ 
nanz”. Die Spekulation auf Rendite und 
Zinsen ersetzt zunehmend die Profit¬ 
interesse des klassischen Kapitalisten, 
der Mehrwert durch die Ausbeutung 
der Lohnarbeiterinnen produziert. So 
verfügen allein die 3 größten US-ame¬ 
rikanischen Rentenfonds über ein Fi¬ 
nanzvolumen von über 500 Milliarden 
Dollar und über das Volumen der nicht 
der US-Börsenaufsicht unterliegenden 
Hedge-Fonds schwanken laut Gregory 
Millmann die Angaben von 7 bis 47.967 
Milliarden Dollar. 

Auf der Suche nach größtmöglichem 
Profit und Kapitalsicherheit surfen sie 
im neuen Cyberspace der Derivate. 
“Hier gibt es keinen Gesellschaftsver¬ 
trag, hier gibt es weder Sanktionen noch 
Gesetze, außer denen, die seine Prota¬ 
gonisten zu ihrem größten Profit will¬ 
kürlich festlegen.” (Le Monde Diplo¬ 
matique, Mai 1995) 

Die virtuelle Ökonomie kann die 
Produktions- und Kostenkalkulation 
eines auf den globalen Markz agieren¬ 
den Konzerns völlig über den Haufen 
schmeißen. Sie kann den Niedergang 
einzelner Konzerne, Branchen oder na¬ 
tionaler Währungen beschleunigen oder 
erst herbeiführen. 

Das aktuellste Beispiel in Deutsch¬ 
land ist dafür der Niedergang der Vul¬ 
kan-Werft. Nach einer Meldung der 
FrankfurterRundschau vom 24. Februar 
1996 wurden “Investoren” mit den neu¬ 
esten Horrormeldungen über den Vul¬ 
kan seit dem Sommer 1995 versorgt. 
Das Interesse einer Königsteiner Bera¬ 
tungsfirma sei dabei gewesen, “den 


[Aktienkurs sinken zu lassen”. Die 
Königsteiner Firma bot Optionen auf 
fallende Vulkanaktienkurse an, soge¬ 
nannte “puts”. Der Derrivate-Deal ver¬ 
lief so: Wer einen Optionsschein er¬ 
wirbt, erhält das Recht zu einem späteren 
Termin die Aktien zu einem bestimmten 
Kurs zu verkaufen. Fällt zu dem festge¬ 
setzten Zeitpunkt der Kurs unter den im 
Optionsschein festgesetzten Wert, kann 
sich der Optionsscheininhaber kurz vor 
Fälligkeit der Option die billigere Aktie 
kaufen und sie dann, zu dem festgesetz¬ 
ten Kurswert, an den Optionshändler 
verkaufen. Dies wurde im Winter 95/ 
96 mit der Vulkanaktie ein sicheres 
Gewinnspiel. Die Derivatehändler be¬ 
dienten sich darüber hinaus gezielter 
Insiderinformationen und lancierten 
diese an die Presse, um so den Kurs 
noch weiter ins Rutschen zu bringen. 
Diese Derivatespekulation auf sinkende 
V ulkanaktienkurse hat dem Geldkapital 
höchste Profite eingefahren. Dem Vul¬ 
kan-Konzern hat es zusätzliche Mil¬ 
lionenverluste an der Börse beschert, 
was die Liquidität des Konzerns weiter 
eirischränkte. 

Sicherlich ist zu fragen, was aus der 
Sicht der unterdrückten Klassen denn 
nun das besonders Schlimme am speku¬ 
lativen Kapital im Vergleich zum pro¬ 
duktiven Kapital ist. Kapital sucht im¬ 
mer neue Profitanlagemöglichkeiten, 
und wo Profite gemacht werden, gibt es 
immer Verlierer. 

Von einer revolutionären antikapi¬ 
talistischen Perspektive aus betrachtet, 
kann es uns egal sein, woran die Herr- 
schaftdes internationalen Kapitalismus 
zugrunde geht, sei es nun aufgrund einer 
geplatzten riesigen Spekulationsblase 
oder aufgrund der derzeit leider nicht 
vohandenen antagonistischen Kräfte 
wie dem internationalen Proletariatbzw. 
anderen sozial revolutionären Bewe¬ 
gungen. 

Aber aus der immanenten Sicht be¬ 
stehen sehr wohl Unterschiede zwischen 

dem spekulativen und dem produktiven 
Kapital, wie an den oben aufgezeigten 
Beispielen veranschaulicht wurde. Die 
widersprüchlichen Interessen zwischen 
dem Finanzkapital und dem Produk¬ 
tivkapital liegen auf der Hand und auch 
die konservativsten Volkswirtschaftler 
wissen, daß sich, langfristig gesehen, 
das Kapital nur durch die Mehrwert¬ 
produktion vermehrt. Spekulationsge¬ 
schäfte zwischen verschiedenen Kapi¬ 
talbesitzern haben immer Gewinner und 
Verlierer. Das mehrwertschöpfende Ka¬ 


pital akkumuliert neues Kapital auf¬ 
grund der Ausbeutung der Lohnarbei¬ 
terinnen. Das ist der wesentliche Unter¬ 
schied. Und den kennen auch alle um 
die Interessen des Gesamtkapitals be¬ 
sorgten Kapitalisten, Bankmanager und 
Politiker. 

So wird auch den obersten Banken- 
aufsehem bei der Bundesbank oder dem 
IWF angesichts dieser Entwicklung 
langsam mulmig. Der Derivatehandel 
hat keine ausreichend eingebauten Si¬ 
cherungen und kann das ganze kapi¬ 
talistische Finanzsystem in den Abgrund 
reißen. Das Prekäre daran ist, daß die 
Banker aufgrund der weltweit ver¬ 
flochtenen Finanzmärkte unddereinge- 
rissenen Grenzen zwischen Währungs- 
, Anleihe-,Zins-und Aktienmarktdurch 
den Derivatehandel nicht mehr durch- 
blicken. 

Diese neue Interdependenz der Fi¬ 
nanzmärkte macht die Märkte zugleich 
“völlig unberechenbar. Was manche 
Vertreter der Finanzaufsicht schon seit 
Jahren befürchtet hatten, fand nun seine 
Bestätigung: Kein Mensch verstand 
wirklich, wie das Finanzsystem funk¬ 
tionierte”, schreibt Gregory Millmann 
über die Turbulenzen nach den milliar¬ 
denschweren Verlusten der Banken und 
US-Fonds 1994 bei einer fehlgeschla¬ 
genen Spekulation auf den US-Zinssatz. 

Der GAU ist möglich 

Die Scheinökonomie der Derivate ist 
“die vermutlich größte aktuelle Be¬ 
drohung des globalen und immer enger 
verflochtenen Weltfinanzsystems” (so 
das Handelsblatt, zitiert nach Der 
Spiegel 12/94). Wenn ein milliardcn- 
schweres Optionsgeschäft einer Gro߬ 
bank platzt, werden die anderen inter¬ 
nationalen Großbanken mit in den 
Strudel gerissen: “Dann schwappt das 
Risiko auf die Börsen, von dort auf die 
Wechselkurse und damit in die reale 
Welt”, so der Präsident des deutschen 
Sparkassenverbandes Horst Köhler. 
“Der GAU ist durchaus möglich”, so 
Köhler (Der Spiegel 12/94). 

Dann würde aus der virtuellen 
(Derivate-)Ökonomie plötzlich eine re¬ 
ale Krisenökonomie. Zwar machen ins¬ 
besondere einige US-amerikanische 
Großbanken wie “J.P. Morgan” oder 
“Salomon Brothers” mit dem Deriva¬ 
tegeschäft derzeit Milliardengewinne. 
Doch auch der Derivatehandel hat wie 
jedes Finanzgeschäft immer Gewinner 
und Verlierer, cs ist und bleibt ein 
“Nullsummenspiel”, wie es das Han- 


[44] SF 3/96 






delsblatt vom 3. Mai 1995 charak¬ 
terisierte. 

Im gleichen Jahr, als die “Morgan- 
Bank” einen Milliardengewinn aus dem 
Dcri vategeschäft einstrich, meldete die 
Südkalifornische Kreisstadt Orange 
County ihre Zahlungsunfähigkeit, weil 
der Stadtkämmerer über 1,6 Milliarden 
US-$ durch Derivatespekulationsge¬ 
schäfte verspielt hatte. 

Nebenbei: Auch die ‘‘normale” Bör¬ 
sen- und Immobilienspekulation besitzt 
eine explosive Kraft. Ein beispielloser 
Spekulalionsboom auf Immobilien und 
Aktien (der mit Krediten finanziert wur¬ 
de) ging in Japan 1990 zu Ende. So war 
allein das Grundstück des Kaiserpalas¬ 
tes in Tokio mehr wert, als das gesamte 
Grund und Boden des US-Bundesstaats 
Kalifornien. Die japanischen Aktien 
verloren binnen 2 Jahren die Hälfte 
ihres Wertes und die japanischen Spar¬ 
kassen blieben aufgrund des zusam¬ 
menbrechenden Immobilienmarktes auf 
mehr als 650 Milliarden DM Kredit¬ 
verlusten hängen. Bankenzusammen¬ 
brüche und ein neuerlicher Konzentra¬ 
tionsschub nebst Milliardenzuschüsse 
durch den Staat waren die Folge. 

Leitplanken sollen das 
System retten 

In der BRD wird seit 1994 an der Ins¬ 
tallierung von “Leitplanken auf der 
Rennbahn” ( 'Handelsblatt ) gebastelt, 
um den potentiellen Zusammenbruch 
möglichst glimpflich zu gestalten: Vor 
Auffahrunfällen, Masscnkarambolagen 
und Schlimmerem schützen aber auch 
Leilplankcn bei menschlichem Versa¬ 
gen nicht. Hier liegt m.E. das Haupt¬ 
risiko bei Derivaten”, so ein deutsche 
Banker im Handelsblatt vom 16. Feb¬ 
ruar 1994. Es geht also angeblich wieder 
nur um das menschliche Versagen. Eine 
Argumentation, die wir nur allzu gut 
von den Befürwortern der Atom- oder 
Gentechnik kennen. Auch bei Derivaten 
•st die (Bank)Technik oder das (Geld)- 
System scheinbar nicht der Fehler. 

Nach der Pleite der Barings-Bank 
sind viele Großbanken dazu überge- 
gangen, ihren Brokern ein maximales 
Risiko und Limit beim Derivatehandel 
zu vorzuschreiben. Doch was passiert, 
"'enn aufgrund von Börsengerüchten 
und plötzlich ausbrechender (zunächst) 
lokaler Wirtschaftskrisen alle verkaufen 
'vollen? Da die Computerprogramme 
keine Psychologie kennen, kann durch 
( üe kursierenden Gerüchte auf dem 
Börsenparkett eine weltweite “zerstö¬ 


rerische Kettenreaktion” binnen Minu¬ 
ten ausgelöst werden. 

Gut, bisheristes nicht zudem zitierten 
Befürchtungen eines weltweiten Kol¬ 
laps des Finanzsystems gekommen. 
Hervorzuheben ist jedoch, daß die wi¬ 
dersprüchlichen Interessen zwischen 
dem spekulierenden Finanzkapital und 
dem produktiven Kapital auch nicht 
durch verschärfte Aufsichts- oder Si¬ 
cherungsmaßnahmen geglättet werden 
können. Sowohl die supranationalen 
Organisationen wie der IWF als auch 
die staatlichen Notenbanken und Re¬ 
gierungen sehen sich bisher nicht in der 
Lage, besagte “Leitplanken” für das 
global agierende Kapital zu entwickeln 
und weltweitvorzuschreiben. Mitneuen 
reglementierenden Gesetzen und Vor¬ 
schriften, wie z.B. Steuern für den Wäh¬ 
rungshandel oder weltweit geltenden 
Publikationsvorschriften über den De¬ 
rivatehandel und einheitlichen Vor¬ 
schriften über die Höhe von Rücklagen 
für die Banken, Verbot von Kapital¬ 
transfers außerhalb des Börsenge¬ 
schäfts, könnte zwar ein effektiveres 
Sicherungssystem installiert werden, 
doch würden solche Vorschriften und 
Kontrollen die eigentliche Attraktivität 
der Globalisierung des Kapitalmarktes 
untergraben: nämlich die völlige Frei¬ 
heit des unkontrollierten Marktes. Ge¬ 
rade diese Freiheit hat der Derivate¬ 
handel im letzten Jahrzehnt entschei¬ 
dend vorangebracht - und zuviele 
machen damit gute Geschäfte. 

Manfred Weber vom Bundesverband 
Deutscher Banken warnte denn auch 
schon vor dem “Aufsichts- und Wett¬ 
bewerbsgefälle” durch eine zu “strikte 
Handhabung” von Kontrollen bei Deri¬ 
vatetermingeschäften an den.deutschen 
Börsen. Dies könne “zu Abwanderun¬ 
gen ganzer Geschäftszweige ins Aus¬ 
land führen”. {FAZ vom 21. Mai 1996) 

Kurz: Supranationale Gesetze und 
Kontrollen verstoßen gegen den “Geist” 
der Globalisierung des Kapitals. Denn 
dieeigentliche Profitquelle für das trans- 
nationale Kapital liegt gerade in der 
Ausnutzung der Differenz von unter¬ 
schiedlichen Gesetzen, Steuern und 
Zinssätzen rund um den Globis. 

Effektive, international gültige Re¬ 
geln und Sicherheitsvorschriften für den 
Derivatehandel wird es erst geben, wenn 
“ein finanzieller Supergau eingetreten” 
ist, so Hubertus Primus von der Zeit¬ 
schrift Finanztest. 


Das Finanzkapital als j 

Vorreiter ! 

. • | 

Das internationale Finanzkapital war j 
der Vorreiter des Globalisierurigspro- 1 
zesses des Kapitals und ist in den 90er ! 
Jahren zum großen Vorbild für das pro- \ 

duktive Kapital geworden. Ohne effek- j 
tive Gegenwehr seitens der Staaten und ! 
der Lohnabhängigen diktiert es derzeit ! 
die Gesetze des globalen Marktes. Das ! 
Finanzkapital muß weder Rücksicht auf j 

eine die Völker und Klassen ruhigstel- ! 
lende Sozialpolitik nehmen, noch dafür ; 

sorgen, daß langfristig ausreichende In- ! 

vesti tionen in die nichtprofitablen Zwei¬ 
ge der Infrastuktur, Ausbildung und 
Gesundheitswesen seitens der Staaten { 

und der Industriekonzeme vorgenom- i 

men werden. j 

Das Finanzkapital ist wieder zum Ur- ! 

sprung des Kapitalismus, des berüch- ! 

tigten Manchesterkapitalismus zurück- ! 

gekehrt, der keine sozialen Verpflich- j 

tungen kennt. j 

Wir können die aktuelle Debatte in i 

der BRD um die Senkung der Lohnkos- j 

ten nicht nur aus der Sicht der Globali- ; 

sierung, der international verschärften j 

Konkurrenz für das bundesdeutsche In¬ 
dustriekapital verstehen, sondern müs- j 

sen diese Debatte auch als Versuch \ 

einstufen, die Profitrate in der Industrie i 

wieder der Durchschnittsprofitrate im . 

globalen Finanzmarkt angleichen. j 

Das produktive Kapital hinterläßt j 

dabei Wüsten der Verelendung, wie 
zuvor in England unter Thatcher so nun , 

in der BRD unter der großen Koalition 
von CDU/SPD. 

Die aktuelle Gefahr liegt m.E. nicht 
in einem drohenden Zusammenbruch 
des Weltkapitalismus, sondern mehr im 
sich ankündigenden Ende des westeu¬ 
ropäischen sozialmarktwirtschaftlichen 
Kapitalismus, der die unterdrückten 
Klassen in begrenztem Maße am Wohl¬ 
stand teilhaben ließ. Dafür schlossen 
die Gewerkschaftsführer über 3 Jahr¬ 
zehnte den Klassenkompromiß. Dieser 
ist jetzt vom Kapital aufgekündigt wor¬ 
den. Der Zwang zur niedrigstentlohnten 
Arbeit und der Kampf ums Überleben 
nimmt wieder ungeheuer zu. Die Zahl 
der “überflüssigen Esser”, der sowohl 
für den Arbeitsmarkt wie für den Ab¬ 
satzmarkt uninteressanten Bürgerinnen 
wird auch in Westeuropa drastisch 
steigen. 


SF 3/96 [45] 






Wer jemals mit der Sandinistischen 
Volksrevolution in Berührung gekom¬ 
men ist, kennt die Abbildungen von 
Augusto C. Sandino und Carlos Fon¬ 
seca. An bundesdeutschen Universitä¬ 
ten sind kürzlich zwei recht unterschied¬ 
liche Arbeiten über die berühmten Nica¬ 
raguaner entstanden. 

Die überarbeitete Habilitationsschrift 
des Historikers Volker Wünderich aus 
Hannoverüberdas Leben Sandinos wird 
in den Rezensionen der (real-existieren- 
den) Nicaragua-Solibewegung begei¬ 
stertgelobt. Und das zurecht: Sie setzt 
sich genau und gründlich mit dem poli¬ 
tischen Werdegang und der Ideenwelt 
des Rebellenführers auseinander und 
zeigt die z. T. erstaunlichen Querverbin¬ 
dungen zu zeitgenössischen politischen 
Strömungen und Denkern auf. Den acht 
chronologisch gefaßten Kapiteln hat 
Wünderich zwei interessante Exkurse 
über das Verhältnis der kommunisti¬ 
schen Parteien zu Sandino und dessen 
spirituelle Vorstellungen beigefügt. 

Sandinos in bisherigen Darstellungen 
meist unterschlagenen esoterischen In¬ 
teressen bestimmten seine Philosophie 
wesentlich und machten sicherlich einen 
Teil seines ungewöhnlichen Charismas 
aus. Wünderich rekonstruiert Sandinos 
Sendungsbewußtsein vor dem Hinter¬ 
grund der ländlichen Volksreligiösität 
und dem Briefwechsel des Partisanen 
mit verschiedenen spirituellen Meistern. 
Wünderich scheut weder hier noch in 
anderen Kapiteln davor zurück, Sandino 
kräftig zu kritisieren. Durch die Darstel¬ 
lung auch seiner Fehler und Schwächen 


wird greifbar, wie schließlich die Ermor¬ 
dung Sandinos und seiner Leute durch 
Somoza straflos möglich wurde. 

Ein besonderer Verdienst dieser poli¬ 
tischen Biographie ist, daß sie wirklich 
spannend geschrieben ist. Das Buch 
eignet sich als Freizeitlektüre, selbst 
Wissenschaftsbanausen kommen zu 
dem Urteil: ‘Läßt sich runterlesen wie 
ein Roman von Hemingway ... 

Stilistisch ist Werner Mackenbachs 
Ausarbeitung leider nicht ganz so 
gelungen, das ‘trockene Brot* der wis¬ 
senschaftlichen Beweisführung bleibt 
den Leserinnen nicht erspart und das 
liegt wahrscheinlich auch einfach am 
Thema: Hier interessiert nicht (wie bei 
Wünderich) das bewegte Leben des 
Revolutionärs Fonseca sondern sein 
theoretisches Konzept und dessen 
Beitrag zur poliüschen Entwicklung in 
Nicaragua. Dennoch wäre eine intensi¬ 
vere Überarbeitung seiner Dissertaüon 
vor der Veröffentlichung wünschen wert 
gewesen, einmal vertut sich Macken¬ 
bach bezüglich Somozas Regierungs¬ 
perioden und an anderer S tel le verwirren 
überflüssige Detailinformationen. 
Trotzdem ist seine Arbeit gut durch- 
strukturiert und lesbar, auffällig ist die 
trotz z.T. schwer übertragbarer Begriff- 
lichkeiten gelungene Übersetzung der 
vielen Zitate. 

Explizites Anliegen Mackenbachs ist 
die Untersuchung der Mitwirkung Car¬ 
los Fonsecas an der Konstruktion einer 
nicaraguanischen Nation im Rahmen 
eines Projektes nationaler Befreiung. 
Mackenbach folgert aus seiner Ana¬ 


lyse, daß Fonseca sich ausschließlich 
auf die soziale Frage bezieht und somit 
zwei wesentliche Widersprüche zenlral- 
amerikanischerGesellschaften, nämlich 
das ethnische und das geschlechtliche 
Problem, unbeachtet läßt. Damit kün¬ 
digten sich erhebliche Konfliktfelder 
während der sandinistischen Regie¬ 
rungszeit schon in ihrer Konzeption an. 

Mackenbach rekonstruiert Fonsecas 
Denken zunächst über seine (bemer¬ 
kenswerten) Stellungnahmen in einer 
Schülerzeitung, seine Art der Verarbei¬ 
tung von Sandinos Schriften und die 
Rekonstruktion der Entstehung des 
Begriffes Sandinismus. Weiterhin un¬ 
tersucht er den Einfluß der kubanischen 
Revolution, vergleicht Fonsecas Ab¬ 
handlungen mit den Stellungnahmen 
Che Guevaras zu verschiedenen zentra¬ 
len Punkten revolutionärer Strategie, 
hinterfragt das Verhältnis zu den realso¬ 
zialistischen Ländern und dem Marxis¬ 
mus und überprüft schließlich den Be¬ 
zug zum konkreten politischen Prozeß 
der FSLN in Nicaragua. 

Dort wo es um den Einfluß der kuba¬ 
nischen Revolution auf die Befreiungs¬ 
bewegung in Nicaragua geht, wird 
Mackenbachs Buch doch noch für die 
Abenteurerinnen in uns interessant, 
denn er berichtet über den ‘konkreten 
materiellen Charakter’ der Beziehun¬ 
gen, für die Che Guevara persönlich 
verantwortlich war. SeineZuständigkeit 
ging bis zur Organisation von Guerilla- 
Aktionen. Guevara selbst war ein Be¬ 
wunderer Sandinos, mit dem er über 


[46] SF 3/96 
















seinen militärischen Ausbilder, einem 
Veteran des spanischen Bürgerkriegs, 
in Berührung gekommen war. 

Nach Guevaras Tod entwickelt Fon- 
seca dessen Gedanken kritisch weiter, 
übemimmtaberweiterhin unhinterfragt 
stark schematische marxistisch- 
leninistische Dogmen. Dennoch zeich¬ 
net sich Fonsecas Gedankengebäude 
im Vergleich zu anderen FSLN-Theo- 
retikem seiner Zeitdurch größere Flexi¬ 
bilität aus. Seine Konzepte sind näher 
an der nicaraguanischen Realität, ob¬ 
wohl er mit Sandino und Guevara eine 
machistische Ignoranz gegenüber der 
Geschlechterproblematik teilt (dieser 
Bereich wird auch bei Wünderich nicht 
erwähnt) und in Bezug auf die ethnische 
Frage sogar hinter Sandino zurückfällt. 

Mackenbach bezieht auch die Zeit 
nach Fonsecas Tod im November 1976 
in seine Überlegungen ein. Über die 
Rolle der zersplitterten FSLN bei den 
Aufständen, die zum Untergang des 
Somoza-Regimes führten, schreibt er: 

“Gerade die Tatsache, daß der San¬ 
dinismus (...) zu keinem Zeitpunkt über 
eine homogene ideologische Basis, noch 
über eine straffe, vereinheitlichte Or¬ 
ganisation verfügte (...),prädestinierte 
Ihn dafür, die politische Hegemonie 
über diese vielfältige gesellschaftliche 
Bewegung (desMassenaufstands gegen 
Somoza; CH) zu gewinnen Daß die 
deutsche Linke das eine ebensowenig 
wie das andere besitzt, sollte jetzt aber 
nicht zu voreiligen Hoffnungen vertei¬ 
len .... 

In beiden Arbeiten findet sich eine 
ernsthafte und kritische politische 
Auseinandersetzung mit den nicaragua¬ 
nischen Denkern und Kämpfern, die 
während der Hochkonjunktur der Soli¬ 
daritätsbewegung oft fehlte (Siehe Ar¬ 
tikel von Rosi Karges in SF 4/95). Ob¬ 
wohl es sich um wissenschaftliche Ar¬ 
beiten und nicht um politische Konzep¬ 
tionen handelt, können aktuelle und zu¬ 
künftige Bewegungen hier Anregungen 

°der gar Maßstäbc finden. 

Pünderich, Volker: Sandino - eine politische 
Biographie, 344 Seiten, broschiert, DM 
36,-, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 
1995. 

^ckcnbach, Werner: Carlos Fonseca und 
der Sandinismus- Studie über den Zu¬ 
sammenhang seiner Gedanken und ihre 
Bedeutung für die Konstruktion der 
nicaraguanischen Nation, 300 Seiten, 
broschiert, DM 48,-, dipa Verlag, Frank¬ 
furt am Main, 1995. 


Wie sind die verschiedenen Herr¬ 
schaftsverhältnisse miteinander ver¬ 
knüpft? Wie wirken Rassismus, Anti¬ 
semitismus, Sexismus, die Benachtei¬ 
ligung Behinderter und Angehöriger 
anderer sozialer Randgruppen zusam¬ 
men und gegeneinander? 

Der Titel “Dominanzkultur” benennt 
das Erklärungskonzept und ist zugleich 
der Leitfaden durch die unterschied¬ 
lichen Abschnitte des Buches: Es geht 
um das vielschichtige Geflecht ver¬ 
schiedener Machtdimensionen, die auf 
unser Denken und Handeln einwirken 
und uns selbst aufgrund ihrer Alltäg¬ 
lichkeit und Allgegenwart zumeist nicht 
bewußt sind. 

Über- und Unterordnung ist in wohl 
allen modernen Gesellschaften grund¬ 
legender und nicht wegzudenkender 
Bestandteil der Sozialisation jeder Per¬ 
son. Unübersichtlich gewordene Macht¬ 
verhältnisse, die sich nicht in einfachen 
Kategorien von Repression und Wider¬ 
stand fassen lassen, verlagern sich als 
normative Orientierungen in die Ein¬ 
zelnen. Die Bereitschaft zur Befolgung 
von Normen wie auch direkter oder 
subtiler sozialer Druck macht jede 
Person zu einer, die gleichzeitig Macht 
ausübt und erduldet. Die alle Lebens¬ 
bereiche einer Person formende Zuge¬ 
hörigkeit (beispielsweise) zu einem 
Geschlecht ist dabei nicht hinreichend, 
das eigene soziale Eingebundensein zu 
erklären: Das Verhalten einer Frau ist 
nicht allein durch die Gegebenheiten 
des Patriarchats festgeiegt, sondern es 
ist auch zu betrachten im Hinblick auf 


ihre Hautfarbe, Nationalität, soziale 
Schicht usw. 

Wer nun mehr über das Aufein¬ 
andereinwirken der verschiedenen 
Herrschaftsverhältnisse wissen will, 
wird zu diesem Wissen bei Rommels¬ 
pacher auf indirektem Weg geführt. Sie 
schreibt zwar über Geschichte, sie be¬ 
schreibt Strukturen sozialen Handelns, 
zum Beispiel gibt es einen historischen 
Überblick über die Geschichte der Ras¬ 
sismen in Deutschland - Antisemitis¬ 
mus, Antislawismus, Antiislamismus, 
Antiziganismus und eugenischen Ras¬ 
sismus. Dem folgen auch Überlegungen 
zu den Funktionen, die diese Ausgren¬ 
zungsmechanismen jeweils hatten und 
haben. Doch als Schlußfolgerungen geht 
es Rommelspacher um eine Einordnung 
der Theorien, die sich mit diesen Ras¬ 
sismen befassen (sofern es in Deutsch¬ 
land solche Theorien gibt). Diese The¬ 
orien - in anderen Kapiteln auch Bilder, 
Einstellungen, Befragungsergebnisse - 
untersucht sie auf die ihnen zugrunde¬ 
liegenden Interessenlagen hin. “Domi¬ 
nanzkultur” ist damit im Ergebnis immer 
der Hinweis auf die immanente Domi¬ 
nanzstruktur dieser, emanzipatorisch 
gemeinten, Diskurse. 

Dazu einige Beispiele: Als Kapitalis¬ 
muskritikerin schaut sie sich selbst und 
den Kolleginnen “über die Schulter”, 
fragt: Was machen wir da eigentlich 
und wozu dient das wirklich? und macht 
so den Rassismus sichtbar, der sich in 
den Ritzen des ökonomischen Univer¬ 
salwelterklärungsversuches verbirgt: 
Indem wirtschaftliche Ausbeutung zum 


SF 3/96 [47] 









Hauptwiderspruch stilisiert wird, ma¬ 
chen Arbeiterbewegte die eigenen Pro¬ 
bleme zum Fokus und halten auf ideo¬ 
logisch unsichtbar gemachte Weise an 
ihren Privilegien gegenüber Migran- 
tlnnen fest. 

Als Feministin verweist Rommels¬ 
pacher auf die durchaus vorhandenen 
Entscheidungs- und Handlungsspiel¬ 
räume von Frauen, die durch feminis¬ 
tische Theorie negiert werden. Weib¬ 
licher Antisemitismus und Rassismus 
in Geschichte und Gegenwart werde so 
durch den Hinweis auf den Druck eines 
angeblich allumfassenden Patriarchats 
moralisch gerechtfertigt. 

An anderer Stelle verweist Rom¬ 
melspacher auf die Macht, die Frauen 
innerhalb der Familie vor allem Kindern 
gegenüber haben. Wenn Frauenforsche¬ 
rinnen die Familie als Ort der Über¬ 
griffe und der Gewalt ausgemacht und 
als ein Gegenmittel das Postulat der 
Parteilichkeit für Frauen entwickelt 
haben, so decken und stützen sie damit 


Der Hindere 

Literaturklub 


« Entdecken Sie jedes Jahr vier Autorinnen 
aus Afrika, Asien und Lateinamerika - vier 
aktuelle Neuerscheinungen (in Übersetzung) 
in attraktiver Ausstattung 

41 Informieren Sie sich in der Zeitschrift 
LITERATURNACHRICHTEN - AFRIKA - ASIEN 
- LATEINAMERIKA viermal jährlich über neue 
literarische Tendenzen in anderen Kultur¬ 
kreisen, über Bücher, Preise und Autorinnen 

n Lassen Sie sich einladen zu Lesungen und 
Tagungen, zum Kennenlernen von Autorinnen 
aus Afrika, Asien und Lateinamerika. 

Der ANDERE Literaturklub ist eine Initiative 
der gemeinnützigen "Gesellschaft zur 
Förderung der Literatur aus Afrika, Asien 
und Lateinamerika e.V.“, die seit 1980 die 
Übersetzung von wichtigen Büchern aus der 
"Dritten Welt“ vermittelt und fördert. 



Der ANDERE Literaturklub 

Postfach 100116 
D-60001 Frankfurt/Main 
Tel. 069/2102-247/250 
Fax 069/2102-227 


das auch von weiblicher Seite her 
Kindern zugefügte Unrecht. Feminis¬ 
tische Theorie wird damit zur affirma¬ 
tiven Konstatierung eines Patriarchats, 
das Frauen nicht nur angeblich jeden 
direkten Einfluß verwehrt sondern sie 
auch der gesellschaftlichen und indivi¬ 
duellen Verantwortung enthebt. 

Als Sozialpsychologin nimmt Rom¬ 
melspacher Therapeutinnen in die 
Pflicht, gesellschaftlich und politisch 
Stellung zu beziehen: Wenn Psycholo¬ 
ginnen die ‘neutrale’ Vermittlerinnen¬ 
rolle zwischen jungen Faschisten und 
von Angriffen betroffenen Migrantln- 
nen einnehmen, machen sie diese zu 
gleichwertigen Kontrahenten in einem 
Konflikt ohne Geschichte. Damit leug¬ 
nen sie reale Geschichte/n von Kolo¬ 
nialisierung und rassistischer Gewalt 
und machen die Angegriffenen für ihre 
Probleme (mit-)verantwortlich. Zu¬ 
gleich bleibt ihnen die Auseinander¬ 
setzung mit der eigenen Dominanz¬ 
position als erklärende oder verstehende 
Expertinnen und als von rassistischen 
Strukturen Begünstigte erspart. 

Die Differenziertheit vor allem der 
feministischen, antikapitalistischen 
(aber auch der psychologischen) Ana¬ 
lysen - so arbeitet sie heraus - leidet 
jeweils daran, daß jede der Sichtweisen 
den ausschließlichen Anspruch auf 
Erklärung der Welt beinhaltet. Die 
Behauptung von Gleichheit (aller Ar¬ 
beiter, aller Frauen, aller Migrantlnnen, 
aller Behinderten) oder der Wunsch 
diese herzustellen ist als Denkschema 
und als Praxis jedoch schon gewal tlätig, 
weil sie Differenzen negiert, verein¬ 
nahmt, Bedürfnisse, aber auch Macht- 
potentiale leugnet. So kranken die em- 
anzipatorisch gemeinten Theorien und 
Praxisentwürfe an ihren eigenen uner¬ 
kannten Dominanzbestrebungen, und 
das heißt, an ihrem affirmativem Bezug 
auf die Traditionen, die sie bekämpfen 
wollen. “Dominanzkultur” ist damit 
auch das Resultat eines Kampfes von 
Aufklärerlnnen und Befreierinnen, die 
sich nicht herablassen, mit “den zu 
Befreienden” und “den Aufzuklären¬ 
den” zu sprechen, um nicht der eigenen 
Überheblichkeit zu begegnen. 

Eine solche Auseinandersetzung mit 
dem eigenen Dominanzbestreben, mit 
machtsichemdem Verhalten und Privi¬ 
legienverteidigung wäre jedoch nach 
Rommelspacher für einzelne wie für 
gesellschaftliche Gruppen notwendig, 
um Grundsätzliches zu ändern. Da jede 


Person beide Perspektiven kennenge- 
lemt hat, die von Über- wie Unterord¬ 
nung, und da das Festhalten an Macht¬ 
positionen persönlich wie gesellschaft¬ 
lich die jeweils Mächtigen von bestimm¬ 
ten emotionalen Ressourcen abschnei¬ 
det, liege es auch im Interesse Privile¬ 
gierter, umzudenken, die Annehmlich¬ 
keiten eines zärtlicheren, solidarischen 
Verhaltens zu suchen und die Anstren¬ 
gung eines ständigen Ringens um An¬ 
erkennung aufzugeben. Doch dies, so 
denke ich, setzt ein großes Maß an 
Selbstreflexion voraus, nötig wäre dafür 
das erwachende Bewußtsein bei Vielen 
über die Quelle eines eher unterschwel¬ 
lig empfundenen oder nur psychoso¬ 
matisch sich vermittelnden Leidens. 
Auch ein solcher Selbstreflexionspro¬ 
zeß ist schmerzhaft - warum ein Leiden 
gegen ein anderes eintauschen, auf 
einem Weg der als konsequenter psy¬ 
chisch wiemateriell ins Unsichere führt'? 

Wieviele können zu - freiwilligen! • 
Anhängern der anstrengenden Sucht 
nach einer Wahrheit und Veränderung 
werden, die das Selbst ebenso wie die 
Gesellschaft betrifft? Zudem würde: 
(auch nach Rommelspachers eigene 
Argumentation) die zu einem solcher 
Prozeß bereiten selbstkritischen Men 
sehen leicht Gefahr laufen, wiederun 
die Anderen zu funktionalisieren, inden 
diese mit ihrer relativen Unterprivile 
gierung zum Spiegel der eigenen Do 
minanzattitüden gemacht würden 
anstatt ihrerseits mit ihren spezifischen 
Problemen wahr- und emstgenommen 
zu werden. Wiegroß ist die Bereitschaft, 
sich einzulassen auf das Gespräch, den 
Austausch, den Streit, das Festhalten an 
auch schwierigen Beziehungen - dies 
alles bei fortgesetzter Offenheit und für 
aufklärerische Selbstkritik und für den 
Verzicht auf eigene Privilegien? Wie 
groß ist die Bereitschaft, dies “szene- 
weit” zu tun (von gesellschaftsumfas- 
send gar nicht zu reden): Wir sollten 
uns aus unseren inneren und äußeren 
Lederjacken schälen. Wir sollten? - Es 
wird kälter. 

Diskussionsveranstaltung mit Birgit 
Rommelspacher am 17.10.1996 im 
"Zentrum ", Hinter der schönen 
Aussicht 11, Frankfurt am Main. 
Genaues Thema und Uhrzeit standen 
zu Redaktionsschluß noch nicht fest, 

Nachfragemöglichkeit für Interessierte: 

069143 8451 

Dagmar Vera Jost 


[48] SF 3/96 











analyse & kritik 

Zeitung für linke 
Debatte und Praxis 

Analysen, Berichte & 
Diskussionen u.a. zu: 

Gruppe blauer Montag über 
Sozialstaat, Globalisierung und 
„moralische Ökonomie“ 
Priebke und die Freude der 

Vergangenheitsbewältiger 

Vereinnahmung des autonomen 
Frauenhaus Kassel durch die AWO 
Wegweiser durch die linke 
Parteienlandschaft in den USA 
Chiapas und die Angst in den 
Metropolen von Detlef Hartmann 
Libanon nach dem Bürgerkrieg 
Englands Freiheit - Irlands Knecht¬ 
schaft? Ein nationaler Mythos 

kostenloses Probeexemplar 
bestellen (Kennwort: Faden) 
bei: 

analyse & kritik, 
Rombergstr. 10 
20255 Hamburg 
Tel.: 040/40170174 

Fax: 040/40170175 

e-mail: ak-redaktion @cl-hh.comlink.de 

°k erscheint vierwöchentlich und ist in linken 
Buchläden und Zeitungskiosken erhältlich. 
Jahresabo DM 90.-. Einzelpreis DM 7.50.- 
_.v, Seiten im Zeitungsformat - 


Aufkleber „gegen den Strom“ 
von „Anarchie“ bis „Zukunft“. 
115 versch. Motive. Prospekt bei 
P.R.O. Peter Rose, 
Herzogstr. 73/IV, 80796 München. 
Wir drucken und entwerfen auch 
nach Euren Vorlagen + Ideen. 
T.089/3081235 Fax 089/3081854 


Am 18Juni 1976 erschien die erste 
Ausgabe der radikal, einer Zeitschrift, 
die heute eine der wichtigsten und weit- 
verbreitesten der autonomen Linken ist. 
Dieses Jubiläum und die Notwendigkeit 
der Repression entgegenzutreten, die 
seit den Durchsuchungen im Juni 1995 
stattfindet, nahmen vier linksradikale 
Verlage zum Anlaß, einen Sammelband 
zu 20 Jahren radikal und zu "Geschichte 
und Perspektiven autonomer Medien" 
herauszugeben. 

Der historische Abriß zur Geschichte 
der radikal ist in drei große Blöcke 
unterteilt, die die Geschichte eines Teils 
der radikalen Linken widerspiegeln: 
Von 1976 bis 1980 ist radikal die 
"Sozialistische Zeitung für Westberlin" 
(so der damalige Untertitel) und das Or¬ 
gan einer breiten Strömung irgendwo 
zwischen Altemativbewegung und -Pro¬ 
jekten, linken Parteien und Bewegungen 
und den militanten Gruppen. 

Ab 1980 weitet sich die Häuserkampf¬ 
bewegung nicht nur in Berlin aus und 
die radikal wird zur "Zeitung für unkon¬ 
trollierte Bewegung", so einer der da- 
nlals oft wechselnden Untertitel. In diese 
Phase, die bis zum Ende der Häuser¬ 
bewegung ab 1982 und der Illegalisie¬ 
rung der radikal 1984 reicht, fällt auch 
der Beginn der bundesweiten Verbrei¬ 
tung. 

Der dritte und bis heute andauernde 
Abschnitt ist der der radikal als aufla¬ 
genstarker bundesweiter autonomer 
Zeitung mit verdeckter Struktur und 
Redaktion. Diese letzte Phase wird in 
einem Artikel, der von zwei Männern 
aus der radikal geschrieben wurde, 
nocheinmal in weitere Abschnitte 
unterteilt: in den Wiederaufbau der 
Strukturen nach der zweiten großen 
Repressionswelle 1986, in die Pause 
1987, in der kein Heft erschien, in eine 
stabile Phase 1988/89 und den ent¬ 
stehenden Konflikt um die Inhalte, der 
sich abEnde der 80erJahre abzeichnete. 
In dieser letzten Phase beginnt auch die 
vermehrte und gewollte Veröffentli¬ 
chung von redaktionellen Artikeln, u.a. 
der sehrguten Serie "Gegen das Ver¬ 
gessen". Die inhaltlichen Konflikte der 
radi-Redaktion und der sie tragenden 


Struktur werden erstaunlich offen the¬ 
matisiert: Sollen z.B. hauptsächlich 
zugeschickte Artikel und, aufgrund der 
verdeckten Erscheinungsweise, Beken¬ 
nerschreiben und Anleitungen veröf¬ 
fentlicht werden? Oder soll die Redak¬ 
tion vor allem selbst Artikel verfassen 
oder auswählen und damit in gewissem 
Sinne "zensieren"? Dieser Konflikt ist 
immer noch ungelöst, es läßt sich aber 
ein Übergewicht der ersten "Fraktion" 
erkennen und schlußfolgern. Ein kurzer 
Artikel thematisiert die Situation von 
FrauenLesben in der Struktur und die 
Präsenz von FrauenLesben und ihren 
Kämpfen in der Zeitung. In diesen 
"historischen" Beiträgen werden immer 
wieder Artikel aus der radikal doku¬ 
mentiert. 

Die zweite Hälftedes Buches handelt 
von - mitautonomerMedienproduktion 
und der Repression gegen die radikal 
zusammenhängenden - Fragen wie 
Flucht und Exil, Zensur, verschiedene 
Begriffe von Öffentlichkeit und enthält 
einlnterviewmit einem der vier Genos¬ 
sen,die am 13. Juni 1995 festgenommen 
wurden und heute in Freiheit auf ihren 
Prozeß warten. 

Dieser Block enthält auch ein ziemlich 
nichtssagendes Streitgespräch zwischen 
verschiedenen Medienschaffenden aus 
der autonomen Bewegung: Wer wüßte 
nicht, daß autonome Infoblätter wie die 
Interim langweilig sind! Ferner gibt es 
hier einen überfliegerhaften Schnell¬ 
durchlauf durch "die" autonome Me¬ 
dienlandschaft ("Subversives Blätter¬ 
rauschen"), ein umfangreiches, wenn 
auch nicht fehlerfreies oder vollstän¬ 
diges Adreßverzeichnis und einen 
kurzen Artikel zu FrauenLesbenzei- 
lungen (ebenfalls mit Adressenver¬ 
zeichnis). Die Verzeichnisse und der 
" B lätterrauschen"-Artikel machen deut- 
lich, daß es doch noch eine große the¬ 
matische und regionale Vielfalt in der 
autonomen Presselandschaft gibt 

Das Buch gibt Genossinnen, die ihre 
erste radi 1980 oder späterin den Händen 
hielten, die Möglichkeit, sich über die 
Zeit und die Zeitung davor (und natür¬ 
lich gleichermaßen danach) sehr aus¬ 
führlich und abwechslungsreich zu 



SF 3/96 [49] 









informieren. Es reizt zum Schmökern 
und es gibt Einblick in die Bedingungen 
und Probleme autonomer Medienpro¬ 
duktion und weckt für diese Verständ¬ 
nis. Denn eine Zeitung kritisieren ist 
weit leichter, als eine bessere zu machen. 
Auch die radikallinken Medienkonsu¬ 
mentinnen sind eben meist Konsu¬ 
mentinnen und nicht Mitwirkende am 
medialen Geschehen. 

Das Buch löst den selbstgesetzten 
Anspruch zu "Perspektiven" zu be¬ 
richten, nicht ein. Wie der Graben 
zwischen derzeitiger Theorie und Praxis 
überwunden werden soll, ja in welchen 
Formen - zu denen Medien gehören - 
"autonome" Theorieproduktion - die 
von vielen Stimmen im Buch gefordert 
wird-, denn stattfinden soll, dies bleibt 
weiterhin unklar. Die Wege zwischen 
ritualisierter Antifa-Politik und aka¬ 
demischen Gender- und Cultural-Stu- 
dies (a lä "Beute") am anderen Pol gilt 
es also auch weiterhin zu suchen und in 
tätiger Aneignung zu beschreiten. Das 
Dilemma, daß Zeitungen, die nahezu 
alle zugesandten Beiträge veröffent¬ 
lichen, den Trend zur Langeweile haben, 
andererseits die Theoriemagazine, die 
hohe Anforderungen an die Autorinnen 
stellen und deshalb (gewollt) viele vom 
Schreiben abschrecken, wird die auto- 
nomeBewegung noch länger begleiten. 

Hier ist die radikal mit ihrem Kom¬ 
promiß ein guter Ausweg. Sie bringt 
neue Gedanken ein, beschäftigt sich 
mit Geschichte und versucht ein Abbild 
der Bewegung zu sein. Die Diskussion 
um die Konzeption geht aber weiter: in 
der im Juni erschienenen radi Nr. 154 
kündigt die Redaktion einen "längeren 
Block zur internen Zeitungsdebatte" für 
die Ausgabe 155 an. Mann und Frau 
dürfen gespannt sein. 

Der Interviewband zur Sozialrevolu¬ 
tionären bewaffneten Gruppe M Bewe¬ 
gung 2 Juni" reicht noch weiter als das 
Buch zur radikal in die Geschichte der 
Linken zurück. In ihm erzählen zwei 
ehemalige Mitglieder von der Zeit vor 
1967/68, den vielfältigen Spaßguerilla- 
und Aneignungsaktionen und der Ent¬ 
führung des Berliner CDU-Politikers 
Peter Lorenz 1975, einer der seltenen 
gelungenen Aktionen zur Befreiung von 
Gefangenen. Die beiden kamen von 
den "Umherschweifenden Haschre¬ 
bellen" zum 2.Juni, lebten illegal und 
saßen von 1975 bis 1990 im Knast. 

Das durch die Interviewform leicht 
zu lesende Buch ist sehr authentisch 


und erzählt aus einer nichtstudentischen 
Sicht. Die Unterschiede in der politi¬ 
schen Ausrichtung und dem Handeln 
zwischen 2.Juni und RAF werden an¬ 
deutungsweise genannt, es fehlen je¬ 
doch theoretische Dokumente des 
2Juni, die derzeit außer in linken 
Archiven nicht zugänglich sind.* Die 
Spaltung des 2Juni in eine Gruppe, die 
zur RAF ging einerseits und einen Teil, 
der die Bewegung repräsentierte, im 
Knast saß oder verschwunden war und 
den 2.Juni dann später auflöste, wird 
nicht dargestellt und inhaltlich begrün¬ 
det. 

Bernd Hüttner 

20 Jahre radikal; Bezug: Verlag Libertäre 
Assoziation, Lindenallee 72, 20259 
Hamburg, 240 S., 29,80 DM 
Ralf Reinders/Ronald Fritzsch: Die 
Bewegung 2.Juni; Edition ID-Archiv 
1995,182 S..18.-DM 

* Anm. der SF-Red.: Hier irrt der Autor 
ein wenig: 

zumindest ein ausführlicher Auszug aus 
einem Originaltext von Ralf Reinders 
M Das Gewaltmonopol wurde durch¬ 
brochen' 1 wurde 1987 im Schwarzen 
Faden nachgedruckt.Ca. 70 Exemplare 
dieser Nr.25 (3/87) des SF sind noch 
immer lieferbar und damit auch für 
Leute, die den Staub der Archive 
scheuen, Öffentlich zugänglich! (5.-DM) 



Daß vor 20 Jahren Ulrike Meinhof tot 
in ihrer Zelle in Stammheim aufgefun¬ 
den wurde, ist allgemein bekannt. Ulrike 
Meinhof ist als Kopf der RAF eine für 
die Geschichte der BRD zu bedeutende 
Person, als daß der Jahrestag von den 
Medien übergangen werden konnte. 

Damit als Todesumstand Ulrike 
Meinhofs nicht nur die offizielle Ver¬ 
sion, die Seibstmordtheorie, die Dis¬ 
kussion um das Ende Ulrike Meinhofs 
bestimmt, legte der Unrast Verlag 
als seinen Beitrag zum Jahrestag den 
Bericht der internationalen Unter¬ 
suchungskommission als Reprint neu 
auf, der 1979 zunächst in Frankreich, 
im gleichen Jahr noch in der BRD er¬ 
schien und in dem eine Gruppe unab¬ 
hängiger Anwälte, Mediziner und Jour- 
nalisten den Ungereimtheiten der offi¬ 
ziellen Untersuchungen zum Tode 
Ulrike Meinhofs nachgingen. Sie führ¬ 
ten stichhaltige Argumente zusammen, 
die den Schluß nahelegen, " daß sich 
Ulrike Meinhof nicht selber erhängen 
konnte ", die weitergehend nahebringen, 
"daß Ulrike Meinhof tot war, als man 
sie aufhängte " und " daß es beun¬ 
ruhigende Indizien gibt, die auf das 


ü tutü 



Die Beute Nr.ll/Herbst 1996 


Dispositive der Macht. Algerien: Die Kriegs¬ 
ökonomie der Maquisards, Louis Martinez • 
Türkei: Islamisten im Rausch der Moderne, 
Tanil Bora • FinOrg: Internet - Börse - Cyber¬ 
space, Bona Splitter. 

Revue Profane: Boris Gröndahl über die 
junge Welt • Yvonne Volkart über Privatismus 
und Kunst • Andreas Fanizadeh über Che 
Guevara ■ Udo Sierck über Schönheit * 

Bolivar Echeverria über Postmoderne und 
Zynismus... 



fi 141 ilWI dlfv v.J 

nirgendwo 

waren 


Ernesto Che Guevara 
und die afrikanische Guerilla 


Taibo II, Escobar, Guerra 

Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren 

Ernesto Che Guevara und die afrikanische 

Guerilla 

»Geheime Dokumente aus Kuba beweisen: kurz 
vor seinem Tod hatte Che Guevara versucht, di 
Revolution nach Afrika zu tragen.« 

Der Spiegel, 41/1995 

»Eine genauere Untersuchung der Episode im 
Kongo wird sicherlich zu einer Neubewertung 
der revolutionären Laufbahn Guevaras führen.* 
FAZ, 18.5.1996 


16 DM im Abo 14 DM Engl, brosch., 253 Seiten, ca. 29,80 DM 



[50] SF 3/96 










Eingreifen eines Dritten im Zusam¬ 
menhang mit diesem Tode Hinweisen ." 

Ein sinnvoller Beitrag, denn in der 
Verlautbarung, Ulrike Meinhof habe 
Selbstmord begangen, schwingt nicht 
nur die Aussage mit, sie habe ihren 
politischen Weg bereut, sondern auch, 
daß ihre Kompromißlosigkeit aufgesetzt 

war und sie ihr als Person nicht stand¬ 
halten konnte. Zwei Aussagen, die sich 
aufgrund des Symbolcharakters der 
Person Ulrike Meinhof auf die gesamte 
radikale Linke beziehen würden, soweit 
sie sich auf Ulrike Meinhof beruft. 

Ein Beitrag, der dennoch zugleich 
ärgerlich ist, denn die Herausgeber des 
Reprints, die Gruppe B.A.M.B.U.L.E., 
verzichten vollständig darauf, den 
Bericht der internationalen Unter¬ 
suchungskommission für die heutige 
Zeit zu nutzen, ihn als das zu sehen, was 
er 20 Jahre nach dem Tod Ulrike 
Meinhofs und 17 Jahre nach seinem 
Erscheinen nun einmal ist: ein zeitge¬ 
schichtliches Dokument. Statt im An¬ 
hang darauf einzugehen, ob und wieweit 
der Bericht der internationalen Unter¬ 
suchungskommission Auswirkungen 
nach sich zog, Reaktionen erhielt, und 
[’ ob sich innerhalb von 20 Jahren, in 
l denen viel über Ulrike Meinhof dis¬ 
kutiert wurde, die Ergebnisse der 
internationalen Untersuchungskom¬ 
mission bestätigt haben, inwieweit sie 



Be t H i a n n I1 . Steinber ge r 

Ein iv ^ oskau Kolyma und zurück 

und a - ra ^' sckes G es P rack über Stalinismus 

VoJ^mitismus mit Barbara Broggini. 

0f t von Jakob Moneta 


s War e eine falsche Annahme, wenn man 


"Es \ , u 

daß es die deutschen Kommunisten 
Krj e „° eni sowjetischen Exil waren, die nach dem 
k a J e ln der SBZ, dann in der DDR zum Zuge 
be n h n '^ ur ganz wenige sind am Leben geblie- 
Fra,’, naben die Lager überstanden, wie meine 
u u id ich.« 


8obun(ji 


en -144 Seiten, 24 DM 


1 0972 Berlin 


angefochten wurden, ob nicht neue 
Erkenntnisse aufgetaucht sind etc., statt 
darauf einzugehen, wiederholtB.A.M.- 
B.U.L.E. die seit20 Jahren unveränderte 
Parole Freiheit für die politischen 
Gefangenen und schickt einen Aufruf 
des deutschen Initiativkreises Libitad! 
nach, der im altbackenen Flugblatt- 
Jargon zur Solidarität mit allen 
politischen Gefangenen aufruft; ohne 
natürlich den Aufruf durch mehr als die 
üblichen Parolen zu begründen. Es ist 
möglich, daß B.A.M.B.U.L.E. davon 
ausgeht, in 20 Jahren BRD-Geschichte 
hätte es seit dem Tod Ulrike Meinhofs 
keine politische Entwicklung gegeben; 
und daß das Stadtguerilla-Konzept sich 
nicht schon vor längerem als gescheitert 
herausgestellt hätte. Der Bericht der 
internationalen Untersuchungskom¬ 
mission wäre bestens geeignet gewesen, 
in eine Diskussion über zeitgenössische 
Modelle revolutionären Widerstands 
einzusteigen und den Blick über den 
Tellerrand des Anachronismus RAF zu 
wagen. B.A.M.B.U.L.E. als Herausge¬ 
ber bevorzugten, aufzuzeigen, wie ver¬ 
knöchert die deutsche Linke tatsächlich 

ist Martin Droschke 

B.A.M.B.U.L.E. (Hg.): Der Tod Ulrike 
Meinhofs. Bericht der Internationalen 
Untersuchungskommission. Reprint, 
mit einem Anhang. Unrast-Verlag, 
Münster 1996, 117 S„ 14,80 DM. 


Edelweisspiraten 

Seit Jahren geht Hellmut G. Haasis 
freiheitlichen Bewegungen vor allem - 
aber nicht nur - in Südwestdeutschländ 
nach. Immer wieder trifft er auf Zeug¬ 
nisse verschütteter Geschichte. Aus 
diesen Funden heraus sind auch die 
vorliegenden Geschichten entstanden 
- Geschichten voll fröhlicher Mi߬ 
achtung der Obrigkeit. Erzählt wird von 
rebellischen Bauern im österreichischen 
Mühlviertel und im Vorarlberg, über 
Ausbruch und Flucht der weithin ver¬ 
gessenen Revolutionäre J. Venedey und 
Carl Dittler, aber auch über die Edel- 
wei sspiraten - dort wird auch der Bogen 
zum heutigen S taat und seinen geheimen 
Diensten geschlagen. 

Am erstaunlichsten ist aber die Er¬ 
zählung über die Freie Republik der 
spottlustigen Erdarbeiter in Berlin 
("Rehberger"), in der die unbändige 
Kraft zum Vorschein kommt, die geist¬ 
reiche Phantasie entwickeln kann. 
Nichts wär heilig in dieser ungewöhn¬ 
lichsten und subversivsten Republik, 
die sich ja auf deutschem Boden befand. 
Denkbar "undeutsch” wie sie waren, 
erinnert heute nicht einmal ein Gedenk¬ 
stein an diese spaßigen Revolteure. 

Ja, so muß Geschichte geschrieben 
sein - frisch, als wenn es grad gestern 
gewesen wäre, springen uns hier die 
Revoluzzer entgegen, ganz anders als 
im Schulunterricht, der schon so man¬ 
chem das Interesse an Vergangenem 
gründlich ausgetrieben hat. 

Gerald Grüneklee 


Hellmut G. Haasis: Edelweisspiraten. 
Erzählungen aus dem Untergrund der 
Freiheit, Trotzdem-Verlag, Grafenau 
1996, 158 S., 20.-DM 



ist eine Zeitschrift von F.e.I.S 

Einzelpreis 6 DM 
Abopreis (4 Hefte) 24 DM 

Redaktion, Abos, Vertrieb: 
Arranca c/o Buchladen 
Schwarze Risse j- 

Cneisenaustraße 2a h , 

1096t Berlin *! 

Tel: 030/6155458 

Nr.O Organisation * Nr.l Lernprozesse ★ 
Militanz * Nr.4 Resümee - Bis hierher u 
Roses ★ Nr.6 Realsozialismus I * Nr.7 Real: 
* Nr.9 Vietnamesinnen in Berlin (ZAG - \ 


•imat der Sklaven 
Aufstand! 


.erscheint im August'96 













“Die Stimmung ist gut ...Wir singen neue Lieder, 
machen politisch korrekte Witze,...” 

p.m. als Rodulf von Gardau in: Die Schrecken des Jahres 1000. Roman.Bdl 
rotpunktverlag 312 S.,geb., 36,-DM 


Literatur mit libertären Inhalten sind 
relativ rar, vor allem erfolgreiche und/ 
oder gute Bücher. Daß aber politisch 
aktive Menschen - wie p.m. nun mal 
einer ist - “nebenher” auch noch gro߬ 
artige Bücher schreiben können, beweist 
sein neuestes Werk “Die Schrecken des 
Jahres 1000”, von dem nun Band 1 (von 
insgesamt 5 Bänden) vorliegt. 

Immer wieder fallen wir auf Begriff- 
lichkeiten herein. Soz.B. “Mittelalter”; 
wenn das Mittelalter um die Jahr¬ 
tausendwendeexistiert hätte, wären wir 
jetzt wohl rein rechnerisch (mal wieder) 
dem Ende nahe. Das Mittelalter wird 
auch gerne als eine dunkle Epoche dar¬ 
gestellt, um den technischen Fortschritt 
bis hin zum nuklearen Männlichkeits¬ 
wahn, uns besser verkaufen zu können. 
Eine Epoche als Zeit der “Aufklärung” 
zu deklarieren heißt, die Menschen, die 
davor lebten zu Dummköpfen zu erklä¬ 
ren. So etwas nennt p.m. “Histo-ras- 
sismus”, denn: “Eine Korrektur der 
patriarchalen Geschichte wäre damals 
genauso gut möglich gewesen wie 
heute.” (S .7) Die Menschen waren nicht 
dümmer, nicht uninformierter als heute. 
Auch die Natur war nicht wilder: “Die 
Schrecken der Natur sind, ähnlich wie 
die Schrecken des Jahres Tausend, 
Greulpropaganda zur Stützung des 
patriachalen Projekts. Das Grauen der 
Männer vor der >Natur< (Mutter, Frau, 
Sexualität usw.) ist in Wahrheit das 
Grauen vor dem, was sie selbst ange¬ 
richtet haben.” (S. 310) 

Menschliches Handeln ständig mit 
Zeitumständen, und Sachzwängen, 
Ethnie und/oder Religion zu entschul¬ 
digen, kann nicht mehr geltend gemacht 
werden, wenn wir den Traum von einer 
herrschaftslosen Gesellschaft nicht 
aufgeben, und diesen Planeten vor seiner 
endgültigen Zerstörung bewahren wol¬ 
len. Inzwischen geht es ums Ganze, und 
darum, ob wir als Menschen die Ge¬ 
schichte selbst in die Hand nehmen, 
oder dem Diktat einiger Blindfische 
unterliegen, und den Planeten in die 
Mülltonne befördern wollen. 

Das Buch ist starker Tobak, nicht ohne 
Humor und Unterhaltungswert, bietet 




es eine Fülle von Informationen über 
eine Zeit, die uns unendlich weit weg zu 
sein scheint, und doch stehen wir heute, 
an der zweiten Jahrtausendwende, nicht 
anders da als unsere Vorfahren. Mög¬ 
licherweise habe die Menschen des 
Jahres 1000(sie wußten nichtmal genau 
in welchem Jahr sie waren, aber wen 
interessiert das denn eigentlich, wenn 
es nur darauf ankommt, wann die Aus¬ 
saat erfolgen muß, und wann geerntet 
werden muß) eine größere Chance be¬ 
sessen uns vor dem irrwitzigen “Fort¬ 
schritt” zu bewahren, dessen Nutzen 
manche auch schon seit 200 Jahren 
anzweifeln. “Der Fortschritt? Was für 
eine altmodische Verkrampfung!” 
(S.93) Aber letztendlich sind wir ge¬ 
nauso lahmarschig wie unsere Vor¬ 


fahren, oder haben wir weniger Kriege, 
weniger Hungersnöte, weniger reli¬ 
giösen Fanatismus? Nein, es ist alles 
schlimmer. Wer glaubt, daß es der 
Menschheit heute besser gehen würde 
als vor tausend Jahre gerät in Argu¬ 
mentationsnöte. 

Als Rodulf von Gardau führt p.m. das 
Leben eines kleinen Ritters im Reich 
der Franken, eingebunden in die Hier¬ 
archie der Feudalgesellschafl (die ihre 
Nischen hatte, wie jede andere Gesell¬ 
schaftsform auch). Als sein Lehen an 
ein Kloster verkauft wird, schlägt er 


sich auf die Seite von aufständischen 
Bauern, deren “Tannenbaum-Bewe¬ 
gung” das gesamte Reich erfaßt und in 
einer entscheidenden Schlacht mit dem 
Heer von Otto III. bei Aachen wird die 
Geschichte, wie wir sie bisher kennen, 
über den Haufen geschmissen. “Alles 
ist möglich außer einer beweist das 
Gegenteil.” (S. 135) 

Die Aufständischen siegen vorerst, sie 
verhindern ein Fortschreiten der mone¬ 
täre Ausbeuterwirtschaft, sie stoppen 
die patriarchalen Machtvorstellungen. 
Sie lassen sich nicht mehr in eine 
“Geopolitische Falle” führen, indem sie 
etwa glauben, daß sogenannte Reiter¬ 
völker sie bedrohen: “Es hat gar nie 
‘Reitervölker’ gegeben, denn vom Rei¬ 
ten kann niemand leben, auf Pferden 
kann man nicht gebären. Hingegen 
wollen alle Völker die Welt sehen. Erst 
wenn man uns an dieser Sightseeing 
hindert, werden wir ‘schrecklich’ und 
zuReitervölkem.” (S. 93) Das Gleiche 
galt wohl für die Wikinger. Die Furcht 
vor ihnen lag wohl eher in ihrer demo¬ 


kratischen Stammesorganisation, und 
daß sie sich mit den Bauern über brach¬ 
liegendes Land verständigen könnten, 
um es zu beackern. 

So tappen wir von einen Irrtum zum 
nächsten und schleppen den Ballast des 
Versagens immer weiter mit uns herum, 
und schlimmer noch, wir geben ihn 
weiter an unsere Kinder in den Ge¬ 
schichtsbüchern, die oftmals vor Fäl¬ 
schungen nur so wimmeln, und die eine 
Geschichte uns vermitteln, dienichtdie 
unsere ist, sondern die weniger Herren, 
die in ihrem Wahn meinten Geschichte 



[ 52 ] SF 3/96 


Foto: Herby Sachs/Version 













machen zu müssen. Wenn wir unseren 
Eltern noch vorgeworfen haben, daß 
sie während der Nazizeit geschwiegen, 
oder gar mitgemacht haben, so werden 
unsere Kinder uns vorwerfen, daß wir 
nicht genügend getan haben, um den 
atomaren Wahnsinn zu stoppen. Es gibt 
keine Entschuldigungen, weder für 
unsere Vorfahren, noch für uns. 
RealistischePhantasietutnot. Das Buch 
sollte an Stelle der bisherigen Ge¬ 
schichtsbücher an unseren Schulen zur 
Pflichtlektüre werden. 

knobi 

Anmerkungen 

Zitat von Seite 193 des besprochenen 
Buches. Bei den weiteren Zitaten stehen 
die Seitenzahlen dahinter in Klammem. 

Neben zahlreichen Pamphleten, Artikeln 
und Büchern arbeitete p.m. aktiv in der 
Hausbcsetzcrlnnenszene von Zürich 
mit, bei dem damaligen “Karthago- 
Projekt”. Z.Zt. bemühen sich einige 
Menschen in Zürich um das Projekt 
“KraftWcrk 1”, auch eine Art bolo’bolo- 
Projekt. Näheres dazu in: KraftWerk 1 
- Projekt für das Sulzer-Escher Wyss 
Areal”. Paranoia City Verlag Zürich 
o.J./94S./20,-DM 



Vor 60 Jahren war in Spanien Revo¬ 
lution. "Seit den Tagen der Kommune 
0871) gab es kein Ereignis für die 
europäische Arbeiterbewegung, das so 
viele, so vielfältige und so umstrittene 
Mythcnbildungen hervorgerufen hat" 
(S.8) wie der zeitgleich ausgebrochene 
ßürgcrlnncnkrieg. Ein Buch, das sich 
mit diesen Mythen, Übertragungsfeh¬ 
lern und -kalkulationen beschäftigt, 
bliebccinzig von historischem Interesse, 
'väre das der einzige Bezugspunkt: die 
c uropäische Arbeilcrlnnenbewegung. 
denn was sich von den Streiks in Frank- 
r eich Ende 1995 bis zu den Demos 
Segen Sozialabbau in Deutschland heute 
un Abwehrkämpfen formiert, hat mit 
Spanien 1936erstcinmal weniggemein¬ 


sam. Zu anders die Verhältnisse, die 
Ausmaße und zu verschieden auch die 
Ziele der Bewegung(en), um aus einem 
Vergleich einfach praktische Nutzan¬ 
wendungen für heute ziehen zu können. 
Wie viele Schriftstellerinnen seinerzeit 
war George Orwell 1936 als Journalist 
nach Barcelona gekommen. Dort fand 
er nach eigenen Schilderungen eine Si¬ 
tuation vor, in der die Menschen "end¬ 
lich aufgehört hatten, sich wie Räder- 
chen in der kapitalistischen Maschi¬ 
nerie" zu verhalten (in "Mein Katalo¬ 
nien", S.164). Er schloß sich der anti¬ 
faschistischen Miliz an. DieFragenach 
den Konsequenzen für das eigene Han¬ 
deln jenseits kapitalistischer Betriebs¬ 
ordnungen, gerade so allgemein gegen 
das Räderwerk formuliert, läßt einige 
Mythen als "Orientierungsversuche in 
der Orientierungslosigkeit" (S.7) wieder 
relevant werden und hält die Aus¬ 
einandersetzung darum lebendig. Selbst 
wenn es dann tote Jubiläumszahlen (60 
Jahre) sind, die zur Neuauflage solcher 
Bücher ("Mythen des Spanischen 
Büprgerkriegs") Anlaß geben, freut’s 
mich. 

Die Behandlung der verschiedenen 
Er-und Verklärungen der damaligen 
Ereignisse gestaltet sich in dem Auf¬ 
satzband ebenso vielfältig, wie die Arten 
und Ausmaße der Mythen selbst. Walter 
L. Bernecker und Rudolf de Jong er¬ 
läutern in ganz unterschiedlicherForm, 
warum das Scheitern der sozialen 
Revolution nicht nur auf die äußeren 
Bedingungen des Krieges und den 
Vormarsch der Faschisten/Falangisten 
einerseits und auf die Politik der 
Volksfront, speziell der Stalin-treuen 
Kommunistischen Partei andererseits 
zurückzuführen sei. Auch das "Loch in 
der anarchistischen Theorie" (Helmut 
Rüdiger), nämlich das Verhältnis zwi¬ 
schen herrschaftsfreiem Anspruch und 
konkreter Machtausübung, wird neu 
ausgeleuchet und bewertet. Während 
Bemecker den Regierungseintritt der 
Anarchistinnen klar als Anfang vom 
Ende der Revolution ausmacht, geht es 
de Jong mehr um die Beobachtung des 
gesamten Problems. Auch deshalb, um 
für andere vernachlässigte, konkrete 
Aspekte des damaligen Klassenkampfes 
und der neuentstandenen "Staatsbour¬ 
geoisie" überhaupt wahrnehmen zu 
können. Das Wesentliche aber sei, so 
de Jong, "daß man sich widersetzt hat" 
und etwas ganz Neues wollte, nicht 
der Ausgang des Kampfes".(S.77) 



Foto: Herby Sachs /Version 

Auch in anderen Zusammenhängen 
werden die inneren Widersprüche der 
anarchistischen Bewegung nicht zur 
Denunziation des einen oder anderen 
Wegs herausgearbeitet. Denn vielleicht j 

ist ja selbst die beschriebene Alternative 
"Massenmobilisierung versus Regie¬ 
rungseintritt" ein Mythos und die ent¬ 
scheidende Frage vielmehr: wie kann 
der immer wiederkehrenden Bestäti¬ 
gung der Analyse, daß Institutionen, j 

gerade staatliche, Selbstorganisation 
und -Verwaltung verhindern, begegnet j 

werden? I 

Was ich am Anarchismus so liebe, ist 
seine Grundsätzlchkeit, oder, was 
natürlich besserklingt,seineRadikalität. i 

Und so radikal die Theorie, so krass und i 

fundamental geben sich dann auch die l 

Widersprüche. Zum Beispiel Feminis- i 

mus. Beim Mythos der Befreiung der j 

Frauen aus der sozialen Ungleichheit j 

patriarchaler Verhältnisse übernehmen j 

Friederike Kamann und Karin Busei- j 

meier genau die Rolle, die erste noch j 

vehement ablehnt, nämlich als Frauen I 

"den weiblichen Part der Geschichtsbe- \ 

trachtung zu übernehmen" (S.105). j 

Obwohl das Vorwort noch betont, daß i 

es sich gerade bei den Mythen über j 

Krieg und Revolution immer auch um , 

Männerphantasien handelt, sucht man/ , 


SF 3/96 [ 53 ] 










frau in den Männerbeiträgen fast ver¬ 
geblich nach antisexistischen Aspekten. 
In dem ansonsten detailreichen Text 
über Deutsche Emigranten von Patrick 
von zur Mühlen geht es wirklich nur um 
Emigranten, und uns bleibt die beson¬ 
dere Situation von emigrierten Frauen 
leider vorenthalten. 

Obwohl es um die Umwälzung des 
sozialen Lebens, nicht nur ökonomi¬ 
scher sondern aller Herrschaftsverhält- 


Foto: Herby Sachs/Version 


nisse ging, hatte die anarchasyndikali- 
stische Frauenorganisation "Mujeres 
Libres" ein Problem, das sie mit Femi- 
nisteinnen selbst noch in heutigen Polit- 
kreisen verbindet- auf für uns Genossen 
unrühmliche Weise. Nämlich immer 
wieder betonen zu müssen, daß sie die 
Bewegung nicht spalten, sondern stär¬ 
ken und erweitern wollten/wollen. Daß 
es 1936 keinen antipatriarchalen Um¬ 
sturz gegeben hat, braucht kaum betont 


zu werden. Die "30er Jahre" und ein 
Land voller Machos machen allerdings 
die Inhalte undForderungen von damals 
umso erstaunlicher: eine Kritik der Ehe 
als "öffentlich sanktionierte Form der 
Prostitution" hat es gegeben ebenso wie 
die Kritik an der Abwertung bzw. Nicht- 
Beachtung der weiblich zugeordneten 
Hausarbeit als Fundament funktionie¬ 
render Ökonomie. Und in Wolfgang 
Haugs Beitrag über die Milizen taucht 
ein Satz auf, der in diesem Kontext 
doch wieder zu einer "was wäre, wenn 
damals..."-Annahme verleitet: "Auch 
nebensächlich scheinendeMomente wie 
beispielsweise die Tatsache, daß Män¬ 
ner in einer Bauersfamilie kochen, in 
der trotz anarchistischer Theorie die 
Rollenverteilung zwischen Männern 
und Frauen sehr feststand, verdeutlicht 
den Sozialrevolutionären Charakter des 
Milizsystems". (S.41) Eherechts- und 
Hausarbeitsdebatten hätten nicht erst 
durch die Frauenbewegung der 70er 
ansatzweise Verbesserungen gebracht 
und die Idee von Rollentausch und- 
verwirrung hätte vielleicht nicht erst 
mit Judith Butler und "queering" in den 
90em aufkommen müssen. Ganz abge¬ 
sehen davon, daß eventuell die Selbst¬ 
verständlichkeit kämpfender Frauen in 
den Milizen die blöde Forderung heu¬ 
tiger Reformfeministinnen nach Frauen 
im Militärapparat erspart hätte. Wenn 
ja, wenn Militarisierung und Männer¬ 
kumpanei sich als vermeintlich not- 
wendigeTaktiknichtdurchgesetzt hätte. 

Alles Spekulation, Mutmaßungen, 
doch die halten sich in bescheidenen 
Grenzen, wenn berücksichtigt wird, daß 
es beim Widerstand gegen männlichen 
Überlegenheitsdünkel um nicht weniger 
ging (und geht) als um die Befreiung 
des Alltags. "Wenn die Revolution die 
Veränderung der Gewohnheiten ist, 
dann beginnen wir auch hier (bei Ehe 
und Beziehungen, Anm. d. Verf.). Aber 
bald," forderten die Mujeres Libres. 

Daß die proletarischen Feministinnen 
nicht an den Zielen und theoretischen 
Ansprüchen heutigen Radikalfeminis¬ 
mus zu messen sind, wie Kamann 
schreibt, kann das Aufflackem des kul¬ 
turrevolutionären »Fanals«, das von 
damals ausgeht, nicht wegpusten. Di¬ 
rekte Interessenvertretung ohne Ver- 
milllungsinstanz, das ist so lebensnah 
und läßt jede Strategie als aufgesetzt 
und mit stetem Hang zum Totalitären 
erscheinen. Leben und Politik fallen 
hier zusammen. 


Das Buch zum Film: 

LAND and FREEDOM 

Ken Loachs Geschichte aus der Spanischen Revolution 
Film - Diskussion - Geschichte - Regisseur 

Mit Beiträgen von Victor Alba, Jim Allen, Annett Busch, 
Antonio Casteilote, Andy Durgan, Jürgen Enkemann, Ulrich 
Gregor, Holm-Detlev Köhler, Arthur Lehning, Georg 
Seeßlen, Christian Semler, Reiner Wandler u.a.; mit Dreh¬ 
buchauszügen, Fotos u.einem Interview mit Ken Loach 

Jn meinen Geschichten stehen die Menschen im Vorder¬ 
grund ; ihre Konflikte und wie sie der Widersprüchlichkeit des 
Lebens begegnen. Nichts ist aufregender für mich, als das 
Gesicht eines Menschen zu sehen und die Gefühle, die sich 
darin widerspiegeln(Ken Loach) 

Erscheint Ende September 1996, 214 Seiten, 29,80,- DM 
edition tranvia - Postfach 303626 -10727 Berlin 


[54] SF 3/96 










Der Poptheoretiker Greil Marcus hat 
diese Situationen, in denen Gott und 
der Staat und ihre Maßstäbe zerbrökelt 
und untauglich geworden sind - und 
dazu zählt er auch den Juli 1936 in 
B arcelona - als diejenigen beschrieben, 
in denen die Frage nach dem Sinn des 
Lebens die einzig interessante ist. 

Kein Wunder also, daß die Linke den 

Spanischen Bürgerinnenkrieg nicht 
vergessen kann. Weitere Gründe dafür 
benennt Reinhold Görling als Obses¬ 
sionen des Bürgerinnenkriegs. Traum 
und Trauma liegen hier, in Spanien 36- 

39 sodicht beieinander, so komprimiert 
treffen Welten und ihre Interpretationen 
aufeinander, daß es trotz oder bei allem 
postmodemen Wissen angemessen er¬ 
scheint, von einem epochalem Ein¬ 
schnitt, von einem exemplarischen Er¬ 
eignis zu sprechen. In vier Thesen 
schreibt Görling sehr anschaulich und 
einfühlsam vom alten revolutionären 
Traum, der vom Glück für alle handelt 
und noch einmal alle - Intellektuelle 
und Arbeiterinnen aus ganz Europa - 
zum Handeln mobilisieren kann. Und 
vom Trauma, jenem, die "Rinden- 
schichten des Bewußtseins" (Sigmund 
Freud) durchbrechenden Schlag, den 
nicht nur die revolutionäre Linke hat 
einslecken müssen, sondern der bis in 
die Literatur Schweigen und Vergessen 
zur Überlebensstrategie hat werden 
lassen. In der Gleichzeitigkeit von 
"Hoffnung und Verzweiflung, Brüder¬ 
lichkeit und zynisch skrupellosem 
Machtspiel" (S.166) lägen Mythos und 
Aktualität von Spanien 1936 zugleich. 



Dieses Buch ist auch zur Einführung 
geeignet, weil, wie in jedem guten Buch, 
erklärt ist, worüber geschrieben wird, 
und weil es wirklich unzählige kleine 
Anstöße gibt, die zu Parallelen erwei¬ 
terbar sind. Die Aktualität findet sich, 
wie gesagt, im Fundamentalen, dem 
Nein zum Beispiel, das R. de Jong betont 
und in dem sich das Ya Basta einer 
zapatistischen Befreiungsbewegung 
heute zweifellos spiegelt: das Verbin¬ 
dende und das Besondere, auch das 
Libertäre daran ist vielleicht, "daß es 
der sozialen Revolution in Spanien nicht 
um politische Macht ging, sondern um 
einen Prozeß, der Bewahrung und V er- 
änderung zugleich ist, um eine Verge¬ 
sellschaftung der Veränderung" (S.162) 


Foto: Herby Sachs/Version 


Seitenhieb zum Schluß: daß der anar¬ 
chistische Trotzdem-Verlag in der 
zweiten Auflage weder Tippfehler noch 
Druckbild verbessert hat, ist verzeihlich 
gerade im Vergleich: ebenfalls zum 
zweiten Mal, ebenfalls anläßlich 50/60 
Jahren Revolution erscheint bei Ele¬ 
fanten Press "Spaniens Himmel" als 
bestes Beispiel für das, was an Mythen¬ 
bildung kritikwürdig und selbstkritisch 
zu reflektieren ist. Hier gibt es nur eine 
"Wahrheit”, und dieistkommunistisch, 
so daß der Besserwisseroberkommi 
Hermann L. Gremliza allen Ernstes 
einleitet mit der Behauptung, daß jeder 
"sogenannte freiheitliche, demokra¬ 
tische oder libertäre Sozialismus" im 
Dieristeder kapitalistischen Mehrwerte¬ 
gemeinschaft stehe. Aber das Cover ist 
bunt. 



Buenayentura Petz 

Thomas Kleinspehn und Gottfried Mergner 
(Hg.)' Mythen des Spanischen Bür¬ 
gerkriegs; Trotzdem Verlag, Grafenau 
1996 (l.Aufl. 1989); 170S.,26.-DM 



SF 3/96 [55] 








organ ^Ibfthe 
ANARCHIST BLACK CROSS 


Verlagsgruppe Cuddon's Cosmopolitan 
Review zusammen, aus der dann später 
dieintemationalerevolutionär-anarchi- 
stische Zeitschrift Black Flag hervor- 


lichen Überreste wurden in einem 
Leichenwagen, der von zwei schwarzen 
PI erden gezogen wurde, ins Lewisham 
Krematorium gebracht. Eine Jazzband 



Nachruf 

Albert Meitzer ist tot 

Am 7.Mai 1996 ist in London Albert 
Meitzer im Alter von 76 Jahren gestor¬ 
ben. Meitzer war eine der herausra¬ 
genden Figuren der englischen und in¬ 
ternationalen anarchistischen Bewe¬ 
gung. Geboren am 7.Januar 1920 in 
London, gehörte er seit dem 15.Lebcns- 
jahr der anarchistischen Bewegung an. 
Kurz nachdem er sich den Anarchisten 
anschloß, brachen in Spanien die Revo¬ 
lution und der Bürgerkrieg aus, was ihn 
dazu bewog, die internationale Unter¬ 
stützung für die Kämpfer der CNT/FAI 
zu organisieren. Und auch nach der 
Niederlage der Spanischen Republik 
(1939) blieb er den spanischen Liber¬ 
tären eng verbunden und unterstützte 
sie in ihrem Untergrundkampf gegen 
das Francoregime. 

In der Nachkriegszeit half Meitzer in 
London die anarchistische Bewegung 
wiederaufzubauen und gründete die 
Union anarchistischer Gruppen. 1953 
wurde er Herausgeber der Zeitschrift 
The Syndicalist und gründete zusammen 
mit Albert Graee und Philip Sansom 
das Anarcho-Syndikalistische Komitee. 
Kurze Zeit später arbeitete er mit der 


ging- 

1970rief Meitzer das Anarchist B la ck 
Cross ins Leben, das sich der Unter¬ 
stützung libertärer Gefangenen in aller 
Welt widmete. Zu seinen engen Ge¬ 
nossen und Mitarbeitern gehörten hier¬ 
bei der im Londoner Exil lebende spa¬ 
nische Anarchist Miguel Garcia und 
der aus Schottland stammende Stu ar t 
Christie. Auch an der Gründung der 
CateBush Library war Meitzer beteil igt. 
SeinenLebensunterhalt verdienteersich 
u.a. als Buchhändler und später als (tech¬ 
nischer) Angestelllter des Londoner 
Daily Telegraph. Albert Meitzer war - 
wie die Gruppe um Black Flag insge¬ 
samt — in der englischen Bewegung 
nicht unumstritten. Fast legendär ist der 
jahrzehntelange (und bisweilen sehr 
ätzend ausgetragene) Konflikt mit der 
Gruppe um die Londoner Freedom 
Press. Während letztereeinen modernen 
pragmatischen Anarchismus vertrat, 
propagierten Meitzerund Genossen eher 
die traditionellen revolutionären Kon¬ 
zepte. Mcltzerstand in weltweitem Kon- 
taktmitzahReichen anarchistischen und 
antifaschistischen Militanten. Kurz vor 
seinem Tod sind seine Memoiren er¬ 
schienen unter dem Titel "I Couldn’t 
Paint Golden Angcls. Sixty Years of 
Commonplace Life and Anarchist 
Agitation" (AK Press, San Francisco, 
USA 1996). Zwanzig Jahre zuvor hatte 
er bereits unter dem Titel "The Anar- 
chists in London 1935-1955" eine kür¬ 
zere autobiographische Skizze vorge- 
legt. Von seinen diversen Veröffent¬ 
lichungen ist in deutscher Übersetzung 
1978 das Buch "Internationale Soli¬ 
darität" (Verlag Impuls, Bremen; jetzt: 
bei den Anares-Gruppen beziehbar) 
erschienen, eine Darstellung der revo¬ 
lutionären anarchistischen Bewegung 
in Europa von 1945 bis 1973. 

Meitzer blieb bis zu seinem Tod ein 
Aktivist der internationalen anarchi- 
stischcn Bewegung. 

Die Beisetzung von Albert Meitzer 
erfolgte am Freitag, den 24.Mai um 12 
Uhr im Londoner Lewisham-Kremato- 

rium. Ein Jahr zuvor hatte Albert für 
den Fall seines Ablebens verfügt, daß 
seine Beisetzung "mitFröhlichkeitzele- 
briert" werden sollte und entsprechende 
Mittel dafür bereitgestellt. Seine sterb¬ 


führte den Trauerzug an, der ca. 230 
Leute zählte. An Stelle eines "Trauer¬ 
redners" war ein Komiker engagiert 
worden, der von der Kanzel Witze er¬ 
zählte. Als der Sarg mit Alberts Leich¬ 
nam in den Verbrennungsofen gefahren 
wurde, ertönte der Song von Marlene 
Dietrich "See what the boys in the 
backroom will have". 

Jochen Schmück 



Bibliographie 

Stuart Christie & Albert Meitzer: The 
floodgates of anarchy, 160 S., London 
1970 

Albert Meitzer (Hg.): The international 
revolutionary solidarity movement 
(Europa 1945-1973), 1976 

Albert Meitzer: The anarchists in London 
1935-1955, 1976 

Albert Meitzer (Hg.): A New world in our 
hearts: the faces of Spanish anarchism, 
1978 


[56] SF 3/96 







Die anarchistische Jugend 
in Wuppertal 1929 ■ 1945 
III. Teil 


mil 


von Dieter Neiles 







Vv 


Überleben im Krieg 1939 bis 1945 


./ 


in der Weltwirtschaftskrise “unter un¬ 
menschlichen Bedingungen ein 
menschliches Leben zu führen”. 1 

Während des Nationalsozialismus 
kam zur ökonomischen Misere die 
politische Unterdrückung hinzu. Doch 
konnten sie auch unter diesen er¬ 
schwerten Bedingungen bis zu ihrer 
Verhaftung im Jahre 1937 ihren 
politischen und sozialen Zusammen¬ 
hang wahren. Mit der Entlassung aus 
dem Zuchthaus waren sie dem Zugriff 
der Gestapo und der NS-Behörden 


phiert hatten. Sie wurden mit der 
Auflage sich bei der SA zu melden ent¬ 
lassen. Oberhemm und Schmitz wurden 
zwangsweise SA-Mitglieder und bei 
“Verdunkelungskontrollen” eingesetzt. 
Diese Gelegenheit nahmen sie wahr, 
um auf Plakate Parolen gegen den Krieg 
zu drucken. 5 

Hans Schmitz war im April 1939 als 
erster aus dem Zuchhaus entlassen 
worden. Die ersten vier Wochen ver¬ 
brachte er im “Krankenhaus zur Regc- 



Bis 1933 und mit Einschränkungen bis 
zu den Verhaftungen im Jahre 1937 
kann die Geschichte der SAJD-Mit- 
glieder weitgehend kollektiv geschrie¬ 
ben werden. Ihr starker Gruppenzu¬ 
sammenhalt und ihr politisches Enga¬ 
gement befähigten diese Jugendlichen 


weiterhin ausgesetzt. “Wir fühlten uns 
nicht als Herrenmenschen”, schrieb A. 
Benner, “sondern als arme Heloten, als 
willenlose und machtlose Werkzeuge 
von Wahnsinnigen.” 2 Welche Konse¬ 
quenzen ‘unvorsichtiges’ Verhalten für 
sie haben konnte, soll an folgenden 
Beispielen verdeutlicht werden. E. 


nierung”. Schmitz bekam ein Arbeits¬ 
verbot für Industrie- und Rüstungsbe¬ 
triebe und wurde “unter Tariflohn” in 
der “Lohndreherei” eines Parteimit¬ 
glieds angestellt. Der Zufall wollte es, 
daß er dort einen Leidens- und Gesin¬ 
nungsgenossen fand.: “Karl Rath war 
auch erst 3 Monate auf freiem Fuß, war 



Benner wurde bei einem Arbeitseinsatz 
bei Krupp mit “erneutem KZ” gedroht, 
weil er einem russischen Kriegsgefan¬ 
genen seine Butterbrote gab. 3 H. Sick¬ 
mann wurde im August 1942 bei der 
NSDAP-Leitung in Unterbarmen ge¬ 
schlagen, weil er auf seiner Arbeitsstelle 
auf den Hitler-Gruß geantwortet hatte: 

Der wohnt nicht hier.” 4 P. Oberhemm 
und H.Schmitz wurden im Sommer 
1940 einige Tage von der Gestapo in 
Köln festgehalten, weil sie aus Leicht¬ 
sinn einen abfahrenden Zug fotogra- 


1 Jahr und 6 Monate aus dem Verkehr 
gezogen worden wegen Körperver¬ 
letzung. Er sagte mir: ‘Angeblich habe 
ich im Dellbachtal einen Hitlerjungen 
verprügelt und die Gitarre über den 
Kopf gezogen.’ (...) Wir mußten uns 
beide täglich außer sonntags bei der 
Gestapo meiden. Nach Feierabend 
achteten wir beide darauf, daß wir nicht 
gleichzeitig zum Rapport erschienen. 
Wir mußten sie ja nicht mit der Nase 
darauf stoßen, daß wir uns kannten. 
‘Nur Körperverletzung und Gestapo, 
das geht doch nicht zusammen, fragte 
ich’. Karl grinste: ‘Die löchern mich, 
wollen unbedingt wissen, wer Geier ist. 
Ich bin sonntags Wanderspitzel’. Erst 
nach circa vier Wochen, vor der Him¬ 
melfahrtswanderung nach Beyenburg 
sagte mir Karl, daß er selbst der von der 
Gestapo gesuchte legendäre Geier ist.” 
So bekam Hans Schmitz Kontakte zur 


Foto: Wolfgang Müller 


SF 3/96 [57] 








_’ttiih ■ ^ 

L Zuchthaus Herford noch einmal von 
Justizbeamten mißhandelt, weil er sich 
weigerte Zuchthauskleidung anzuzie¬ 
hen und kam danach in die Dunkelzelle. 
Nach Meinung von Schmitz hatte Hahn 
bewußt“verrückt” gespielt. Hahn wurde 
|nach Beendigung seiner Zuchthaus- 

f strafe nach Galkhausen verlegt._ 

|H. S. floh im November 1944 aus dem 
Zuchthaus in Remscheid-Lüttringhau¬ 
sen, weil er auf ein Minensuchboot ver¬ 
frachtet werden sollte. Er lebte kurze 
| Zeit illegal in Duisburg und kehrte dann \ 
wieder nach Wuppertal zurück. Über 
fp| sein Überleben bis zur Befreiung schrieb | 

llr «vir:«. \ir:u :— Kio 1 ’ 4 


en “Wiedas Wild im Wald habeich bis > 
zum Einmarsch der Alliierten im Walde rV ! 


'i/X 


»J 


M t' : 




K... 


Elberfelder “Piraten-Jugend”, der er sich ► we br zu Beginn des Krieges, für Ober- 
anschloß. Nach seiner Haftentlassung^ * hemm und Schmitz durch ihre kurz¬ 
kam auch noch Oberhemm (Möd) hinzu f fristige Verhaftung im Sommer 1940. 
und Hans Kirschey (Knabe)schloß sich ggg August Benner wurde im Jahre 1941 
ebenfalls der Gruppe an. “Im Sommer l|9 aus dem Zuchthaus entlassen. Daß er 
39 wafen wir fast jedes Wochenende ab @ n i°ht ins KZ überwiesen wurde, ver- 
Samstagnachmittag mit Geier unter-1,? j dankte er den Bemühungen des Zucht¬ 
wegs. Ich stieg zur abgemachten Zeit B hausdirektors in Münster. Ein vom ^ 
mit Knabe in die Schwebebahn, unter- §||Zuchthausdirektor unterstützes Gna- * 
wegs nach Vohwinkel stiegen immer p dengesuch wurde von der Gestapo Wup-j 
wieder Jungen und Mädel in karierten "pertal abgelehnt, weil er sich bis zu 
Hemden zu. In der Straßenbahn nach all seiner Verhaftung als “gefährlicher, 

Benrath war auch plötzlich Geier mit [|^unverbesserlicher, politischer Ver- 
seiner Gitarre da und stimmte Wander-Mbrecher” gezeigt habe. 6 Hermann 

# lieder an. Auch die Fuhrmannstücher L Sickmann und Gustav Krüschedt wur- 
wurden aus der Tasche gezogen und als Bilden Ende 1942 in das Strafbataillon 999 
Halstücher umgebunden. Von Benrath | Jeingezogen. Sickmann kam schon 

zogen wir in kleinen Gruppen von 3-6 IBb Anfang Mai 1943 in amerikanische |j|| kampiert. Mit einer schweren Nieren- 
| Jugendlichen nach Urdenbach Ausleger Gefangenschaft. Gustav Krüschedt war L .^entzündung und Wasser im ganzen Kör- 

• (Fährstelle nach Zons). Wir lagerten “zunächst in Südfrankreich stationiert K ' 1 
1 auf den umliegenden Rhein wiesen, tra- J|und kam von dort aus nach Albanien. 

I fen hier auch öfter mit den Kittelbach- ||g|Dort kam er 1944 in Gefangenschaft. 

I piraten zusammen. Unsere Lieder waren SP Fritz Krüschedt wurde nach Beendigung 
I vom Originaltest leicht verändert. Das i|| seine Zuchhausstrafe in das KZ-Sach- 
#Riesengebirgslied zum Beispiel endete gl senhausen eingeliefert. Im Herbst 1944 
I mit: ‘Höre Rübezahl, was wir Dir kla- ^gehörte er zu den rund 770 KZ-Häft- 
| gen, Volk und Heimat sind nicht mehr ^lingen,dieindieberüchtigteSS-Sonder- 
1 frei, schwing die Keule wie in alten WformationDirlewanger gepreßt wurden. 

I Tagen, schlag der HJ die Knochen ent- g^Schon bei ihrem ersten Fronteinsatz 
1 zwei. Ein Lied vom Bauernaufstand Ipkonnten schätzungsweise 500 Mann, 

I des Mittelalters wurde gern gesungen iplunter ihnen F. Krüschedt, zu den sow- 
1 - - u T ^ Fetischen Truppen überlaufen. Von den 

sowjetischen Stellen wurden sie aber 
nicht als Widerstandskämpfer, wie sie 
sich selbst verstanden, sondern als 
Kriegsgefangene behandelt. Bis Mitte 
1947 wurden nur die ehemaligen KZ- 


1111 





und da waren noch Jonys Kneipe, die 
Bergvagabunden, Schwarze Barbara. 
(...) Es war viel Wandervogel - Berg¬ 
steigerund Seefahrer-Romantik, die wir ^ 
mit Absicht verbreiteten, um Jugend¬ 
liche von der HJ wegzulocken. Außer¬ 
dem lockten die Mädels die HJ Jungen 
(■Nit kleinen Flirts. Viele HJ-ler waren 
das ständige kommandiert werden satt, 
so blieb es nicht aus, daß sie das Braun¬ 
hemd auszogen und ein kariertes an. 
Wir duldeten sie in Uniform unter uns, 
nur wenn sie kommandieren oder kon¬ 
trollieren wollten, gab es Prügel.” Die 
Jugendlichen trafen sich an verschie¬ 
denen Orten des Bergischen Landes 
(meist an Talsperren) oder auf den 
Rheinwiesen bei Zons. Die meisten 
kannten sich nur mit Spitznamen und 
auch für die Treffpunkte gab es einen 
in temen Code. Die Teilnahme an diesen 
Fahrten war für die ehemaligen SAJD- 
| Mitglieder nicht ohne Gefahr. Weil sie 
über keine Papiere verfügten, war jede 
Kontrolle durch den HJ-Streifendienst 
mit einer handfesten Prügelei verbun¬ 
den. 

Für Hans Krischey endeten diese Fahr- 
ten mit seiner Einberufung zur Reichs- 


I Häftlinge entlassen, die wegen Krank¬ 
heit oder Invalidität arbeitsunfähig wa¬ 
ren. Zu letzteren gehörte F. Krüschedt, 
der im September 1945 nach Deutsch¬ 
land zurückkehrte. 7 
Hermann Hahn sollte die Freiheit nicht 
mehr erleben. Er wurde 1940 in der 
Provinzial-Heil und Pflegeanstalt Galk¬ 
hausen ermordet. Überdessen Schicksal 
schrieb A. Benner.”Haba wurde in der 
Irrenanstalt Galkhausen durch Spritzen 
umgebracht. Ob Haba wirklich nicht! 
mehr ganz richtig war oder nicht, ist bis 
heute zweifelhaft. Beim Prozess war er 
noch ganz frech. Er wurde gefragt, ob 
er noch etwas zu sagen hätte. Haba 
sprach ‘Quark’ und setzte sich! Der! 
Senats-Präsident Massenez lief blau an 
vor Wut und Haba wurde böse geschla¬ 
gen im Gerichtsgefängnis Duisburg.” 8 
Danach sprach Hahn kaum noch ein 
Wort, auch nicht mit seinen Genossen. 
.Laut H. Schm itz, wurd e Hahn 


im: 


per erholte ich mich dann in einem 
m Krankenhaus,” 9 

4Fritz Benner und Helmut Kirschey’ 
erhielten als Flüchtlinge in Schweden! 

% keine Aufenthaltsgenehmigung und in| 
den ersten Jahren auch keine Ar¬ 
beitserlaubnis. Sie lebten von deri 
Unterstützung ihrer schwedischen^ 
■jGenossen und von gelegentlichem 
J| illegalen Beschäftigungen. 10 Im Februar 
PS 1940 wurde Benner als feindlicher! 1 Jpj| 
Ausländer in dem ehemaligen Arbeits-1 
erziehungslager Langmora interniert. 11 " 
Dort trat er in einen 15-tägigen Hun¬ 
gerstreik, der Aufsehen in der schwedi¬ 
schen Presse erregte. Nach einer kurzen 
Inhaftierung wurde er entlassen. 12 Unter 
illegalen Bedingungen setzten Benner 
und Kirschey den Widerstand gegen 
den Nationalsozialismus in Schweden 
fort. Seit dem Spanischen Bürgerkrieg 
hatten die deutschen Anarchosyndika¬ 
listen Kontakte zur Internationalen 
Transportarbeiter Föderation (ITF), die 
während des Krieges intensiviert wur¬ 
den. Die ITF unter Führung des Hol¬ 
länders Edo Fimmen war die aktivste 
gewerkschaftliche Berufsintemationale 
im antifaschistischen Widerstand. 13 
Über ihre Aktivitäten schrieb Kirschey: 

“Im Frühjahr 1941 kam Fritz Benner 
von Stockholm auf Besuch und erzählte, 
daß er und Rüdiger mit der norwegi¬ 
schen Widerstandsbewegung Zusam¬ 
menarbeiten viader britischen Botschaft! 
und dem Presseattache. (...) Man beab¬ 
sichtige Propagandamaterial an| 
deutsche Seeleute zu bringen, die zahl- P® 
reich nach Göteborg kamen, und weiter fa 
wollte man versuchen, dieses Material| 
lauf die deutschen Eisenbahnzüge mit| 








!ü 

W/m 


^deutschen Soldaten zu bringen, die über 
Göteborg nach und von Norwegen gin- 
! gen. Er erzählte mir, daß die ITF mit- 
einbezogen wäre, u.a. Edo Fimmen, 
dessen Rolle mir bekannt war. Ich habe 
dann angefangen, deutsche Seeleute hier 
anzusprechen und auszuhorchen, ob es 
Antifaschisten unter ihnen gab, aber 
auch mündliche Propaganda fand man 
wichtig. (...) 1942 kam ein Kurier, ein 
schwedischer Redakteur der syndika¬ 
listischen Zeitung ‘Arbetaren’ zu mir. 
Er war mehrere Male vorher bei mir zu 
^Hause gewesen, aber dieses mal war er 
Jin Panik und erzählte, daß die schwe¬ 
dische politische Polizei ihn beschat- 
I %ete und er bat um Hilfe seinen Koffer 
m 'voll mit Material los zu werden. Wenige 
; jTage danach wurde ich ich aber morgen s 
*^um 7 Uhr nach einer gründlichen Haus- 
[Untersuchung verhaftet unter dem Ver¬ 
dacht! unerlaubter Nachrichtendienst, 
Jleine Verschwörung des Wortes Spio- 
% nage. Man beschuldigte mich, an uner¬ 
laubter Tätigkeitgegen Deutschland und 
Norwegen beteiligt zu sein. (...) Sie 
fanden natürlich nichts für sie anwend¬ 
bares, ich wurde aber 2 Wochen lang 
intensiven Kreuzverhören ausgesetzt 
JjjjUnd es zeigte sich, daß der Stockholmer 
Redakteur, Einar Strahle auch verhaftet 
/orden war. Nach einem Hungerstreik, 
er der Presse bekannt wurde, wurde 
:h nach 2 Wochen Haft entlassen. Man 
tgte mir bei einem Verhör, daß das 
elefon der Polizei warm liefe von 

mrufcn des deutschen Generalkonsu- 
ats wegen meiner Aktivitäten.(...) Ich 
konnte Fritz übrigens für seine Arbeit 
gute Kontakte mit Eisenbahnern ver¬ 
schaffen, diese versteckten Flugblätter 
u.a. in Toilettenpapier. Wenn die 
Soldaten sich den Hintern abputzten, 
kamen sic ein Flugblatt mit An- 
cisungen, wie die Hitlerwehrmacht 
schädigt und damit dem Krieg ein 
nde gemacht werden könne. 14 
he Gestapo war über diese Aktivitäten 
urch einen V-Mann informiert. 15 Bei 
-m von Kirschey erwähnten Presse- 
tache der britischen Botschaft handelt 
s sich um Peter Tennant, der neben 
ieser offiziellen Funktion, der Leiter 
cs britischen Geheimdienstes in 
ehweden war. 16 Die Zusammenarbeit 
dt dem britischen Geheimdienst war 
r die Emigranten mit keinerlei poli- 
schen Konzessionen verbunden. So 
onntc Bennercrst 1949 nach Deutsch¬ 
en riVkkrhren und Kirsche^ * 




äs*® 




« 

flf» 


iS 

wm 

y 


Sf 

8§b 


erst 1950 eine Einreisegenehmigung. 
Kirschey begründete gegenüber dem 
Verfasser die Zusammenarbeit mit den 
Engländern folgendermaßen: “Als Hit¬ 
ler auf der Höhe seiner Macht war, hätte 
ich auch mit dem Teufel zusammenge¬ 
arbeitet gegen den Faschismus.” 17 

Nachkriegszeit 

|Es bedarf keiner besonderen Erwäh¬ 
nung, daß die militärische Niederlage 
NS-Deutschlands für die noch lebenden 
Mitglieder der S AJD als Befreiung ge¬ 
sehen und empfunden wurde, unab¬ 
hängig davon, wo und unter welchen 
Bedingungen sie die Befreiung erlebten: 
in alliierter Kriegsgefangenschaft, in 
der schwedischen Emigration oder in 
Wuppertal. 

A. Benner und H. S. waren in den 
antifaschistischen Ausschüssen aktiv. 
Sie waren als ‘Polizisten’ bei den Be¬ 
satzungsbehörden angestellt und such¬ 
ten in dieser Funktion ehemalige Ange¬ 
hörige der Gestapo und hohe Würden¬ 
träger der NSDAP. 18 In den antifaschi¬ 
stischen Ausschüssen schien für kurze 
Zeit die Einheit der Arbeiterbewegung 
verwirklicht. “Im Zuchthaus träumten 
wir von der Einheit. (...) Neues wollten 
wir schaffen, aber dieser Traum, vor 
allem aller jungen Antifaschisten, ist 
nicht in Erfüllung gegangen.” 19 A. 
Benner, W. Tacken und trotz seiner Er¬ 
fahrungen in der sowjetischen Kriegs¬ 
gefangenschaft auch F. Krüschedt 
wurden Mitglieder der KPD. “Die be¬ 
sten gingen zur KPD. (...) Richtig warm 
werde ich nicht. Wenn ich wollte, könnte 
ich Funktionen bekleiden. Können wir 
nicht viel tun, daß wir sorgen, daß ein 
freiheitlicher Geist bleibt? Ihre Fehler 
geben sie zu! Mehr wie die SPD.” 20 
Unter dem Eindruck des Spanischen 
Bürgerkriegs hatte sich F. Benner zu 
einem entschiedenen ‘Anti-Kommuni- 
sten’ entwickelt, trotz derTatsache,daß 
er sich mit vielen deutschen Kommu¬ 
nisten “immer noch durch gemeinsame 
Erlebnisse in der Illegalität und in den 
Konzentrationslagern verbunden fühl¬ 
te.” 21 Nicht zuletzt unter dem Einfluß 
der anarchosyndikalistischen Emi¬ 
granten in Schweden trennten sich die 
drei Wuppertaler Anarchosyndikalisten 
von der KPD. Bis Anfang der 50er 
Jahre waren sie in der ‘Föderation Frei¬ 
heitlicher Sozialisten’ oganisiert. Die 
Aktivitäten dieser Gruppe, in der ehe- 


W; W 


I 


um 


Iip6 FAUD-Mitelieder sich zusam-i 


men gefunden hatten, waren fast aus 
schließlich auf die Herausgabe einer 
Zeitung konzentriert. 22 Auf die politi¬ 
sche Entwicklung Nachkriegsdeutsch-1 
lands konnte diese kleine Gruppe keinen t 
Einfluß nehmen. Für die Sozialrevolu¬ 
tionäre Strömung der Arbeiterbe¬ 
wegung, jenseits von sozialdemokra¬ 
tischem Reformismus und stalinisti- 
schem Kommunismus, die sie reprä¬ 
sentierten, fand sich nicht nur in 
Deutschland keine Basis mehr in der 
Arbeiterbewegung. 

Aber entscheidend kam hinzu, daß 
Folter, Haft und die materiellen Ent¬ 
behrungen der Nachkriegszeit Spuren 
hinterlassen hatten. Aber nicht nur “die 
faschistischen Banden” und “Hunger! 
und Kälte” hatten ihnen einen Teil “jener 
Energie” geraubt, “die die Quelle des 
Lebens ist”, 23 sondern auch die Haltung 
der deutschen Bevölkerung, überdie A. 
Benner schon 1946 verbittert schrieb: 
“Millionen erklärten uns für Idioten, 
weil es keinen ‘Zweck’ mehr hätte. 
Weil man sich ‘fügen’ müsse! (...)Und 
dieselben Millionen, die uns damals als 
verrückt erklärten, mißgönnen uns heute 
diekleinen Vorteile und schimpfen über 
die KZler. Traurig aber wahr! 24 
Anmerkungen 

1 Weil, Simone: Unterdrückung und Frei¬ 
heit (1987), S. 59. 

2 A. Benner anF. Benner, 21.7.1946, in: 
ESG, Archiv Rocker, Nr. 234. 

3 Ebenda. 

4 Stadtarchiv Wuppertal, Wiedergut¬ 
machungsakten, Nr. 12059. 

5 Schmitz: Widerstand. 

6 HSTAD, RW 58, Nr. 31198. 

7 Vgl. Stadtarchiv Wuppertal, Wieder¬ 
gutmachungsakte, Nr. 11648; Klausch, 
Hans-Peter: Antifaschisten in SS-Uni¬ 
form. Schicksal und Widerstand der 
deutschen politischen Häftlinge, Zucht¬ 
haus und Wehrmachtgefangenen in der 
SS-Division Dirlewanger, Bremen 
1993. 

8 A. Benner anF. Benner, 17.7.1946, in: 
ÜSG, Nachlaß Rocker, Nr. 234. 

9 Brief von H. S. an Fritz Benner (o. D.), 
ebenda. 

10 Über deren Lebensbedingungen im 
schwedischen Exil existiert noch ein 
umfangreicher Briefwechsel im AAS: 
Nachlaß Rüdiger und SAC undimllSG: 
Nachlaß Rüdiger. 

11 Zu den Internierungen vgl Peters, Jan: 
Exilland Schweden, Deutsche und 
schwedische Antifaschisten 1933 -1945, 
Berlin-Ost 1984, S. 137 - 150. 

12 Vgl. F. Benner an SAC, 28.3.1940, in: 
AAS, Bestand SAC. FI. Vol. 2. 


■ v 


jfc. -■ . : t' ■. - :? *■ 



SSa 


m 

m 


Foto: Wolfgang Müller 








13 



14 

15 

16 


17 

18 


19 

20 
21 

22 


23 

24 


Vgl. dazu Willy Buschak, Arbeit im 
kleinsten Zirkel. Gewerkschaften im 
Widerstand gegen den Nationalsozia¬ 
lismus, Hamburg 1993, Hermann 
Knüfken: Über den Widerstand der In¬ 
ternationalen Transportarbeiter Föde¬ 
ration gegen den Nationalsozialismus 
und Vorschläge zum Wiederaufbau der 
Gewerkschaften in Deutschland - zwei 
Dokumente 1944/45, eingeleitet von 
Dieter Nelles, in: 1999 , Zeitschrift für 
Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahr¬ 
hunderts, 7. Jg„ H. 3, S. 64 - 87. 
Helmut Kirschey* an Dieter Nelles, 
22.10. 1990. 

Vgl. V-Mann Berichte in: Bundesarchiv 

Koblenz, R 58, Nr. 337. 

Vgl. die Erinnerungen vonTennant, in 
denen er auch auf seine Kontakte zu 
deutschen Emigranten eingeht.Tennant, 
Peter: Touchlinesof War, University of 
Hüll Press 1992. 

Kirschey an Nelles, 22.10. 1990. 

A; Benner an F. Benner, 17.7.1946; H. 
S. an . Benner (o.D.), in: ÜSG, Archiv 
Rocker, Nr. 234. 

A. Benner an F. Benner, 26. 7. 1946, 
ebenda. 

A. Benner an F. Benner, 21.7.1946. 

F. Benner an Rudolf Rocker, 11. H* 
1945, ebenda. 

Vgl. Bartsch, Günther: Anarchismus in 
Deutschland, 1945-1965, Bd. 1, Han¬ 
nover 1972. 

Weil: Unterdrückung und Freiheit 
(1987),S.60. 

A. Benner an F. Benner, 22.8.1946, in: 
ÜSG, Archiv Rocker, Nr. 234. 


Zum Verständnis der Philosophie 
von Max Stirner: 

Prof. Dr.Hans Sveistrup: 

Stirners drei Egoismen 
2.Aufl. 14.80 DM 

Der besondere Wert dieser Arbeit liegt darin, 
daß in ihr sehr präzise erläutert wird,was 
Stirner wirklich gesagt und gemeint hat. 

ESPERO-Sonderhefte: 

Markus Henning 
Max Stirners Egoismus 
Zum 150 Erscheinungsjahr von 
"Der Einzige und sein Eigentum”, 5,00 DM 

Alfredo Bonanno: 

Max Stirner und der Anarchismus 

Deutsche Erstausgabe: Aus dem 
Italienischen von Egon Günter, 6,00 DM 

ESPERO 

Forum für libertäre Gesellschafts- und 
Wirtschaftsordnung 

(Probesendungen gegen 2,00 DM Briefmarken) 
Bestellungen: 

c/o Uwe Timm, Wulmstorfer Moor 34b, 
21629 Neu Wulmstorf 


Forum für libertäre 
täfaimationen 
- HL Treffen - 

Für aile(3)s, die noch nie dort waren und es 
sich doch jedesmal wieder fest vornehmen... 
... die anderen kommen sowieso! 

Im späten Herbst vom 27.11. - 01.12.96 nach 
Wiesen im Spessart! 

Kostenpunkt je nach Möglichkeiten um die 

100 ,- 

Infos und Anmeldung bei sowie 
Themenvorschläge an: 

Meeuw 

Postfach 3643 
26026 Oldenburg 


[60] SF 3/96 




mimmr 




Bellmans 
gatan/^ r '|| 

CO 

m 

p m 

i /f i 

^Km ..wr i O §§ 

4g2?“' ¥ ö 

O! 

" 1 M 

Die 

Geschichte 
eines 





Vorgeschichte 

Eine Sache, die mich während der 
Jugendrevolte und Maiereignisse 1968 
erfreut und verwundert hatte, war das, 
was ich die Wiederkehr des Anarchis¬ 
mus nenne. Die anarchistischen Ideen, 
die in das Bewußtsein der syndikali¬ 
stischen Bewegung cinflossen und die 
•eh selber mehr als ein Jahrzehnt lang 
a m Leben zu halten mitgeholfen hatte, 
erreichten nun immer mehr Menschen. 
JJie Vorstellung von einer Gesellschaft 
* n freier Zusammenarbeit ohne Hie¬ 
rarchien und Obrigkeit wurden nicht 
’ängcr als Kindereien abgetan. Andere 


Zeitungen als “Arbetaren” sprachen 
vom Anarchismus. Andere Verlage als 
“Federativs” gaben Bücher anarchis¬ 
tischer Denker heraus. Norstedts Verlag 
machte den Anfang und gab sowohl 
Daniel Cohn- Bendits “Linksradikalis¬ 
mus” als auch Daniel Guerins “Der 
Anarchismus” heraus. Bonniers Verlag 
folgte dem Trend mit “Die Anarchisten 
im Klassenkampf’, einer Anthologie, 
die von Bengt Ericsson und Ingemar 
Johansson redigiert wurde. Andere 
kommerzielle Verlage hängten sich an, 
denn nun konnte man offensichtlich 
mit dem verketzerten Anarchismus Geld 
verdienen. Ein ganzer Teil der klassi- 


Foto: Sabine Streich 

sehen anarchistischen Literatur wurde 
neu herausgegeben. 

Als spezifische Bewegung ist der 
Anarchismus in Schweden seit einigen 
Jahrzehnten beinahe verschwunden 
gewesen. Historisch gesehen entstand 
er aus dem Jungsozialismus der Jahr¬ 
hundertwende, aber als die jungsozia¬ 
listische Bewegung 1910 praktisch in 
der SAC aufging, sammelten sich 
diejenigen, die dennoch eine spezifische 
Organisation haben wollten, im Anar¬ 
chistischen Propagandaverband. Als ich 
1953 in die syndikalistische Bewegung 
kam, gab es ihn immernoch. Manchmal 
hörte ich Leute bei “Arbetaren” her¬ 
ablassend über diese Altanarchisten 
sprechen. Wenn ichmichrechterinnere, 
zog der Verband bald nach Göteborg 
um. Die allgemeine Auffassung war, 
daß eine spezifische Organisation nicht 
nötig war, weil es doch die SAC gab. 
Aber jetzt waren andere Zeiten. Beinahe 
überall tauchten anarchistischeGruppen 
auf und eine anarchistische Förderation 
wurde gebildet. Nicht alle gehörten ihr 
an, es gab viele Varianten des Anar¬ 
chismus, alte und neue. Einige huldigten 
den alten Lehrmeistern (Proudhon, Ba- 
kunin, Kropotkin), andere hatten Ra- 
vachol -einen franuzösichen Arbeiter, 
der in den 1890er Jahren wegen eines 
Attentates hingerichtet wurde- zum Idol. 
Wieder andere verwarfen sowohl Tra¬ 
ditionen, Lehrmeister als auch Haus¬ 
götter. Zu den letzteren gehörten Hippies 
und Situationisten, zwei sehr unter¬ 
schiedliche Bewegungen. Einige hul¬ 
digten Drogen. 

Anfangs stand ich außerhalb dieser 
verzweigten Bewegung, in Anspruch 
genommen von Schreibarbeiten: In 
erster Linie dem Redigieren des Ma¬ 
terials aus Paris, aber ich hatte ebenso 
einen Übersetzungsauftrag für Daniel 
Guerins“Anarchismus” vom Norstedts 
Verlag übernommen. 


Der Kurs 

Plötzlich griff ein Kamerad namens 
Wii ly in mein Leben ein, auf eine Weise, 
die große Folgen haben sollte. Willy 
war Taxifahrer und deutscher Herkunft, 
er war aktives SAC-Mitglied und ge¬ 
hörte zum Studienkomitee des Stock¬ 
holmer Ortsvereins. Zu der Zeit besuchte 
er Vertrauensleuteschulungen, deswe¬ 
gen trafen wir uns manchmal in der 
SAC- Zentrale. Willy hatte sich vor- 


SF 3/96 [61] 








sie am meisten interessiert. Dann konnte 
man sich versammeln und einander 
berichten, was man gelernt hat. Etwa in 
diesem Stil war das. Welche Themen 
der Plan umfaßte habe ich vergessen, 
aber unausweichlich in aller Interesse 
war dann die Konzentration auf eine 
einzigeSache: Der Vorschlag, ein Buch- 
cafS zu starten. 


X- genommen, daß der Ortsverein einen 

*53 Studienzirkel über Anarchismus ma- 

5 chen mußte und daß ich ihn leiten sollte, 
g Ich war nicht sehr begeistert, teils weil 
^ ich mehrere Eisen im Feuer hatte, teils 
™ weil ich an meiner Eignung als Kurs- 
§ Ieiterin zweifelte. Aber nach einiger 
Zeit wurde der Zirkel für Anfang 1970 
angekündigt. Es gab viele Anmeldungen 
und der Zirkel war bald angefangen. 
Ich habe keine pädagogische Phantasie 
und begann ganz herkömmlich im ide¬ 
enhistorischen Stil. Jedesmal eine Ein¬ 
leitung durch mich und anschließend 
Diskussion. Es kamen weit mehr Teil¬ 
nehmer, als ich erwartet hatte. Vielleicht 
gehörte ein Drittel meinem gewöhn¬ 
lichen Kameradenkreis, ein weiteres 
Drittel neue Ortsvereinsmitglieder, die 
sich während der Links welle der späten 
60er anschlossen und der Rest waren 
außenstehende Anarchisten. Wir tagten 
nicht in einem unserer eigenen Lokale, 
sondern in einem alten, schönen Haus 
in Götgatan (Götstraße). Das war bedeu¬ 
tungsvoll. Das face-artige Drama, das 
ich nun beschreiben versuche, spielte 
sich in Stockholm-Söder ab. Das war 
auch geografisch ein neues Gebiet für 
mich. 

Ich glaube mein konventionell ge¬ 
planter Zirkel kam auf drei Zusammen¬ 
künfte. Beim vierten fand ich die Mit¬ 
gliederzahl etwas vermindert. Insbe¬ 
sondere fehlten drei der interessiertesten 
Teilnehmer: Der Künstler Olle Bonnier, 
der junge Student Bosse Talerud und 
unser jüngstes Mitglied Ted Bergström. 
Ich hatte kaum mit der Einleitung 
begonnen, als diese drei als gesammelter 
Trupp in den Raum stürzten und die 
Sitzung abbrachen. Sie erklärten, daß 
sie den Studienzirkel nicht in der her¬ 
gebrachten Weise fortführen wollten 
und legten einen ehrgeizig ausgearbei¬ 
teten alternativen Plan für die Studien¬ 
arbeit vor. Der ging davon aus, daß man 
das Ganze in verschiedene Themen 
aufteilen sollte, so daß jeder sich mit 
dem beschäftigen konnte, das ihn oder 


Das Buchcafe 

Ich war also Opfer eines Putsches 
geworden. Aber statt“abzutreten” fügte 
ich mich den Putschisten. Ich wurde 
von der allgemeinen Begeisterung über 
das ersehnte Buchcafe angesteckt. In 
meinem Inneren läutete keine Alarm¬ 
glocke, nicht einmal als Gunnar S vens- 
son, ein älterer Teilnehmer, der in der 
Geschichte des Anarchismus bewandert 
und Sammler anarchistischer Literatur 
war, Danke und Adieu sagte. Das Buch¬ 
cafe faßte ich als langfristiges Projekt 
auf, aber unglücklicherweise -muß ich 
doch sagen- offenbarte sich sehr bald 
eine Gelegenheit. Das hing damit zu¬ 
sammen, daß einige alte Häuser auf 
dem Hornsgats-Buckel abgerissen 
werden sollten. Als die Abrißarbeiten 
begannen, entdeckte man, daß die Häu¬ 
ser aus dem 17. Jhdt. zu schön waren, 
um abgerissen zu werden und lieber 
erhalten werden sollten. Die Arbeiten 
wurden gestoppt. Weil man aber schon 
mit der Räumung begonnen hatte, 
standen viele Wohnungen leer. So auch 
ein Cafe in einem neueren Haus, Bell- 
mansgatan 12. Dieehemalige Inhaberin, 
eine ältere Frau, war verstorben nach¬ 
dem sie viele Jahre einen einfachen 
Imbiß dort betrieben hatte. 

Es war Olle Bonnier, der die Ent¬ 
deckung gemachthatte. Er wohnte selbst 
in Stockholm-Söder und war als Künst¬ 
ler an der Geschichte der schönen Häu¬ 
ser, die nichtabgerissen werden sollten, 
interessiert. Wortreich beschrieb er uns, 
wie wunderbar es dort oben auf dem 
Mariaberg werden sollte, wenn die ge¬ 
plante Sanierung durchgeführt war. Die 
Übernahme des Lokals sollte mit In¬ 
ventar und allem drum und dran zwan¬ 
zigtausend Kronen kosten. Die Cafe¬ 
gruppe mit dem SAC-Kassierer an der 
Spitze bewegte den SAC-Arbeitsaus- 
schuß dazu, diese Summe als Darlehen 
zu bewilligen. Der Stockholmer Orts¬ 
verein lieh uns zehntausend Kronen als 


Betriebskapital. Sobald der Vertrag ge¬ 
schrieben war, begann die Cafegruppe, 
das Lokal zu renovieren. Zusammen 
mit einem Kameraden, der Buchhan¬ 
delsgehilfe war, beschaffte ich ein 
passendes Buchsortiment von Federa- 
tivs und anderen Verlagen, auch auslän¬ 
dischen. Ich war voller Begeisterung, 
aber als wir die Bücher in die Regale 
stellten, sah das Ganze erbärmlich aus. 
Ein mehr kommerziell veranlagter 
Kamerad kam schließlich darauf, daß 
man die Bücher mit der Vorderseite 
statt mit dem Rücken präsentieren 
könnte. Einige Gestelle wurden ange¬ 
schafft, und das Ganze sah schließlich 
richtig professionell aus. 

Am 1. Mai 1970 wurde das anarchis¬ 
tische Buchcafe in Bellmansgatan 12 
eröffnet. Leute, die direkt vom Demon¬ 
strationszug kamen, füllten schnell das 
Lokal und die Straße davor. Jemand 
schätzte die Zahl von fünfhundert Per¬ 
sonen. Wir von der Cafegruppe servier¬ 
ten Kaffee und andere Getränke mit 
feurigem Eifer. Ein Bombenerfolg! ? Es 
schien so. Aber trotz dieser festlichen 
Eröffnung wurde das ganze Unterneh¬ 
men ein völliger Mißerfolg. Im No¬ 
vember 1970, nur einige Monate später, 
schrieb ich an Carl Heinrich Petersen, 
einen dänischen Kameraden, der einen 
anarchistischen Buchhandel in Viborg 
betrieb: 

“Die bittere Wahrheit ist, daß das 
Caf 6 von sogenannten Anarchisten aus- 
gepl ündert wurde, die es ganz natürlich 
fanden, die Bücher zu stehlen, die sie 
lesen wollten. Sie äußerten sich so, daß 
die Bücher für diejenigen seien, die sie 
lesen wollten und daß es «kapitalistisch» 
sei, sie zu verkaufen. An dieser Äuße¬ 
rung ist ja etwas dran, aber man kann 
nicht einfach ein Buchcafe zugrunde 
richten. Der gleiche Typ Anarchisten 
war gegen alle Regeln, solch einfache 
Sachen, wie zu bestimmten Zeiten ge¬ 
öffnet oder geschlossen zu haben. Sie 
beschafften sich eigene Schlüssel und 
man wußte niemals, was in Bellmans¬ 
gatan geschah. Es war ein Zirkus. Die 
ursprüngliche Gruppe, die am Studien¬ 
zirkel teilnahm und das Caf 6 aufgebaut 
hatte, fühlte sich in diesem Milieu nicht 
mehr wohl, und die Mitglieder zogen 
sich, einer nach dem anderen zurück. 
Von den ursprünglichen Mitgliedern 
blieben nur einige übrig, die weitcr- 
kämpften. Als wir schließlich die Still¬ 
legung beschlossen, wurden wir von 


[ 62 ] S F 3/96 














den Anarchisten «besetzt» und hatten 
unsere Mühe sie loszuwerden. Das 
Ganze endete also als vollständiger Mi߬ 
erfolg. Der Fehler war, daß wir keine 
feste und verantwortliche Gruppe hat¬ 
ten, bevor wir mit dem Cafe begannen. 
Wir waren optimistisch und gutgläubig, 
wir waren gewohnt, daß Anarchisten 
idealistische und generöse Menschen 
sind, die gerne etwas für «die Sache» 
opfern, sowohl Arbeitais auch Geld. So 
kam cs, wie es kam.” 

Reprise contra Kapital 

Zur Erklärung will ich noch hinzufügen, 
daß mit der Wiederauferstehung des 
Anarchismus 1967/68 auch gewisse 
Haltungen aus den vorherigen Jahrhun¬ 
dert und der Jahrhundertwende wieder¬ 
auferstanden, so auch reine Fehldeu¬ 
tungen der Äußerungen anarchistischer 
Theoretiker. Ein Beispiel ist Pierre- 
Joseph Proudhons berümter Ausspruch, 
daß Eigentum Diebstahl ist. Der Aus¬ 
spruch war in einer akademischen 
Schrift enthalten und wurde von Proud- 
hon niemals in demagogischer Absicht 
benutzt. Aber gegen Ende des 19. Jahr¬ 
hunderts gab es eine anarchistische 
Richtung in Frankreich, die Proudhons 
Ausspruch in der Weise auslegten, daß 
wenn Eigentum Diebstahl wäre, man 
auch das Recht habe es zurückzuholen. 
Sie stahlen also, nannten es aber nicht 
stehlen, sondern “Reprise”, was wie¬ 
derholenbedeutet. DieseReprise-Anar¬ 
chisten wurden von den anderen fran¬ 
zösischen Anarchisten hart bekämpft 
und das Thema bis ins Unendliche 
diskutiert. Ich hatte bereits 1968 in Paris 
bemerkt, daß das Wort Reprise aufs 
Neue in einem Teil anarchistischer Pro¬ 
paganda figurierte. Aber ich ahnte nicht, 
daß diese Erscheinung sich bis zu uns 
nach Schweden ausbreiten sollte. 

In der ersten Zeit nach Eröffnung des 
Cafes bekamen wir oft Besuch von einer 
jungen Frau, die mit ihrem Mann in 
einer der geräumten Wohnungen lebte. 
&eide waren Anarchisten. Karin, wie 
ich sie nenne, hatte zwei kleine Kinder 
und kam gewöhnlich mit ihnen ins Cafe. 
Sie suchte meist Gesellschaft, glaube 
ic h, kaufte.niemals etwas, weder Bü¬ 
cher, noch was das Buffet zu bieten 
hatte. Offenbar lebte diese Familie, die 
keinen proletarischen Hintergrund hatte, 
au f einem sehr niedrigen wirtschaft¬ 


lichen Niveau. Karin äußerte eines Ta¬ 
ges ziemlich geradeheraus, daß “Anar¬ 
chisten keine Bücher kaufen, sie stehlen 
sie”. Ich war baff. Nicht über die ei¬ 
gentliche Äußerung, sondern darüber, 
daß sie in unserem neueröffneten B uch- 
cafe fiel, dessen Bestand darauf beruhte, 
daß wir durch den Buchverkauf die 
Miete zusammenbekommen und um 
unsere Schulden abbezahlen zu können. 
“In dem Fall wäre es wohl ganz gut, den 
Buchverkauf einzustellen”, sagte ich 
sauer. Wir diskutierten die Sache nicht 
mehr weiter, aber es taucht immer wie¬ 
der auf. Wenn wir versuchten, über die 
wirtschaftlichen Verhältnisse zu reden, 
wurden wir von den jungen Besuchern 
beschuldigt, daß wir ein kapitalistisches 
Denken hätten. Es konnte um solche 
Lapalien gehen, wiedas Bezahlen einer 
Tasse Kaffee. 

Anarchie bedeutet ja ohne Herrschaft, 
ohne Macht. Man kann auf verschiedene 
Weise Anarchist sein. Man kann gegen 
die Macht in der etablierten Gesellschaft 
mitallen -auch illegalen- Mitteln kämp¬ 
fen. Man kann stattdessen der Macht 
soviel, wie möglich ausweichen und 
bereits heute versuchen, mit anderen 
zusammen anarchistisch zu leben. Und 
man kann sich in erster Linie dafür 
interessieren, wie eine anarchistische 
Gesellschaft in der Zukunft leben soll, 
und wie dies langfristig zu verwirklichen 
ist. Diese Haltungen können mitein¬ 
ander vermischt sein, aber ich glaube, 
daß man sagen kann, daß die meisten 
der Cafegruppe zu der letztgenannten 
Kategorie gehörten. Das Problem war, 
daß Personen aus den beiden anderen 
Kategorien es schwer hatten, mit uns 
einig zu werden und wir mit ihnen. Die 
Hippie- Bewegung in den USA und ihr 
Ableger in Schweden gaben Beispiele 
für die andere Kategorie Anarchisten, 
die sofort nach anarchistischen Prin¬ 
zipien leben wollten. 


Die Hippies 

Viele der Jugendlichen, die unser 
Buchcafe besuchten, waren sehr froh 
über unsere Initiative. Sie schufen eine 
enthusiastische Stimmung und wollten 
dabeiseinund über das Cafe bestimmen, 
was wir sympathisch fanden, aber sie 
verstanden nicht, daß sie dann auch 
Verantwortung tragen mußten. Ich 
erinnere mich an eine “Großversamm¬ 


lung”, auf der per Abstimmung be¬ 
schlossen wurde, daß das Buchcafd den 
ganzen Tag geöffnet haben soll, anstatt 
nachmittags und abends, wie wir be¬ 
stimmt hatten. Ich ergriff das Wort und 
sagte, daß diejenigen, die dafür ge¬ 
stimmt hatten, sich damit auch ver¬ 
pflichtet hätten, Dienstzu machen. Nicht 
alle hatten sich das so gedacht und 
einige, die an diesen Beschluß mit¬ 
wirkten, sahen wir dann niemals wieder. 

Der Verfasser Sven Delblanc, der 
1968 Schwedischlektor an der Uni¬ 
versität von Berkelcy/Kalifornien war, 
schreibt in seinem Buch “Eselsbrücke” 
über amerikanische Hippies, daß sic 
",mit ihrer Lebensführung protestieren 
und auf einmal parasitär und auf¬ 
rührerisch gegen die Gesellschaft 
auftreten” Diese treffende Charakter¬ 
istik paßt auf einen Teil unserer Anar¬ 
chisten, die übrigblieben, während die¬ 
jenigen, die unser “kapitalistisches Den¬ 
ken” nicht aushiclten, verdunsteten. Sie 
benutzten das Cafe als Stammlokal, was 
genau das war, was wir von Anarchisten 
erwarteten. Aber sie nutzten es rück¬ 
sichtslos aus: sie hatten private Feste, 
ohne sich in irgendeiner Weise an der 
Pflege des Lokals zu beteiligen, welche 
ziemlich beschwerlich für uns wurde. 
Unter diesen Ausnutzem waren zwei 
einge wunderte französische Künstler in 
Ausbildung und deren schwedische 
Freundinnen. Es gab mehrere Künstler 
und Kunsthandwerker in dieser Szene, 
was dem Ganzen einen kleinen bohem- 
ischen Touch verlieh. 

Auch unsere asylsuchenden Schütz¬ 
linge Daniel und Sergio besuchten das 
Buchcafe. Daniel war eigentlich eine 
korrekte Person, für die ich in meiner 
Erinnerung freundschaftliche Gefühle 
bewahre (obwohl er mich einmal 
widerliche Bürgertante nannte), aber 
Sergio war Berufsdicb (wie wir später 
erfuhren) understahl aus unserer Kasse, 
wenn die Sozialhilfe, die ich ihm zu 
bekommen half, nicht ausreichte, weil 
er Kettenraucher war. Kurze Zeit war 
Sergio mit einer Schwedin verheiratet, 
zu der Zeit war es Mode in der schwe¬ 
dischen Linken, daß j ungcFrauen Barm- 
herzigkeitschcn mit Flüchtlingen ein¬ 
gingen, damit sie in Schweden bleiben 
konnten. Im allgemeinen waren cs 
Scheinehen, aber Sergio zog mit seiner 
Frau zusammen, welche ihn allerdings 
bald hinauswarf, worauf er sich unge¬ 
fragt im Buchcafe häuslich niederlicß. 


SF 3/96 [63] 




Foto: Wolfgang Müller 



Das heißt er übernachtete dort. Ich er¬ 
innere mich nicht mehr, wie wir die 
Sache regelten, als wir es bemerkten, 
aber das Problem Sergio hatte sich dann 
schnell erledigt, weil er wieder nach 
Italien ging. 

Andere Sachen, die heimlich im 
Buchcafe vor sich gingen, waren Hasch¬ 
rauchen und die Anfertigung von Mo- 
lotovcocktails. Wir von der Cafegruppe 
erfuhren es erst im Nachhinein. Hasch 
kann durch seinen Geruch, den es nach 
dem Rauchen hinterläßt, bemerkt 
werden (obwohl ich niemals den Un¬ 
terschied zu gewöhnlichen Tabaksrauch 
festzustellen lernte). Die Moltovcock- 
tailherrstellung verriet sich durch Ben¬ 
zin und Stoffreste in der Küchenspüle. 
Mir ist nur ein Anschlag bekannt, der 
mit selbstgemachten Brandbomben und 
Bellmansgatan 12 als Basis ausgeführt 
wurde. Er stand in der Zeitung, kein 
Mensch kam zu Schaden. 

Die Uneinigkeit betraf nicht nur die 
Finanzen und Ordnungsregeln, es herr¬ 
schten ungleiche Auffassungen, wel¬ 
ches Erscheinungsbild das anarchis¬ 
tische Cafe haben sollte. Wir aus der 
ursprünglichen Cafegruppe wollten eine 
seriöse Erscheinung, wir wollten Bücher 
verkaufen, Studien betreiben, Diskus¬ 
sionsabende mit Gästen veranstalten 
und so weiter. Andere wollten ein 
agressiveres anarchistisches Erschei¬ 
nungsbild; mit schwarzen Fahnen und 


Symbolen. Wieder andere pfiffen auf 
das Erscheinungsbild und stellten in 
ihrer liebevollen Toleranz niemals For¬ 
derungen an das Betragen den Kame¬ 
raden gegenüber. 

Viele Male passierte es mir, daß ich 
von unerwarteten Anblicken überrascht 
wurde, wenn ich zum Dienst ins Cafe 
kam. Einmal lag ein junger, schmuck 
gekleideter Mann ausgestreckt auf 
einem der ausgebesserten Sofas, die 
zur Einrichtung des Cafes gehörten. Er 
war sturzbetrunken und schlief. Er war 
ein Bruder einer unserer üblichen 
Besucher. Meine Reaktion war natür¬ 
lich: Wir können ihn dort nicht liegen 
lassen! Ich wurde von eisiger Ver¬ 
achtung getroffen: Gewiß sollte er dort 
liegen! Ein anderes Mal war es eine 
junge Frau, die auf einem der Sofas lag. 
Sie war regungslos. Die Kameraden, 
die sie umgaben, erklärten, daß sie aus 
einer Nervenklinik in einer anderen 
Stadt ausgerissen war. Ich sagte, daß 
wir Kontakt zu Ihren Eltern aufnehmen 
müssten. Nein, das sollten wir auf keinen 
Fall tun, sagte ein Bursche, der sich um 
sie kümmerte und versuchte, sie auf 
dem Sofa zu halten. Er erklärte sich als 
kompetent, sie zu betreuen und zeigte 
mir Tabletten, die er ihr geben würde. 
Hinterher habe ich angenommen, daß 
sie sich in einem akuten Stadiums des 
Entzuges befand. Ich weiß nicht, wie 
die Episode endete. Auf eine Art war es 
natürlich imponierend zu sehen, wie 
junge Leute sich umeinander in der Not 
kümmerten, aber für das Erscheinungs¬ 
bild war das nicht gut. Ein Buchcafe 
kann ja nicht so eine Art Notaufnahme 
sein. Oder hätte es so gewesen sein 
sollen? Dieser Gedanke fällt mir ein; 
jetzt! Zuletzt hatte ich Angst ins Buch¬ 
cafe zu gehen. Man wußte niemals, was 
einen erwartete. 

Irgendeine Person aus einer Situ- 
ationistengruppe, die es in Stockholm 
gab, wollte uns zu etwas mehr Action 
im Erscheinungsbild verhelfen und 
schrieb, mit halbmeterhohen Buch¬ 
staben und großzügigerweise mit roter 
Sprühfarbe: plündern, anzünden auf 
unsere großen Schaufenster. Darunter 
stand ein etwas längeres Zitat und 
unterzeichnet war das Ganze mit Bon¬ 
not- Liga, einer Räuberbande aus dem 
Paris des 19.Jhdts. Ich fühlte mich 
beleidigt und erniedrigt, als ich stun¬ 
denlang zusammen mit einem hilfs¬ 
bereiten Kameraden die Farbe mittels 


Rasierklinge herunterkratzte. 

Der Situationismus war eine extreme 
Richtung der Linken der 60er Jahre in 
Europa. Seine Verteter sprachen von 
der “Macht der Arbeiterräte”, waren 
jedoch meist Studenten. Die Situatio- 
nisten waren eine Art Anarchisten, weil 
sie Staat, Bürokratie, Parlament, Bil¬ 
dungssystem, ja praktisch alles in der 
kapitalistischen Gesellschaft verwarfen. 
Aber sie nannten sich nicht Anarchisten, 
weil sie auch alle Ideologien und Ismen 
verwarfen. Ich habe den Situationismus 
niemals begriffen. Aber er war insoweit 
interessant, weil er tatsächlich ziemlich 
dominierend in der Studentenlinken in 
Frankreich 1968 war (Daniel gehörte 
zu dieser Richtung). Auch merkte ich 
später, als ich mich mit dem Verkauf 
anarchistischer Literatur beschäftigte, 
daß Bücher Situationismus weiterhin 
gefragt waren. 


Euphorische Momente 

Natürlich bestand nicht alles in Bell¬ 
mansgatan 12 aus widerwärtigen und 
blödsinnigen Konflikten. Es gab eup¬ 
horische Momente, in denen man glaub¬ 
te, daß das Unternehmen trotz allem 
funktionierte. Leute von außerhalb ka¬ 
men herein, weil sie an unserem Buch¬ 
angebotinteressiert waren. Ich erinnere 
mich an den Journalisten Torsten Ek- 
bom von “Dagens Nyheter”, der auf 
eine Leiter kletterte, damit ihm keine 
unserer Raritäten entging. Er kaufte 
dann einen ganzen Stapel Bücher. Der 
Schriftsteller Ivar Lo-Johansson, der in 
der Nähe wohnte, kam herein und 
richtete aufmundemde Worte an uns, 
jedoch ohne etwas zu kaufen. Und ein 
damals ziemlich bekannter, extrem 
moderner Künstler, Karsten S lettemark, 
schenkte uns ein Gemälde. Dieses Bild 
wurde zum Trost für mich, daß wir trotz 
aller Widrigkeit etwas wert waren. 

Tröstlich waren auch die wenigen 
aus der ursprünglichen Gruppe, die 
durchhielten: LennartCarlsson,Thomas 
Fürth, Beda und Knut Ström, Gottfried 
Lundh, Ted Bergström und einige an¬ 
dere. Olle Bonnier tauchte sporadisch 
auf und Willy, der Initiator, kam mit 
seinem Taxi vorbei. Aber oftmals war 
es einsam und der Mißerfolg schuf Un¬ 
behagen. Lennart Carlsson nahmen die 
Widrigkeiten übel mit. Nachdem das 
Buchcafe eingestellt war, gab er seinen 


[64] SF 3/96 












I 


Posten als S AC-Hauptkassierer auf und 
ging in seine Heimat Blekinge zurück 
um Bienenzüchter zu werden. Er war 
ein sehr guter Kamerad, der von vielen 
Syndikalisten betrauert wurde, als er 
bei einem späteren Autounfall umkam. 
Der junge Doktorand Thomas Fürth 
blieb für viele Jahre Freund und Mit¬ 
streiter, dasselbe gilt für Knut und Beda 
Ström. 

Gottfried Lundh war unser ältester 
Teilnehmer. Er war pensionierter Bau¬ 
arbeiter, einer dieser Pioniere, die die 
Eisenbahn in unserem Land gebaut 
hatten. Er war bei den jüngeren sehr 
beliebt und wurde Gotte genannt. Es 
war gleichsam beruhigend, einen “rich¬ 
tigen” alten Arbeiter im Kameraden¬ 
kreis zu haben. Ted Bergström war da¬ 
gegen der jüngste. Er war zwar nur ein 
Schuljunge, aber dennoch belesen in 
der Geschichte und den Ideen des 
Anarchismus, trotz seiner Jugend ein 
richtiger Experte. Gleichzeitig spürte 
Ted ein starkes Bedürfnis “etwas zu 
tun”, nicht nur zu lesen und zu disku¬ 
tieren. Wir älteren lächelten für ge¬ 
wöhnlich nachsichtig, wenn Ted auf- 
stand und sagte: “Nein, jetzt müssen 
wir hinausgehen und eine Aktion ma¬ 
chen.” Schwups war er verschwunden. 
Teds weitere Geschichte ist interessant. 
Hoffentlich wird er seine Erinnerungen 
selbst niederschreiben. 

Zu den positiven Erinnerungen ge¬ 
hören auch die Kontakte mit der Bevöl¬ 
kerung, die noch im Slum auf dem 
Mariaberg wohnte. Man hatte eine Bür¬ 
gerinitiative gegründet, um die Interes¬ 
sen der Einwohner zu verteidigen. Die 
Bürgerinitiative wollte eines Abends 
ein Treffen in unserem Lokal abhalten. 
Wir halfen das Treffen mit Plakaten 
bekannt zu machen und ein Schreiben 
an die Behörden zu verfassen. Das 
Buchcafe fülltesich, und wir servierten 
Getränke. Für ein einziges Mal klingelte 
es anhaltend in unserer altertümlichen 
Registrierkasse. Das Treffen diskutierte 
die Rechte der Bewohner oder den 
Mangel daran. Man wollte ein Recht 
darauf, daß die Geräumten nach der 
Sanierung wieder zurückziehen konnten 
u,, d protestierte gegen eventuelle Pläne, 
aus Mariaberg ein Reservat für reiche 
zu machen. 

Marie Christine Mikhailov aus Lau- 
Sa nne in der Schweiz war zu Besuch in 
Schweden und wollte dem CIRA (In- 
ter nationalcs Zentrum für Anarchis¬ 


musforschung) über das Buchcafe be¬ 
richten. Auch dieses Treffen gehört zu 
den guten Erinnerungen. Unser Buch¬ 
cafe funktionierte genau so, wie wir 
erhofft hatten. 

Als positiv kann ich inzwischen auch 
die Aktivitäten betrachten, die sich in 
Bellmansgatan 12 im Geheimen, ohne 
Wissen der verantwortlichen Gruppe, 
entwickelten. Die Proteste der radikalen 
Jugend richteten sich im Jahr 1970, 
wenn man von Vietnam absieht, gegen 
die noch bestehenden militärischen 
Terrorregimes in Spanien und Griechen¬ 
land. Demonstrationen und Aktionen 
wurden in Zusammenarbeit mit spa¬ 
nischen bzw. griechischen Flüchtlingen 
durchgeführt. Am 18.Juli 1970 gab es 
einen großen Krach vor der spanischen 
Botschaft. Spanische und schwedische 
Jugendliche protestierten dagegen, daß 
die spanische Oberklasseden Ausbruch 
des Bürgerkrieges feierte. Als die ele¬ 
gant gekleideten Damen beim Fest an¬ 
kamen, wurden sie von den Demons¬ 
tranten als “putas” (Huren) beschrien. 
Der Botschafter ließ die Demonstranten 
zuerst im Garten auf den Rasen sitzen, 
aber als ein junger spanischer Flüchtling 
in die erste Etage kletterte und eine rot¬ 
schwarze Fahne schwang, rief er die 
Polizei. Es gab einen gräßlichen Krawall 
mit Widerstand gegen die Polizei, Flag¬ 
genverbrennung und allem möglichen. 
Die spanischen Damen und Herren 
fanden ihr Fest zerstört, was ja beab¬ 
sichtigt war. 


Schloß 

Leider richtete sich die letzte Aktion 
der Aktivisten gegen uns, die verant¬ 
wortliche Gruppe. Wir hatten beschlos¬ 
sen, den Betrieb einzustellen und ein 
Treffen einzuberufen. Ein letztes Mal 
war das Lokal gutgefüllt. Wirerklärten, 
daß wir den Betrieb in Bellmansgatan 
12 aus ökonomischen Gründen nicht 
weiterführen konnten und baten die 
Anwesenden die eigenmächtigen Nach¬ 
schlüssel abzugeben. Es gab natürlich 
Proteste und es hagelte Beschuldigun¬ 
gen gegen uns. Während dieser Unruhe, 
ging etwas vor sich -buschstäblich hinter 
unseren Rücken. Die Aktivisten hatten 
einen Schlosser herbeigerufen, der das 
Türschloß auswechselte. Dann wurde 
die Tür verschlossen und einer der Ak¬ 
tivisten erklärte höhnisch grinsend das 
Foto: J.J. Hoffmann 


Cafe für besetzt. Darauf folgte die Plün¬ 
derung. Die Anwesenden begannen da¬ 
mit, Bücher aus dem Sortiment einzu¬ 
packen. Aber ich glaube nicht, daß viele 
daran teilnahmen. Ich glaube mich zu 
erinnern, daß es mehr geplagte als 
hohngrinsende Gesichter unter den Be¬ 
setzern gab. Als sie zum Schluß ein¬ 
sahen, daß der Stillegungsbeschluß 
unwiderruflich war, schoben sie uns 
hinaus und verjagten uns. Übrig blieben 
einige von uns, die im Dunkeln auf der 
Straße standen, um auf den Schlosser 
zu warten, der das Schloß noch einmal 
tauschen durfte. 

Das schlimmste bei diesem erbärm¬ 
lichen Finale war mein eigenes unwür¬ 
diges Auftreten. Ich hatte, als ich zum 
Treffen ging, beschlossen, still zu blei¬ 
ben und meinen Kameraden das Wort 
zu überlassen. Aber ich konnte meinen 
Vorsatz nicht einhalten. Angesichts der 
Beschuldigungen der Gegenpartei, 
platzte meine Selbstbeherrschung. Ich 
sah mich plötzlich dort sitzen und die 
ganze Litanei der Gegenbeschuldigun¬ 
gen hervorbringen. Ich erniedrigte mich. 

Das war der letzte Tropfen in dem 
bitteren Kelch, der dieses Erlebnis ge¬ 
worden war. 

Aus: Britta Gröndahl, Äventyrens ar- 
Erinnerungen aus drei Jahrzehnten als 
Syndikalistin, Stockholm 1994 









Zehn Jahre DadA 
Berlin/Köln - 
DadA jetzt auch im 
Internet! 


Vor nunmehr zehn Jahren haben wir 
DadA ins Leben gerufen - übrigens 
genau 70 Jahre nach den berühmten 
ersten DADA-Auftritten von 1916 in 
der Spiegelgasse von Zürich. Da wir 
vergleichsweise unspektakulär, ja be¬ 
scheiden daher kommen, sind wir leider 
noch immer nicht ganz so bekannt wie 
unsere berühmten Namensvettern. Das 
doppelte Jubiläum nehmen wir deshalb 
zum Anlaß, noch einmal nachdrücklich 
auf die Existenz von DadA hinzu weisen. 

Was ist DadA? 

“Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine 
P olitik? Eine Feuerversicherung? Oder 
Staatsreligion? Ist dada wirklich Ener¬ 
gie? oder ist es Gar nichts, d.h. alles?” 
Raoul Hausmann über Dada in der von 
ihm herausgegebenen Zeitschrift u Der 
Dada” Nr.2, Berlin 1919. 

Doch “Dada ist mehr als Dada" 
(ebenfalls Hausmann), DadA lebt! 

In leichtabgewandelter Schreibweise 
existiert DadA seit zehn Jahren als "Da¬ 
tenbank des deutschsprachigen Anar¬ 
chismus" (DadA) mit dem Ziel, eine 
möglichst umfassende Dokumentation 
libertärer Bewegungen im deutschen 
Sprachraum zu liefern. Damit soll dem 
Informationsdefizit auf diesem Gebiet 
entgegengewirkt und eine Grundlage 
für eine kontinuierliche Auseinander¬ 
setzung mit diesem Teil der Geschichte 
und Theoriebildung ermöglicht werden. 
Erfaßt wird das gesamte Spektrum der 
deutschsprachigen libertären Publizistik 
in den folgenden Teildatenbanken: 


Pressedokumentation 

(DadA-P) 

Mitüber 1600Titeln von den Anfängen 
um 1800 bis zur Gegenwart ist dieser 
Bereich annähernd vollständig doku¬ 
mentiert. Neben Zeitungen und Zeit¬ 
schriften werden auch Schriftenreihen, 
Jahrbücher, Kalender, Pressedienste, 
Kongreßprotokolle, Rundschreiben, 


Kataloge u.ä. berücksichtigt. Eingang 
finden auch der anarchistischen Bewe¬ 
gung nahestehende Publikationen, so 
z.B. die Zeitschriften der Dadaisten. 
Über die üblichen bibliographischen 
Angaben hinaus wie Titel, Herausgeber, 
Erscheinungsort,Erscheinungszeitraum 
usw. werden auch Besitznachweise von 
B ibliotheken oder Archiven aufgeführt, 
um Interessierten die direkte Einsicht 
in die libertäre Presse zu erleichtern. 


Liferaturdokumentation 

(DadA-L) 

In Zusammenarbeit mit der Berliner 
Gesellschaft zum Studium sozialer 
Fragen e.V. wird auf der Basis des dort 
vorhandenen Bibliotheksbestandes und 
einiger Privatarchive die deutschspra¬ 
chige Primär- und Sekundärliteratur 
zum Anarchismus einschließlich Hoch¬ 
schulschriften und Fachaufsätze mit 
einer Kurzbeschreibung und inhalts¬ 
erschließenden Schlagwörtem doku¬ 
mentiert. Erfaßt sind zur Zeit mehr als 
2.000 Titel, überwiegend aus der Zeit 
nach 1945. 


Nutzung von DadA 

Die dokumentierten Informationen 
können bisher nur über eine Auftrags¬ 
recherche genutzt werden. Es ist jedoch 
geplant, die Datenbank in elektronischer 
Form (auf Diskette oder CD-ROM) zu 
veröffentlichen. Bei Anfragen werden 
spezielle Recherchen durchgeführt und 
die Ergebnisse als Computerausdruck 
oder Textdatei zur Verfügung gestellt. 
Da unser Projekt nur über begrenzte 
Mittel verfügt, müssen wir (zur Deckung 
der Selbstkosten) für die Recherchen 
eine geringe Gebühr erheben. Dies sind 
zur Zeit 10,00 DM Grundgebühr (incl. 
zehn Titelnachweise) plus 0,20 DM für 
jeden weiteren Titel. 

DadA im Internet 

http://www.free.de/dada/ 

index.htm 

Seit dem 1.Mai 1996 ist DadA nun auch 
im Internet (World-Wide-Web) er¬ 
reichbar. Auf unseren Web-Seiten fin¬ 
den sich detaillierte Informationen zur 


Geschichte und zum aktuellen Arbeits¬ 
stand von DadA, Grundlagentexte zum 
Forschungsthema und eine Pressega¬ 
lerie mit ausgewählten Exponaten der 
deutschsprachigen libertären Presse. Es 
ist geplant, die Datenbank selbst über 
das Internet on-line zugänglich zu ma¬ 
chen. Einstweilen kann in unserer Lite¬ 
ratur- und Pressedokumentation über 
ein detailliertes Register rercherchiert 
werden. Die Gelben Seiten informieren 
über Anschriften, Programme und Pro¬ 
file der libertären deutschsprachigen 
Buchverlage und Zeitschriften sowie 
über themenrelevante Bildungs- und 
Forschungseinrichtungen. In den Dad A- 
News findetsich eine Bücherrundschau 
(über Neuerscheinungen) und Nach¬ 
richten vor allem aus der Anarchismus¬ 
forschung. Zahlreiche Links (Verweise) 
führen zu thematisch verwandten 
deutschsprachigen und internationalen 
Intemetanbietem. 

Tretet DadA bei! 

In unserer Arbeit sind wir sehr stark auf 
die informelle Unterstützung durch 
Archive und die Zeitschriftenprojekte 
selbst angewiesen. Deshalb möchten 
wir insbesondere alle ehemaligen und 
noch aktiven Herausgeber und Mitar¬ 
beiter libertärer Periodika bitten, uns 
Informationen zu ihren Zeitschriften 
und möglichst die Zeitschrift selbst (zu¬ 
mindest in exemplarischen Ausgaben) 
zur Auswertung und Archivierung zur 
Verfügung zu stellen. 

Weitere Informationen und Ansprech¬ 
partner: 

DadA Sektion Berlin 
Jochen Schmück 
Postfach 44 03 49 
12003 Berlin 

Tel./Fax: (030)6 86 65 24 

DadA Sektion Köln 
Günter Hoerig 
Postfach 10 18 18 
50548 Köln 
Tel.: (0221) 73 05 02 

DadA im Internet 

- Home-Page: http://www.free.de/dada/ 

index.htm 

- E-mail: schmueck@zedat.fu-berlin.de 

Günter Hoerig und 
Jochen Schmück 


[ 66 ] SF 3/96 










- Leserbriefe - 

Betr.: SF2/96, Aufstandbekämpfung 
mit Steuergeldern 

Ich finde es gut, daß sich Karl Rössel 
kritisch mit dem GTZ-Vorhaben auf 
Bondoc auseinandersetzt. Da ich selber 
seit 15 Jahren GTZ-Mitarbeiter bin, in¬ 
teressieren mich solche Berichte na¬ 
türlich besonders. Da ich mich ande¬ 
rerseits seit über20 Jahren als libertären 
Sozialisten verstehe, möchte ich aber 
einige kritische Anmerkungen machen. 

Die Deutsche Gesellschaft für Tech¬ 
nische Zusammenarbeit (GTZ) ist, 
neben der Kreditanstalt für Wieder¬ 
aufbau (KfW), die größte deutsche Or¬ 
ganisation in der Entwicklungszusam¬ 
menarbeit. Es werden viele 100 Projekte 
in über 100 Ländern weltweit durch- 
geführl. 

Darunter sindbestimmtschlcchte und 

bedenkliche, aber auch sehr viele gute. 
Eine entsprechende Analyse für die 

Nichtrcgierungs-Organisationen würde 
wahrscheinlich ähnlich ausfallcn. Karl 
Rössel sei herzlich eingeladen, sich über 
die Projekte zu informieren, die ich 
selber derzeit koordiniere. 

Würde die GTZ und auch andere 
Organisationen konsequent in Ländern, 
in denen Menschenrechtenichtbeachtet 
werden, ihre Projekte schließen, dann 
gäbe cs quasi keine Projekte mehr. In 
Ländern, die die Menschenrechte mit 
Füßen treten, führt auch die GTZ keine 
Projekte durch. Projekte auf den Phi¬ 
lippinen sind generell, im Vergleich 
mit vielen anderen Ländern, in meinen 
Augen gerechtfertigt. Es kommt eben 
auch darauf an, wem ein Projekt hilft. 
Insofern ist die Kritik an dem Bondoc- 
Projckt sicher begründet. 

In der GTZ arbeiten viele Menschen, 
die sich gerade wegen ihres sozialen 
Engagements für diese Ander Tätigkeit 
entschieden haben. Mir ist cs ebenso 
gegangen und ich habe diese Entschei¬ 
dung bis heule nicht bereut. Im Gegen 
teil, ich finde in der GTZ weit mehr 
interessante und engagierte Menschen 
als in vielen anderen Bereichen. Und 
die Mehrzahl dieser Menschen ubt ihre 
Tätigkeit verantwortungsvoll aus. 

Da es sich aber auch um einen Beruf 
handelt, wird dafür ein Gehalt gezahlt. 
Die Gehälter der GTZ-Zentrale in 
Eschborn liegen im Rahmen dessen, 


was auch an anderer Stelle für solche 
Tätigkeiten gezahlt wird. 

Im Ausland werden international üb¬ 
liche Zuschläge gezahlt und die Steuer¬ 
freiheit ist keine Erfindung der GTZ, 
also auch nicht den Auslandsmitarbei¬ 
terinnen anzukreiden. Es ist deshalb 
unfair, Artikel über Entwicklungshilfe 
durch Gegenüberstellung von den rei¬ 
chen Experten mit verarmten Zielgrup¬ 
pen emotional in eine bestimmte Rich¬ 
tung zu lenken. Ich möchte die Anar¬ 
chistinnen sehen, die für ein 30- 
40jähriges Berufsleben in der Entwick¬ 
lungszusammenarbeit auf dem jewei¬ 
ligen Ni veau der Länder leben, in denen 
sie gerade arbeiten. 

Um es noch einmal klar zu stellen: 
Ich bin dafür, Entwicklungszusam¬ 
menarbeit kritisch, sogar sehr kritisch 
zu sehen. Ich bin aber dagegen, diese 
insgesamt zu verdammen. Bei der kri¬ 
tischen Auseinandersetzung sollte des¬ 
halb klar sein, daß es neben schwarzen 
auch weiße Schafe gibt (wie immer die 
Farben interpretiert werden). Dies gilt 
im übrigen nicht nur für die GTZ, 
sondern für alle anderen in diesem 
Sektor tätigen Organisationen. 

Stephan Krall 


Kleinanzeigen (20.-) 

Graswurzler, 40, verh., sucht Kontakt zu 
libertären Personen / Gesprächs: und/oder 
Aktionsgruppen im Raum München und 
Oberbayem. Tel . 08151-73716 

Suche Material oder Hinweise über: 

1) . die Zeitung "Der Koloniale Freiheits¬ 
kampf" (Organ der Liga gegen koloniale 
Unterdrückung und Imperialismus). Er¬ 
schienen mtl. etwa 1926-1933 in dt, frz, 
engl, und arabisch. 

2) Fritz Danziger, Lucy Peters, George 
Lansbury, Theodor Lessing, Alfons Gold¬ 
schmidt, Georg Ledebour, Helene Stöcker 
(dt. Friedenskartell). 

3) Dt. Sektion (u.a.) der "Ligue de Defense 
de la Race Negroe (Liga zur Verteidigung 
der Negerrasse), Hauptsitz in Paris, ge¬ 
gründet ca. 1930 in Berlin, Friedrichstr.24. 
Zuschriften bitte an: Mojtaba Kolivand, PF 
3873 , 76023 Karlsruhe 


Zeitschriftenschau 


blätter des iz3w, Nr. 215 
Schwerpunkt: Religiöse Sinnstiftung 
in der Moderne: Neue Religiosität in 
der modernen Welt * Instrumentalisie¬ 
rung der Religionen in Indien * Mis¬ 
sionierte Frauen in Lateinamerika * Die 
jüdischeOrthodoxieim modernen Staat 

* Protestantischer Fundamentalismus 
in den US A * Essay * Weitere Themen: 
Kommentar, Berichte und Analysen zu 
Zentralasien * Brasilien * Philippinen: 
Bondoc * Tibet- und Kurdistan-Solida¬ 
rität * Entwicklungstheorie * Rezen¬ 
sionen 

Einzelpreis: DM 8.-; Bezug: iz3w, Pf 
5328, 79020 Freiburg 

ila, Nr. 198 

Schwerpunkt: Candomble * Geschi¬ 
chte der Sklaverei in Brasilien * 
Schwarzer Widerstand * Die dynam¬ 
ische Struktur der Welt der Orixas * 
Gespräch mit Dieter Fohr * Candomble 
und privater Raum * DieMaes-de-Santo 
behandeln die Kranken als Produkt i hrer 
Umwelt * Eguns * Interview mit Baba- 
lorixä Marcelo de Xango * Geschlech- 
terverhätnisse im Candomble * Entste¬ 
hungsgeschichte * Weitere Themen: 
Kommentar, Berichte; Interviews und 
Analysen zu Guatemala * Kolumbien * 
Tochter Anna Seghers * Mario Correa 
Tascön * Brasilien-Solidarität * Chia- 
pas-Kongreß * Theologie der Befreiung 

* Rezensionen 

Einzelpreis: DM 8.-; Bezug: ila, Oscar 
Romero Haus, Heerstr. 205, 53111 
Bonn. 

Lateinamerika Nachrichten, Nr. 266/ 
67 

Schwerpunkt: Neoliberalismus * Ar¬ 
gentinien * Chile * Jamaica: 2 Jahr¬ 
zehnte Strukturanpassung * Bolivien: 
Reformprojekt der Participaciön Popu¬ 
lär * Brasilien * Debatte * Weitere 
Themen: Kommentar, Berichte, Inter¬ 
views und Analysen zu Agrarreform * 
Sozialpolitik * Habitat 2 * Biodiversität 
/ Gentechnik * FAO Konferenz * Re¬ 
zensionen * Kritik 

Bezug: LN-Vertrieb, Gneisenaustr. 2a, 
10961 Berlin 






















Alles Lüge! 




Postvertriebsstück * E 9860F * Entgelt bezahlt * Trotzdem-Verlag, PF 1159, 71117 Grafenau